Ihr kleiner Sohn lässt Julia Friedrichs nachdenken: Über seine Zukunft und die Bedingungen, die wir für diese Zukunft schaffen. Es gibt zahllose Prognosen, die uns aufzuzeigen versuchen, dass es so nicht weitergehen kann. Wenn wir weitermachen wie bisher, wird z.B. die Atemluft im Jahr 2100 (was einige unserer Kinder tatsächlich noch erleben können!) wahrscheinlich in etwa die gleiche Qualität haben, wie die in einem U-Boot. Keine rosigen Aussichten. Doch es ließe sich durchaus etwas dagegen unternehmen! Das ist uns irgendwie allen bewusst, aber ändern tun wir meist doch nix.
Friedrichs hat sich selbst dann die Frage nach eigenen Idealen gestellt und nach Idealen und Visionen in unserer Zeit. Was tun die Menschen, um die Welt ein bisschen besser zu machen? Zunächst hat die Autorin sich dem Begriff "Ideale" genähert und herausgefunden, dass eine philosophische Strömung (Idealismus) existiert und eben der populäre Begriff "Ideal", der meint, dass etwas u.a. vorbildlich ist. Nach Vorbildern hat auch die Autorin dann gesucht, um festzustellen, dass sie aktuell kaum Vorbilder hat. Früher schon. Z.B. Jan Ullrich, den sie als Sportler so sehr bewundert hat - und von dem sie ungeheuer enttäuscht wurde, als herauskam, dass er eben genau für das, wofür sie ihn so sehr bewunderte, nicht zu bieten hatte: Fairness im Sport.
Friedrichs geht ehemalige Vorbilder durch und stößt auf Enttäuschungen, etwa bei Alice Schwarzer, die bei der BILD-Kampagne "BILD dir deine Meinung" mitmachte. Leider geht Schwarzer nicht auf die Anfrage und die Bitte nach einem Interview ein. Aber andere tun es: Z.B. Gerhard Schröder, Ingo Schulze, Peter Hartz, Rezzo Schlauch, aber auch viele Nicht-Prominente.
Diese Leute befragt sie also zu ihren Idealen. Gerade bei den Promis muss man feststellen, dass sie ziemliche Windfähnchen sind. Da ist z.B. ein unglaublich unsypathischer Rezzo Schlauch, der einem ganz plausibel erklärt, wie er sich entwickelt hat und dass er sich deshalb eben nicht mehr um die Armen kümmern kann - weil: man muss sich ja entwickeln! Und wenn man sich vor der Polit-Karriere für die Armen eingesetzt hat, dann darf man das nachher nicht mehr tun, weil das ja keine Entwicklung wäre. Blablabla. Man ist schon verwundert über das geringe Rückgrat und den lockeren Umgang damit... Auch Gerhard Schröder legt sich alles ganz wunderschön zurecht. Tolle Ideale, tolle Vorbilder!, denkt man da natürlich. Und so ist es von der Autorin wohl auch intendiert. Denn abgedruckt werden nicht die kompletten Interviews (ok, wäre wahrscheinlich auch nicht sooo gut lesbar), sondern eben einzelne, ausgewählte Zitate, die in den recht persönlichen Text von Julia Friedrichs gebettet sind. Das ist natürlich ein sehr gut und angenehm lesbarer Schreibstil, aber eben auch ausgesprochen subjektiv. Man erfährt viel über die Autorin, ihre Motive, ihre Vergangenheit. Das ist auch ganz interessant - aber schon ein bisschen was anderes, als ich erwartet hatte. Man liest quasi über die Meinungen von Prominenten und Nicht-Prominenten - doch das Ganze ist gefiltert! Und natürlich kommen die Nicht-Promis, die "Leute, wie du und ich" viel besser und überzeugender dabei weg. Das mag schon tatsächlich stimmen, aber durch die Art, in der das Buch geschrieben wurde, fließt schon sehr stark auch die Meinung der Autorin mit ein.
Im Großen und Ganzen ein interessantes und gut lesbares Buch - eine persönliche Suche - die auch stark von persönlichen Motiven überprägt ist.
"Du musst dein Ändern leben!"