Profitable Tradingmethoden sind in der Regel unkompliziert und nicht geheimnisvoll. Nehmen wir zum Beispiel den berühmten Donchian-Kanal, gebildet aus dem höchsten Hoch der letzten 20 Perioden und dem entsprechenden tiefsten Tief. Jeder Ausbruch aus diesem Kanal eröffnet eine Position und schließt die gegenteilige. Das daraus entwickelte automatische Handelssystem wurde von den Turtles benutzt und brachte denjenigen, die ihm diszipliniert folgten, enorme Gewinne ein. Dieses System ist extrem einfach, besitzt eine innere Logik und garantierte zu seiner Zeit einen nachweisbaren Erfolg.
Karin Roller stellt uns in ihrem Buch eine Methode vor, die auf einer ähnlichen Grundlage funktionieren soll, wie sie der Donchian-Kanal darstellt. Leider erweist sie sich schon rein optisch als sehr viel komplizierter und unübersichtlicher. Bei detaillierter Betrachtung verfestigt sich dieser erste Eindruck immer mehr. Ob man mit dem entsprechenden sogenannten Ichimoku-Trading wirklich zu nachhaltigem Erfolg gelangt, kann nicht abschließend geklärt werden, denn im Gegensatz zur Turtle-Methode beschreibt dieses Buch kein automatisches Handelssystem. Folglich können auch keine belastbaren statistischen Auswertungen vorliegen.
Bevor der Leser erfährt, wie die geheimnisvolle Technik des Herrn Ichimoku funktioniert, informiert ihn die Autorin erst einmal kurz über Grundsätzliches zur technischen Analyse von Finanzmärkten. Insbesondere geht sie dabei auf die unterschiedliche Entwicklung in den USA und Japan ein. Danach beschäftigt sie sich mit ausgewählten Kapiteln der westlichen Analyseform. So stellt sie dem Leser zunächst das Konzept von Unterstützung und Widerstand vor, kommt dann zu einfachen Formationen und erklärt anschließend Indikatoren und Oszillatoren. Sie diskutiert in diesem Zusammenhang das OBV, gleitende Durchschnitte, den MACD und später das Momentum, den RSI, den ADX und die ATR. Schließlich geht es noch um Kanäle und Bänder (Keltner, Donchian, Bollinger), elementare Fibonacci-Methoden, gewisse Kurszielbestimmungen, bei denen man erst immer hinterher weiß, welche richtig war, und Stopp-Strategien.
Obwohl dieser Teil des Buches nichts grundsätzlich Falsches enthält, bleibt ein unbefriedigendes Gefühl. Denn was hier verbreitet wird, klingt angelesen und zeugt von nur geringer praktischer Trading-Erfahrung. In keinem Fall wird irgendwo eine in sich geschlossene Trading-Strategie vermittelt. Vielmehr sind diese Ausführungen lediglich das, was man zu den einzelnen Themen in jedem einigermaßen guten Buch über technische Analyse vorfindet. Der Schreibstil der Autorin ist zudem manchmal recht flapsig. Ihr Ziel besteht wohl mehr in einer gewissen Wissensvermittlung für technische Analysten und weniger darin, von Handelsmethoden zu berichten, mit denen sie auch eine persönliche Erfahrung verbindet.
Im zweiten Teil des Buches kommt die Autorin dann zum Thema ihres Werkes. Leider bleibt sie dabei - wie zu befürchten war - ihrem Stil treu. Zunächst lernt der Leser, wie man einen Ichimoku-Chart konstruiert. Wie die Autorin zu Recht betont, bedarf es einer gewissen Eingewöhnung und viel Übung. Das beginnt bereits mit den Bezeichnungen, die japanische Wortbildungen sind und sich deshalb dem Verständnis und damit auch dem Gedächtnis immer wieder entziehen wollen. Immerhin erfahren wir in der Sprache der Autorin, dass ein Ichimoku Kinko Hyo ein "wahrer Tausendsassa" sei, denn aus einem solchen Chart können wir nicht nur Kauf- und Verkaufsignale, sondern auch die Trendstärke, die Trendrichtung und Unterstützungen und Widerstände erkennen. Ich möchte das gar nicht bestreiten, allerdings ergänzend hinzufügen, dass solche Feststellungen (wie immer) natürlich reine Interpretationen sind.
Auf einem Ichimoku-Chart werden neben den Kerzen der jeweiligen Periode fünf Linien und eine Wolke eingezeichnet, wobei die sogenannte Wolke von zwei dieser Linien eingeschlossen wird. Die erste Linie ist das arithmetische Mittel aus dem höchsten Hoch und dem tiefsten Tief der letzten 26 Perioden. Die nächste Linie wird genauso gebildet, allerdings mit der Periodenzahl 9. Von diesen beiden Linien wird erneut das arithmetische Mittel berechnet und das Resultat 26 Tage in die Zukunft verschoben. Dazu gesellt sich nun eine weitere Linie, die wie die ersten beiden entsteht, allerdings mit der Periodenzahl 52, und anschließend ebenfalls 26 Perioden in die Zukunft transportiert wird. Aus ihr und der davor gebildeten Linie entsteht die sogenannte Wolke. Schließlich müssen wir noch den aktuellen Kurs 26 Perioden in die Vergangenheit verschieben.
Da nun der Chart entstanden ist, kann die Autorin die oben behaupteten Tausendsassa-Eigenschaften ausführlich beschreiben und an Beispielen erklären. Das sieht alles faszinierend aus und besitzt auch eine gewisse innere Logik. Allerdings erscheint es auch abschreckend kompliziert. Auf Seite 145 findet der Leser folgende Feststellungen der Autorin: "Der Markt ist eben auch nicht ein starres System, er wird von Menschen gemacht." Und weiter: "Ichimoku trägt dem Rechnung, indem es (das System, R.M.) ebenfalls dynamischer Natur ist und nicht statisch und sklavisch an der Preisentwicklung der Vergangenheit festhält. Die Wolke gewährt einen Blick in die Zukunft und die Handelsaktivitäten können in aller Ruhe vorbereitet werden." Angesichts der Konstruktion des Charts ist dies im doppelten Sinne blanker Unsinn, denn erstens kann niemand in die Zukunft sehen und zweitens entsteht die Wolke aus Kursen der Vergangenheit.
Die oben genannten Einstellungen basieren auf den Handelszeiten im alten Japan. Deshalb diskutiert die Autorin auch andere Einstellungen. Es folgen einige elementare Ausführungen zur Wellentheorie, zur Kurszielbestimmung und zum Positions- und Risikomanagement. Dass zum letzten Thema gerade einmal eine Seite gefüllt wird, beweist einmal mehr, dass es hier mehr um Wissensvermittlung von Methoden der technischen Analyse als um ein Tradingkonzept geht. Wenigstens zweimal wird die technische Analyse im Text mit der Wettervorhersage verglichen. Trader hingegen wissen, dass der Versuch, Kurse vorherzusagen, nicht selten teuer zu stehen kommt.
In einem weiteren Abschnitt erklärt die Autorin das Konzept von Kerzencharts auf einem elementaren Niveau. Abschließend findet der Leser einige praktische Beispiele auf dem Niveau des vorangegangenen Textes.
Fazit.
Dieses Buch erklärt eine alte japanische Chart-Technik, die schon auf den ersten Blick kompliziert erscheint und auch bei genauerem Hinsehen nicht einfacher wird. Zwischen Chart-Technik und Trading besteht jedoch ein signifikanter Unterschied, der im Buch immer wieder verwischt wird. Das Buch bietet Wissen über die Chart-Technik, bildet jedoch keine wirklich definierte Trading-Technik mit diesen Charts heraus. Unklar bleibt deshalb darüber hinaus, welchen wirklichen Vorteil diese Chart-Technik gegenüber den gewohnten westlichen Methoden besitzen soll.