"Unbeschwert fröhlich" soll dieser Film also sein? Er gehört zum Traurigsten, was ich kenne. Im Kino gewesen: Geweint. Ihn auf VHS gesehen, Karens Abschied von der Gruppe zum fünften Mal durchlitten, jedes Mal, wie auf Knopfdruck, fließen die Tränen. Wäre ich Method Actor, bräuchte ich nicht irgendeinen bestimmten Sinatra-Song, den mir meine Mutter mal vorgesungen hat, für eine Heulszene, sondern nur "Idioten" - den mit Abstand waghalsigsten, besten Trier-Film (noch vor Europa, Breaking..., der Amerika-Trilogie...), auch den besten Dogma-Film (noch vor Festen!). Dass er nach über zehn Jahren endlich auf DVD erscheint, ist ein Glücksfall (vor allem gibt es erhellendes, teilweise hochinteressantes Bonusmaterial). Die Bilder sind hingerotzt, verwackelt (aber sehr viel verwackelter, als Sie sich das jetzt so vorstellen), dokumentarisch (man sieht einmal den zweiten Kameramann voll im Bild), und es macht gar nichts. Das Drehbuch würde in jedem Workshop verrissen werden, und es ist meisterhaft. Die Geschichte ist derart komplex, dass eine Promotion zu diesem Film tatsächlich denkbar erscheint. Ich will nur sagen, worum es nicht geht: Um Behinderung, um ein Siebziger-Jahre-Gefühl, um die Konfrontation von vermeintlich progressiven Outlaws mit Bürgertumsspießern. Vielmehr, mit einem psychologischen Gespür, dass ich so noch nie in einem Film gesehen habe, wird von Gruppendynamik erzählt, von den kleinen Kämpfen, von Ideologien (in persona: Stoffer), von Menschen, die alle aus unterschiedlichen Gründen für ein paar Wochen in einem Kollektiv leben, um in der Außenwelt den Idioten zu spielen (oder wie Susan die Betreuerin), aber es ist ein pubertärer Wunsch, anzuecken bei Menschen, die man nicht kennt und sich über depperte Gesichter zu freuen. Mit Politik hat das nichts zu tun. Tatsächlich ist die Gruppe ein Sammelbecken für Borderliner, Gehemmte, Gestrandete und Indentagleber. Und für Karen, die eine eigene Geschichte mitbringt, von der wir ganz am Schluss erfahren. Dieses Ende ist für mich derart schockierend gewesen, dass ich jetzt - beim Schreiben dieser halbgaren, improvisierten Worte - schon wieder traurig werde. Dabei geht es mir ganz wunderbar. Kritisieren kann man an "Idioten" jedoch zwei Dinge: Eine unnötige Szene in einer Werbeagentur und die fragwürdige Idee, eine Orgienszene teilweise mit Pornodarstellern zu drehen, damit man ja auch ein Hardcore-Feeling bekommt. Das ist peinlich. Seltsamerweise ist aber die Gesamtanlage dieser Sequenz interessant, wohl selten war Gruppensex derart vielsagend (denn es passiert mehr als nur das, was man jetzt denkt) und nicht nur Selbstzweck. Der Zuschauer hat übrigens nichts davon, man wird eher nicht erregt sein. Wenn Sie sich so etwas zutrauen, und auch bei "Festen" keine Augen- und Kopfschmerzen bekommen haben, sollten Sie diesen Film sehen. Er wird sie noch lange beschäftigen. Habe ich eigentlich erzählt, dass alle Darsteller unglaubliche Leistungen abliefern? Man muss zu dem Schluss kommen, dass dieses kleine Land Dänemark eine ganze Horde von Hochbegabten in die Welt gelassen hat.