Als ich in dem Alter war, in welchem Julia Friedrichs Jan Ullrich bewunderte, mochte ich Jean Paul Sartre. Das mag damit zusammenhängen, dass ich zu der von ihr erwähnten Generation gehörte, die sich noch für die Änderung von politischen Verhältnissen einsetzen wollte.
Wollte? Habe ich da gerade wollte hingeschrieben? Als der Krieg noch kalt war und als man noch gegen Mittelstreckenraketen demonstrierte, die "Bullen" durchs Wendland jagte und dann verhafteterweise in Polizeibussen sass, Kreuzungen dichtmachte und so weiter und so weiter, da hat man sich nicht gefragt, ob man das wollte, man hatte das Gefühl, man müsste.
Und eines der Stücke, die ich von Sartre am allerliebsten mochte war das Stück: "Die schmutzigen Hände". In diesem soll ein alternder, pragmatischer Kommunist, der nach Ansicht der Partei die aktuelle Linie verrät von einem jungen Idealisten erschossen werden.
Am Ende des Stückes sind beide tot. Eine der wichtigsten Szenen dieses Stückes ist das, in welchem der alternde Kommunist, sehr wohl um die Absichten des Jungen wissend, diesen mit seinem Salonkommunismus konfrontiert. Es geht genau um die Frage: darf man seine Ideale um des Pragmatismus willen verraten, darf man ein bisschen erreichen oder muss man Menschen opfern, um an seinen Idealen festzuhalten. Der alternde Kommunist hatte keine Wahl: Kommunist werden oder nichts zu beißen haben. Der Junge stammt aus reichem Elternhaus und braucht das Ideal, um der inneren Leere zu entkommen, der existentiellen Sinnlosigkeit. Damals ging es noch um die Frage des Hungers. Scheinbar.
Es scheint sich ja nicht viel geändert zu haben. Julia Friedrichs, eingeheimst habend mehrere Journalisten-Früchen-Preise, kommt in die Jahre, wird Mutter und wünscht sich an Sylvester ein Ideal. Oder Ideale. Irgendwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Und irgendwie erinnert sie mich an den jungen Idealisten in Sartres Stück.
Friedrichs macht sich auf die Suche nach dem was zählt. Die Frage ist, für wen zählt? Für mich? Mich hat sie nicht angerufen und das obwohl ich auch in Berlin wohne...nein, sie ist auf der Suche nach dem, was für sie zählt. Das erste was sie in ihr Handy eintippt (nein, das kommentieren wir jetzt nicht), ist eine Variante modernen Ablasshandels: Ich nehme mir vor, immer, wenn ich geflogen bin, Geld für Wiedergutmachung zu spenden. Der Atmosphäre gefällt das.
Aber das gibt den Tenor des Buches vor. Julia Friedrichs sagt von sich selbst, sie gehöre zur pragmatischen Generation, die nur noch fragt, "Wo bleibe ich". Und das will sie ändern.
Das erste was auffällt, ist, dass sie satt ist, gesättigt mit Nahrung und teuren Handys und überhaupt und zerfressen von Schuldgefühlen. Das Buch ist ein verflixtes Schuldgefühlbuch, das um eine einzige Frage kreist, die nicht einmal der Autorin bewusst ist: Wie werde ich bloß diese verdammten Schuldgefühle los? Und meine Langeweile?
Auf der Suche nach dem was zählt, beginnt sie aussen zu suchen, nicht innen und die letzte Generation für ihre moralischen Verwerfungen zu piesacken. Alice Schwarzer war schlau genug, auf die dämliche Frage, warum sie für die Bild-Zeitung arbeitet gar nicht erst zu antworten, aber andere haben Zeit. Also interviewt sie Gerhard Schröder und der gute Gerhard muss übermüded oder betrunken genug gewesen sein, ihr ein paar fast ehrliche Antworten zu geben.
Julia möchte was von Idealen hören, für die er sein Herzblut gegeben habe und er sagt, etwas verbrämt und hier frei übersetzt etwas Ehrliches:
Mädel, ich hatte erstens entdeckt, dass es Fleischtöpfe gibt und zweitens, ich wurde nicht zu Tisch gebeten. Oder hast Du gedacht, die jungen Herren in den teuren Anzügen meiner Generation hätten mich akzeptiert?? Ich brauchte einen Job, ich wollte den sozialen Aufstieg.
Für Joshka Fischer gilt das gleiche. Für Alice Schwarzer auch. Ich mochte Alice Schwarzer noch nie, aber das spielt keine Rolle. Alice Schwarzer hat sehr, sehr viel durchgesetzt, beispielsweise Förderpreise für Frauen wie Julia Friedrichs. Direkt oder indirekt.
Der Unterschied der beiden zur Autorin ist, dass sie wirklich Hunger hatten und das sie die Frage: "Was wird aus mir" wirklich und radikal stellen mussten und auch gestellt haben. Dass sie für eine spätpubertäre Bewunderung von gut gebauten Sportlern keine Zeit hatten, und das sie auch keine Ideale aus Langeweile gesucht haben, sondern ihrem Instinkt gefolgt sind. Sie mussten kämpfen. Den Luxus der Ideale konnten sie sich nur ab und zu leisten. Den Luxus, ein bisschen Mutter zu werden, dann gelangweilt an Sylvester etwas Ablasshandel zu betreiben und schließlich Papa zu befragen, was er so gedacht hat, weil man selbst der eigenen Langeweile entrinnen möchte, das war nicht drin. Also hatten sie schmutzige Hände. Sie wollten Macht, gute Weine und teure Anzüge, Fleischtöpfe und Anerkennung. Und dennoch, sie haben uns nicht in den Irak-Krieg geführt und die sozialen Systeme wahrscheinlich gerettet, Kindergärten und Frauen im Beruf durchgesetzt, sie hatten schmutzige Hände und ein paar Ergebnisse, von denen Frau Friedrichs dann mehr profitiert, als ihr bewusst ist und ansonsten hatten sie am Ende einen Beratervertrag. Er sei ihnen gegönnt. Die Praxis ist meist schwieriger als die Theorie.
Julia Friedrichs fühlt nicht, was ihr wichtig ist, also sucht sie aussen danach. Und langweilt sich. Wer fühlt, was ihm wichtig ist, macht es und muss nicht suchen.
Das Problem der Generation von Friedrichs scheint ja gerade zu sein, dass die letzte Generation ihr nur noch den Salonkommunismus übrig gelassen hat. Es dürfte kaum eine Generation gegeben haben, die so satt war und so emotional zur Sinngebung der vorigen missbraucht wurde. Eine Generation von Luxuskindern, auf alle nur erdenkliche Weise gefördert, gekommen wie geplant, zur Sinngebung der Eltern narzisstisch missbraucht und mit einem immensen, zerstörerischen Leistungsgedanken in Kombination mit einem ebenso starkem Schuldgefühl in das Leben entlassen, versorgt zwar nicht mit Sinngebung, aber mit Elektromüll.
Eine Generation ohne Gott, ohne Ideale, scheinbar ohne Aufgaben, aber mit viel Selbsthass und mit viel Schuldgefühlen. Der Unterschied zwischen Gerhard und Julia ist, das Julia frühzeitig und reichlich zu Tisch gebeten wurde. Und daher verstehen sie sich auch nicht.
Es wäre ein Buch wert gewesen, dem nachzugehen. Es wäre es wert gewesen, sich genau das zu fragen: Wie entkommt man dem existentiellen Schuldgefühl? Der Langeweile einer Generation, die immer gefüttert wurde und für die alle immer Verständnis hatten? Wie lebt man im Moment? Möglicherweise wären die Ergebnisse sogar am Ende erstaunlich gewesen: Eine Generation, die es schaffen würde, dem Schuldgefühl zu entkommen, würde wahrscheinlich einen sauberen Erdball hinterlassen.
Sie ist in Wirklichkeit nicht auf der Suche nach dem was zählt, sonder an dem, der Schuld hat.
Das Buch ist unerträglich langweilig. Unerträglich.