WERKINHALTE DER BOX:
(soweit nicht anders vermerkt, leitet Bruno Walter die Wiener Philharmoniker)
Beethoven:
- Symphonie Nr. 6 ("Pastorale") - 05.12.1936, Wien
Haydn:
- Symphonie Nr. 92 ("Oxford") - 07.05.1938, Paris (Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire de Paris)
Mahler:
- Symphonie Nr. 9 - 15. & 16.01.1938, Wien
- Adagietto aus: Symphonie Nr. 5 - 15.01.1938, Wien
- Kindertotenlieder - 04.10.1949, London (K. Ferrier (Alt))
- Das Lied von der Erde - 23. & 24. 05.1936, Wien (K. Thorborg (A), C. Kullmann (T))
- Ich bin der Welt abhanden gekommen - 24.05.1936, Wien (K. Thorborg (A))
Mozart:
- Requiem KV 626 - 29.06.1937, Paris (Wiener Staatsopernchor, E. Schumann (S), K. Thorborg (A) A. Dermota (T), A. Kipnis (B))
- KK Nr. 20 d-Moll KV 466 - 07.05.1937, Wien (Klavier: Bruno Walter)
- Symphonie Nr. 38 KV 504 ("Prager")- 18.12.1936, Wien
- Symphonie Nr. 39 KV 543 - 22.05.1934, London (BBC Symphonie Orchestra)
- Symphonie Nr. 41 KV 551 ("Jupiter") - 11.01.1938, Wien
- Serenade KV 525 ("Kleine Nacktmusik") - 17.12.1936, Wien
- Ouvertüre Le nozze di Figaro KV 492 - 15.04.1933, London (British Symphony Orchestra)
- Ouvertüre La clemenza di Tito KV 621 - 15.01.1938, Wien
- Ouvertüre La finta giadiniera KV 196 - 15.01.1938, Wien
- Drei Teutsche Tänze KV 605 - 04.05.1937, Wien
Schubert:
- Symphonie Nr. 8 ("Unvollendete") - 19.-21.05.1936, Wien
Strauss Sohn:
Ouvertüre: Die Fledermaus - 17.05.1938, Paris (Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire de Paris)
Wagner:
- Siegfried Idyll - 16.06.1935, Wien
- Meistersinger von N.: Vorspiel Akt 1 - 16.05.1930, London (British Symphony Orchestra)
- Die Walküre: Vorspiel und Szenen aus Akten 1 & 2 - 20.-22. & 26.06.1935, Wien (L. Lehmann, L. Melchior, E. List, E. Flesch, A. Jerger)
CD 9 enthält ausschließlich Dokumentationen in englischer Tonsprache.
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TEXTBEGLEITMATERIAL:
Das Booklet informiert dreisprachig und auf fünf Seiten in Deutsch über Bruno Walter und die historischen Hintergründe der Aufnahmen mit spezifischem Bezug zu seiner Flucht vor den Nazi-Verfolgern. Hier hätte man gerne noch etwas ausführlicher sein können, wenn man schon mit der Box einem Genie wie Walter ein Denkmal setzen wollte. Aber gut: Wer Textinformationen sucht, wird natürlich hinreichend im Internet fündig.
Auf den einzelnen CD-Papphüllen werden nur die einzelnen Werke mit den von-bis-Tracks genannt; eine Einzel-Track-Auflistung gibt es nur im Booklet.
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TONQUALITÄT:
Der flüchtige Käufer möge bedenken: Es handelt sich um historische Aufnahmen aus Zeiten antiquierter Aufnahmetechnik!
Die Tonqualität der Aufnahmen hat mich positiv überrascht: Es kratzt nirgendwo die eiernde Grammophonplatte, wie man es oft von historischen Dritte-Hand-Aufnahmen kennt. Bei Haydn, Mahlers Abhandengekommen und Wagners Meistersingen knistert und rauscht es etwas stärker, aber ansonsten: Es herrscht ein für das Alter sehr klarer Klang! Vor dem, was EMI hier getüftelt hat, kann man nur den Hut ziehen.
Zu bemerken ist noch, dass es sich überwiegend um Live-Aufnahmen handelt: Sehr selten tönt ein Husten aus dem Hintergrund und manchmal kann man Walters leidenschaftlichen Atem hören. Das macht die Aufnahmen in meinem Ohr noch realistischer und lebendiger.
Bei Mozarts Requiem kommt die Aufnahmetechnik leider an ihre Grenzen: Der Chor ist vollständig unverständlich, insgesamt viel zu leise bis hin zur Nichtpräsenz und an orchesterstarken Stellen total vernichtet. [Dass es auch moderne Aufnahmen jedoch nicht unbedingt besser machen, lassen uns die Mozart-Requiem-Aufnahmen von von Karajan mit seinem Wiener Singverein hören: Auch dort horcht man vergeblich nach einem Chor. :-P ] Der Fairness halber muss ich aber erwähnen: Die vier Solisten reißen mit ihren hervorragenden und akustisch sehr präsenten Leistungen die Chorschwachheit beim Requiem wirklich heraus!!
Ton-Fazit: Für das Alter toll!
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WALTERS WERK-INTERPRETATION:
Allgemein spielt Walter in diesen frühen Jahren mit zügigem Tempo. Die Figaro-Ouvertüre oder den ersten Satz der Prager-Sy. habe ich noch nie so flott und fetzig gehört. (Wer die späteren Aufnahmen mit dem Columbia SO zur Hand hat, kann eine interessante Tempi-Entwicklung nachvollziehen.)
Trotz der Zügigkeit sind die Einspielungen Walter-typisch sehr tief-emotional und inspiriert individuell.
Ansonsten sind Interpretationen sehr subjektive Geschmackssache. Deshalb will ich im Detail nur meine drei persönlichen Highlights (und im Anschluss eine kleine Enttäuschung) erwähnen:
- Mozart KK Nr. 20:
Bruno Walter nicht nur als Dirigenten, sondern auch als Pianisten zu erleben, fand ich sehr spannend. An einigen Stellen meinte ich, vom Klavier ein paar falsche Töne gehört zu haben, die sich nicht auf Defizite in der Aufnahmetechnik zurückführen lassen. :D Aber egal oder gerade deshalb: Diese Interpretation empfand ich sehr menschlich und nahe gehend.
- Mahler Symphonie Nr. 9:
Bereits in den ersten Takten erfasste mich eine Gänsehaut, die mich nicht mehr losließ. Die Einspielung wurde zwei Monate vor dem Österreichischen "Anschluss" und Walters Flucht aus Österreich aufgenommen. Was müssen das damals für Zeiten gewesen sein? Wenn ich die Aufnahmen der 9. unter Bernstein, Haitink oder Inbal dagegen halte, dann höre ich nur kalte Töne, bei Karajan gar nur leblose Wüste - aber bei Walter knistert es! Selbst seine Einspielung mit dem Columbia von 1961 reicht nicht heran.
- Schubert Symphonie "Unvollendete":
Diese Symphonie mag ich durch ihre inflationäre Omnipräsenz und massenhafte Verbreitung durch die unmöglichsten Aufnahmen eigentlich kaum noch hören. Doch bei Walter hätte ich mir gewünscht, vier Ohren zu haben! Die Dramatik des ersten Satzes spielt er mitreißend und erschütternd. Auf dem Höhepunkt der Durchführung fühle ich mich von der Schubert-Walter-Macht geradezu überrollt und mein Puls kocht über. Den zweiten Satz lässt Walter anschließend wie einen heilenden Frieden spielen.
Persönlich enttäuscht hat mich Mozarts "Jupiter". Wo war 1938 der majestätische Pomp, das Pathos, der göttliche Jupiter-Funke, den er später 1960 mit dem Columbia gezaubert hat? Die hiesige Box-Aufnahme empfand ich als "steril".
Na ja, nach so viel Lob musste ich ja auch mal irgendwo meckern. :-)
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GESAMT-FAZIT:
Eine Box von EMI auszupacken hat für mich immer etwas Weihnachtliches - und bei dieser Box hat die Freude beim Durchhören die Vorfreude noch weit übertroffen.
Für Bruno Walter-Fans sollte die Anschaffung dieser Box außer Frage stehen.
Mozart-Fans werden einige Leckerbissen finden oder neue Interpretationsansätze hören.
Freunde historischer Aufnahmen werden sich über den einen oder anderen Schatz freuen.
Wem es "nur" um die Werke geht, der ist wegen der Aufnahmequalität mit neueren Einspielungen (zB unter Walter mit dem Columbia SO) besser bedient - verpasst aber etwas Wundervolles ;-) !