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"Je est un autre". (Rimbaud)
"Es könnte Klugheit sein, es nicht zu wissen". (Nietzsche)
"Kennen Sie das auch: dass die Phantasie im entscheidenden Augenblick abirrt und eigene unbeherrschbare Wege geht, die verraten, dass man auch noch ein ganz anderer ist als der, für den man sich hielt?" (Mercier, Lea)
Zehn Jahre Forschung, um zu wissen, was die Identität der Zukunft ist. Wird das soziale Ich zum multiplen Ich, wird es neu zusammengesetzt in Abhängigkeit von gesellschaftlichen Anforderungen und so zu einem Patchwork von Identitäten der besondern Art?
Keupp et al gehen der Frage nach und Klären den Prozess der Dekonstruktion der ursprünglichen Identität. Spätmoderne Beliebigkeit scheint eine Ursache zu sein, doch betrachtet man die Anforderungen der modernen Welt an wechselnde Strukturen vice versa, scheint diese Dekonstruktion eher ein aktiver Akt des Subjekts zur Konstruktion einer neuen und selbstbestimmten Ich-Familie. Das bin ich im Augenblick. Und jenes über verschiedene Lebenssituationen hinweg. Eine von Angst oder wechselnder Lust getriebene Generation, im Gefühl, ständig etwas zu verpassen, reagiert natürlich mit hektischem Erlebniskonsum und passt sich dem Trend zur Mobilität an. Beides sind vorübergehende, niemals Erkenntnis vermehrende Aktionen, die auch laut Ulrich Beck, den Menschen freisetzen aus der sozialen Bindung, ihn von tradierten Sicherheiten entzaubern und letztendlich neue Re-Integrationswünsche erzeugen. Damit ist Individualität keine Alternative der Solidarität im sozialen Gefüge, sondern eher Verweis auf die gegenseitige Ergänzung. So wie Tradition im Sinne sozialer Anerkennung notwendig ist zur erfolgreichen Identitätsbildung, so ist ihre Ausprägung zu finden in den Strukturen von Familie, Nachbarschaft und neuen gelingenden Netzwerken. Die in diesem Gruppen eindeutige Verortung zeigt Tiefe und Dauer, eben als langfristiges Ziel in einer auf Kurzfristigkeit angelegten Gesellschaft. Die Stärke schwacher Bindungen (Sennett) mag den modernen Menschen in einer mobilen Gesellschaft fördern, allerdings nur im Sinne der Gesellschaft, weniger als Individuum. Das entbettet werden aus der alten Welt, das Hineingehen in virtuelle Welten und plurale Lebensformen zeigt sich lt. Keupp in der dramatischen Veränderung der Geschlechterrollen. So wie die Individualisierung in der Risikogesellschaft das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft verändert, so gebiert genau diese die Notwendigkeit zur erneuten Füllung des selbst produzierten Sinnvakuums (Habermas, Glauben und Wissen*)(* mehr dazu in den separaten Rezensionen von kpoac). Realität wird durch Arbeit als Lebensführung betont, doch da wo Arbeit zur Mangelware wird, wird auch der Sinn für die reale Gemeinschaft eingeschränkt. Die Abkehr zur Gesellschaft nimmt zu, wie auf der anderen Seite die Aufforderung, Herr des eigenen Lebens sein zu müssen. Die Aufforderung nach selbstbewusster Inszenierung hat ohne die Bereitstellung der Ressourcen etwas sehr Zynisches.
Ist die Frage der Identität neu oder ist sie Ewigkeitsfrage der menschlichen Existenz? Wer bin ich? Diese Frage wird schon in den platonischen Dialogen, da wo die Seele im Mittelpunkt steht (Symposion*, Phaidros*, Phaidon), diskutiert und auf ewig geprüft. Die philosophische Frage bringt also nichts Neues, die Gesellschaft in persönlicher wie historischer Betrachtung ist unzertrennbar mit dem Ich verknüpft. Keupp geht es um diesen Punkt. Sein oder werden, seit der Genesis eine Frage, im Laufe der Geschichte dann modifiziert zum So-bleiben oder So-werden (Vorbild, Ideal). Identität wird so zu einem Projekt, zu einem Entwicklungsprozess mit narrativen Zügen (subjektive Wahrheit).
Das sind einige Überlegungen Keupps, der sich als Belesener zeigt, hochkarätige Autoren zu Rate zieht und den Urvätern der Identitätsforschung wie Erikson (Identität und Lebenszyklus) und den neuen Strategen der Zunft ebenso einen richtigen Platz gewährt. Sennett (Der flexible Mensch*), Beck (Risikogesellschaft*, Riskante Freiheiten*), Sloterdijk (Die Verachtung der Massen*), Gross (Multioptionsgesellschaft*), Giddens, Bauman, Castell (Die Macht der Identität), Lasch (Zeitalter des Narzissmus) und viele mehr.
Beachtlich ist, dass Keupp nicht den Faktor des Scheiterns vergisst. Dieser ist ebenso maßgebend im Prozess der Identitätsbildung. Aus philosophischer Sicht zieht er Wilhelm Schmidt (Philosophie als Lebenskunst) zu Rate, Zahlmann (Scheitern und Biographie) sei hier ebenso empfohlen.
Da es sich um Feldforschung handelt, sind viele Befragungen und deren Ergebnisse mit integriert. Diese bringen vor allem die psychologischen Ausführungen sehr nah an die Praxis, was zusätzliches Lob verdient. Offen ist der Punkt der kollektiven Identität. Diese war nicht Gegenstand des Forschungsprojektes. Kollektive Identität mag man finden auf dem Wege zur Findung neuer Feindbilder. Menasse (Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung*), Sloterdijk (Zorn und Zeit*), Beck (Weltrisikogesellschaft*) gehören bereits zu denen, die die Unsicherheiten der Individuen genau auf das Fehlen der Feindbilder zurückführen. Ebenso ausgeschlossen zur sinngebenden Identitätsbildung ist die Rolle der Religion. Hier sei verständnisvoll angemerkt, das die Erinnerung daran erst seit geraumer Zeit zur Wiederbelebung in der Gesellschaft führte.
Keupp schreibt sehr gut und verständlich in all den Nuancen. Seine Ausführungen lesen sich wegen der Zitatenfülle als die Zusammenfassung 150 weiterer Werke. So entsteht eine zeitgerechte Antwort mit weitem Blick auf die Frage aller Fragen: Wer bin ich zu welcher Zeit an welchem Ort? Es könnte Klugheit sein, es zu wissen.