Das lange Warten hat sich gelohnt. Und wie!
Über 82 Minuten typische SyX-Riffs und -Melodien, die erst einmal aufgesogen und verdaut werden wollen.
Und wer, wie ich, wissen will, welche Ausgabe denn nun das eigentliche Album ist, sprich, ob die 1-CD-Ausgabe das Album darstellt und das DigiBook zusätzliche Bonus-Tracks enthält oder ob erstere nur eine zusammengestutzte Version eines wahrlich langen Albums ist, hier gibt's eine quasi-offizielle Auskunft dazu vom SyX-Support:
"The album was written as two cds worth of material, so the tracklisting on that version is what was originally intended by the band."
Klar, daß ich da trotz DigiPack-Abneigung zur Special Edition gegriffen habe. Und positiv überrascht wurde. Im Gegensatz zu den sonstigen DigiPacks oder gar der völlig papierenen Special Edition von DT's DC&SL handelt es ich hier um ein richtig schönes und hochwertiges DigiBook mit festem Karton und in der Mitte eingefaßtem Booklet. Also nicht nur was für die Ohren, sondern auch für die Augen und die Hände. So werde ich nie zu einem Download-Käufer, da fehlt einfach etwas.
Wenig überraschend wird der Stil des Vorgängers Paradise Lost vorgeführt und weiterentwickelt. Aber ich habe mich hier und da auch an andere Alben erinnert gefühlt. Bespielsweise das Keyboard von V - The New Mythologie oder auch Russel Allen's Atomic Soul.
Die Länge und Dichtheit machen es quasi unmöglich, das Album schon beim ersten Durchlauf zur Gänze (oder überhaupt) zu erfassen und zu begreifen. Da ich auch ein Fan des Frühwerks bin, würde ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht behaupten wollen, daß dies ihr absolut bestes Werk ist. Irgendwie liegen ihre Alben qualitativ so dicht beisammen, daß es eher Geschmackssache ist, welches man hervorheben möchte.
Aber daß man mit Iconoclast, zumal in der Special Edition, etwas Großes in der Hand hält, wage ich doch zu behaupten.
CD 1:
1. Iconoclast (10:51):
Mit längerer instrumentaler Einleitung. Zu Beginn ein erst unkenntliches, dann als solches aufgelöstes Klavier, dann Klangteppich aus Schlagzeug, Gitarre und typischem SyX-Chor. Übergang zum Songriffing. Nach ca. 2:40 darf dann Russell ran. Seine Stimmlage ist, wie auf den letzten beiden Alben etabliert, aggressiv rauh, wenn auch noch lange nicht deathmetallig wie man es auch schon von ihm gehört hat bzw. noch hören wird. Der Refrain ist vielstimmig und kommt in seiner Art irgendwie bekannt vor, allerdings weniger von SyX selbst, irgendwie powermetallig. Bei der Länge des Songs ist es selbstverständlich, daß auch zwischendurch viel instrumentalisiert wird, v.a. durch Romeo und v.a. mittels Riffing. Auch der Hintergrundchor, der ja längst eines der Erkennungsmerkmale von SyX ist, kommt immer wieder zum Einsatz. Einer der geilsten Momente des Albums ist hier zu hören, wenn Russell Allen im wahrsten Sinne des Wortes Luft holt für den kraftvollen Endspurt, nachdem sich seine Kollegen ausgetobt haben. Insgesamt ein starker Auftakt zu einem Höllenritt durch SyX's neuestes Output.
2. The End Of Innocence (5:27):
Der erste der beiden vorab veröffentlichten Songs. Eingefleischte Fans werden beide wohl mittlerweile rauf- und runtergehört haben. Auch sind beide Songs eher so strukturiert wie man es von SyX gewohnt ist. Soll heißen, sehr melodielastig. Romeo shredded sich wie gewohnt durch die Instrumentalpassage im letzten Drittel des Songs.
3. Dehumanized (6:47):
Der zweite vorab veröffentlichte Song. Etwas progressiver im Sinne von sperriger als Innocence. Und deutlich aggressiver. Russell Allen zeigt, was seine Stimmbänder hergeben. Beim Refrain geht er rauheitstechnisch etwas von Gas, aber trotzdem weiterhin unglaublich viel Power in seiner Stimme. Geiles, ohrwurmiges Riffing, v.a. beim chorus. Schöner, sich wiederholender Wechsel zwischen bedrohlich-aggressiven und melodisch-aufgelösten Abschnitten. Beim Solo zeigt sich Michael Romeo wieder von der sanfteren Seite.
Beide Songs haben natürlich durch die Vorabveröffentlichung einen unfairen Vorteil.
4. Bastards Of The Machine (4:56):
Wieder ein Vertreter der aggressiven Songs. Schnelles Riffing, dichter Klangteppich, rauher Gesang. So richtig unmelodisch geht bei SyX ja gar nicht, aber der Stimmung des Songs entsprechend, ist sicher keine Friede-Freude-Eierkuchen-Gesangslinie untergebracht. Schön progressives Instrumental. Mit kanpp unter 5 Minuten der kürzeste Song des Albums.
5. Heretic (6:24):
Und gleich geht's weiter mit hartem, schnellem Riffing. Die Jungs gönnen sich keine Pause, Allen röhrt. Der Refrain hat metallica-eske Elemente. Trotz Hochgeschwindigkeitsinstrumental bleibt noch Platz für ein bißchen Chor. Hier und da zum Thema des Albums passendes maschinenartiger Keyboardsound.
6. Children Of A Faceless God (6:20):
Hier wird etwas vom Gas gegangen, ohne aber den düsteren Grundton gänzlich zu verlassen. Erinnert mich hier und da etwas an Russell Allen's Atomic Soul-Album. Ein etwas luftigerer Mittelteil baut Spannung auf, um in einem Kurzinstrumental zu münden.
Der Refrain kommt fast schon hymnisch daher.
7. When All Is Lost (9:10):
Die Ballade des Albums. Klavierintro. Russell gesellt sich dazu, trotzdem ab und an mit leicht angerauhtem Unterton. Nach ca. 1:40 kommen Gitarre und Schlagzeug hinzu und legen eine härtere Gangart an den Tag. Vom Aufbau drängen sich Parallelen zu Candlelight Fantasia auf. Viel Melodie, Klavier, ruhige und langsame Passagen, die aber immer wieder von Riffing abgelöst werden, die verhindern wollen, daß hier in eine echte Softballade abgedriftet (Helge würde wohl "abgedroffen" sagen :-)) wird. In über 9 Minuten ist genügend Zeit, den Song ordentlich auszubauen und abwechslungsreich zu gestalten, was den Jungs ausgezeichnet gelungen ist. Es besteht keinerlei Zweifel daran, daß es hier um progressiven Metal geht! Der Refrain ist eine echte Mitsinghymne. Einzig das Ende finde ich etwas doppelt-gemoppelt. Aber wer möchte die Götter anzweifeln.
CD 2:
1. Electric Messiah (6:13):
So, genug ausgeruht. Jetzt wird wieder rangeklotzt. Und zwar ordentlich. Schnelles Progriffing zum Einstieg und als Songbasis. Russell wechselt rauhen und weicheren Gesang wie immer ab. Auch hier fühle ich mich von der Melodieführung her ab und zu an sein Atomic Soul erinnert. Mittelteil mit düsterprogressivem, treibendem Instrumental. Wie immer mit Romeo als Wortführer. Aber Michael Pinnella meldet sich zu Wort. Zur Abwechslung mal ein Fade-out zum Ende.
2. Prometheus (I Am Alive) (6:46):
Relaxed Cruising à la SyX, aber nur zum Einstieg. Kaum hat man sich eingewöhnt, werden Härte und Tempo erhöht. Treibender Refrain, der dunkel und melodisch zugleich ist. Natürlich gibt es auch ein Instrumental. Der Song klingt aus, wie er begann: eher relaxt.
3. Light Up The Night (5:03):
Schnelles Riffing, viel doublebass. Ich kann mir nicht helfen, irgendwie höre ich bei bestimmten Tonfolgen des Songs im Hinterkopf immer den Mittelteil von Ucan Ican von Jordan Rudess' Album Feeding The Wheel. Es wird wohl an den spannungsaufbauenden Akkorden liegen. Im Mittelteil wird wieder ordentlich vom Leder gezogen, Michael vs. Michael und beide im Synchronduett. Powermetalliger Refrain.
4. The Lords Of Chaos (6:09):
Ganz eigenes, hartrockmäßiges Riffing zum Einstieg. Mit dem Einsatz von Allen wird etwas zurückgerudert. So geht es immer hin und her. Treibend. Romeo läßt sich nicht lumpen. Auch hier erinnern mich Elemente des Refrains an Atomic Soul.
5. Reign In Madness (8:37):
Mit Keyboard geht's los, aber was ist das plötzlich? Metallica? Ne, da ist ja Russell Allen. Außerdem wird's eindeutig progressiv. Aber der Metallica-Einfluß läßt sich nicht leugnen. Aber keine Angst, kein Zweifel, es ist eindeutig ein SyX-Song. Der Chorus wird im mehrstimmigen Gesang vorgetragen, hymnisch. Riff- und Tempowechsel entwickeln den Song weiter. Allen mit böser Stimme, nur um im nächsten Abschnitt wieder zu zeigen, daß er auch "richtig" singen kann und einfach der kompletteste mir bekannte Metal-Sänger ist. Im Mittelteil kommt der Song etwas zur Ruhe, aber da wird auch nur Kraft gesammelt für das Finale. Das beinhaltet einen hymnischen Chor, und ein knackiger Schluß beschließt den Song und das Album.
Ein würdiger Song, um die musikalische Reise zu beenden!
Wie gesagt, lange und harte Kost, die erst einmal verdaut werden muß. Allein schon durch die Länge ein Album der Extraklasse von Symphony X. Mit der Bestätigung, daß Symhony X (spätestens seit Damnation Game) keine schlechten Alben machen kann.
Aber man kann sagen: Symphony X sind zurück, und wie!... wieder einmal bzw. wie immer. Und sie machen Spaß wie eh und je.
Und sie haben - wie immer - seit dem Vorgängeralbum ihren Stil weiterentwickelt. Stillstand würde ja auch ihrer progressiven Grundausrichtung widersprechen. Gut so!
Für SyX gilt eben: Was lange währt, wird endlich sehr gut. Da wartet man doch gerne etwas länger als bei manch anderer Band.
Lesen Sie weiter... ›