Das meint und schreibt der Richtige, er weiß, wovon er spricht. Er macht seine guten Ge-schäfte damit, am Nerv der Zeit und an den Hebeln kommerzialisierter Meinungsbildung und des Bilderhandels. Und er ist auch noch promovierter Kunsthistoriker mit entspre-chend profundem Wissen und aktuellem Interesse: Hubert Burda, Verleger und Vor-standsvorsitzender der Hubert Burda Media (Focus, Bravo & Co.) Er und Christa Maar, Präsidentin der „Burda-Akademie zum Dritten Jahrtausend" sind im Angedenken des ge-meinsamen, an Krebs früh verstorbenen Sohnes Felix („Kunst und Medien" waren dessen wissenschaftliches Thema) die Herausgeber der soeben erschienenen Veröffentlichung, die auf eine sehr erfolgreiche Vorlesungsreihe 2002/ 2003 an der und in Verbindung mit der Universität München zurückgeht:
ICONIC TURN. Die neue Macht der Bilder
Hg.: Christa Maar und Hubert Burda, Köln 2004
Und deshalb gleich und generell aus dem Einleitungstext des erfolgreich-multikompetenten Medienverlegers zitiert - darum geht es, und im analysierenden Postu-lat ist auch eine kunst- und kulturpädagogisch ausgesprochen bedeutungsvolle Perspekti-ve, eine zukunftsfähige Auftragslage für „kulturelle und künstlerisch-ästhetische Bildung" mit formuliert:
„Als Verleger und Mann der Praxis bin ich in hohem Maße daran interessiert, dass junge Menschen etwas lernen, was sie in ihrem späteren Berufsleben umsetzen können. In mei-nem Geschäft, den Medien, aber auch in vielen anderen Branchen, besetzen Bilder (Images) und ihre Herstellung, Verwendung und Funktion (Imaging) einen zunehmend wichtigeren Bereich. Nicht nur aus diesem Grund, sondern auch aus Gründen einer kom-petenten Medienkritik sowie einer gut ausgebildeten Medien- und Bildkompetenz ist es notwendig, dass eine neue Generation von Bild-Experten entsteht. Es muss Menschen geben, die wissen, wie Bilder entstehen, sowohl ganz praktisch wie auch in der Imaginati-on, und die sagen können, aufweIche Weise Bilder gelesen werden müssen und warum es so wichtig ist, den Kontext, in dem sie stehen, mit einzubeziehen. Es ist außerdem von großer Wichtigkeit, dass man erklären lernt, auf weIche Weise welche Bilder wirken und sich mit der Macht verbinden." (S.12) Aktuell erweitert: Das gilt im Prinzip „für alle".
Klar geht es um die zunehmende Bedeutung von „Bildkompetenzen" in einem weiten Ver-ständnis („Das Bild der Welt in der Welt der Bilder"), es geht um das Ende der „Gutenberg-Galaxis" (McLuhan) des linearen Textes und der Wortkommunikation zugunsten der Ein-dringlichkeit und Präzision, Komplexität und Mehrdeutigkeit der alltäglichen, der künstleri-schen und der technisch-wissenschaftlichen Bilder, real und digital, sense & cyber ver-netzt, und im Verbund mit Sprache, Klang, Dramaturgien und entsprechend weltweiter Verbreitung in Zeit und Raum: Die Globalisierung des Visuellen, der Bedarf des Interdis-ziplinären und der Dekodierung, der Navigation entsprechend Aufmerksamkeit und Inte-resse in den zunehmend Bild dominierten und neurophysiologischen funktionalen Me-dienwelten und visuellen Wirklichkeiten vielerlei Arten und Sorten.
In diesem Dschungel Kinder und Jugendliche „kompetent" zu machen, heißt neu, ihnen „Bildkompetenz" als zumindest parallel gleichwertig zur „Lesekompetenz" bzw. im Verbund mit dieser zu vermitteln - für das dritte Jahrtausend ...
Der Sammelband mit 24 meist prominenten Einzelbeiträgen ist dem Bedeutungszuwachs der Bilder, ihrer neuen Macht interdisziplinär auf der Spur:
Im Klärungsversuch, was ein „Bild" denn überhaupt sei (Gottfried Boehm u.a.)
Im Kontext „Neuro": wie Bildwahrnehmung funktioniert und wie die inneren Bilder äußere Bilder werden (Wolf Singer u.a.)
Wie durch (technische) Bilder Unsichtbares sichtbar wird, gerade für exakte Wis-senschaften von Physik bis Medizin eine ungeahnte empirische Expansion, zudem voller „Ästhetik" und „Gestalt"
Wie neue visuelle Techniken Bildwahrnehmung und das Sehen verändern auf dem Weg zur „Telegesellschaft" (Friedrich Kittler, Peter Weibel u.a.)
Wie die Künstler Bildwelten entwerfen und bearbeiten (Norman Foster, Bill Viola, Wim Wenders u.a.)
Zur Historie der Bilder und ihrer Wahrnehmung (Bazon Brock, Peter Sloterdijk u.a.)
Und ob, wie, warum sich die Kunstgeschichte zur Bildwissenschaft mausert bzw. erweitern sollte (Hans Belting, Martin Kemp u.a.)
Eine illustre und prominente Gesellschaft also hat zwei Jahre lang in München den „iconic turn", die Wende zu den bildhaft-visuellen Zeichen, Botschaften, Informationen interdiszi-plinär durchdekliniert - der Befund ist eindeutig und profund: Die Kultur und Ästhetik der Bilder ist auf dem Vormarsch, und „Bildung" muss sich notwendigerweise neu bzw. wieder darauf besinnen, was in ihrem Wortstamm enthalten ist: „Mach dir ein Bild von der Welt" als bildender Prozess. Oder wie es der französische postmoderne Philosoph Jaque Derri-da locker formuliert, auch als ein Abgesang an das wortdominante glaubensmäßige christ-liche Credo: „Das Bild hat doch immer das letzte Wort".
Gottfried Boehm, Protagonist einer zur Bildwissenschaft erweiterten Kunstgeschichte, be-schreibt, was kulturpädagogisch schulisch wie außerschulisch im Rahmen kultureller Bil-dung angesagt ist: „Die Bilder repräsentieren kein abgeschlossenes Reich. Aber ihre Kul-tur lebt davon, dass sie die ihr innewohnende Fremdheit, ihr dichtes Schweigen und ihre anschauliche Fülle gegenüber dem fortwährenden Gemurmel der Diskurse und dem Lärm der Debatten behaupten. Jenseits der Sprache existieren gewaltige Räume von Sinn, un-geahnte Räume der Visualität, des Klanges, der Geste, der Mimik und der Bewegung. Sie benötigen keine Nachbesserung oder nachträgliche Rechtfertigung durch das Wort. Der Logos ist eben nicht nur die Prädikation, die Verbalität und die Sprache. Sein Umkreis ist bedeutend weiter. Es gilt ihn zu kultivieren." (S.43)
Eben darin steckt Zukunft und Mehrwert kultureller Bildung gegenüber nur kognitivem Wissen bzw. analytischer Empirie, und dessen nützlichkeitsorientierter Anwendung - als Lebenskunst und entsprechend eines ganzheitlichen Menschenbildes, dem auch das Äs-thetische, Anschauliche, Künstlerische, Sinnliche, Symbolische, Emotionale, Soziale, Ima-ginäre, Fiktive, Phantastische angehört. Das ist eine, die durchaus anthropologische Di-mension dieses „iconic turns" nach 2000.
Das Buch und seine vielen Einzeltexte empfiehlt sich als aktuelle kulturpädagogische Ba-sisinformation nicht nur für Kunst-/ Bild-/ Medienvermittler, sondern für alle, die im Bil-dungsgeschäft sind und mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben - diese leben in die-sen Bilderwelten, es ist entscheidender Teil ihrer „Kultur des Aufwachsens" ihrer Bühnen symbolischer Werteverhandlung. Das buch beschreibt eine jetzt schon real existente Welt, die als mediale sich weiter in diese Richtung entwickeln wird. Und eins in kritischer Absicht angemerkt: Macht über Bilder bedeutet auch zunehmend Macht über Menschen. Die selbst-bewusste, partizipative Kompetenz von Bildwahrnehmung und Bildgestaltung wird zum fundamentalen Bildungskanon gehören - müssen. Das ist auch die soziale und politi-sche Dimension des iconic turns.
Welche unabsehbare Aktualität in durchaus globalisiert-weltpolitischen Dimensionen, die Dynamik einer entfesselten „Macht der Bilder" auch als „Krieg der Bilder" im Mai 2004 be-kommen hat, erleben wir rund um die Grausamkeiten im Nachkriegs-Irak und zwischen US-Militär und Widerstands-Terrorismus. Es sind die weltenweiten hoch emotionalisieren-den und symbolträchtigen Bilder, die wirken. Und immer wieder die Frage aufwerfen: Was ist wirklich wirklich - welche Bilder lügen und welche nicht? Und was ist „wahr-nehmen"? Der kompetente Umgang damit wird eine entscheidende Schlüsselkompetenz von Kultur und Bildung des 21. Jahrhunderts werden, kein Zweifel, und mit und ohne Kunstbezug.