Es klingt ganz nach 20er Jahre Tanzpalast in Berlin-Mitte, nur ohne Schellack-Kratzer. Das liegt nicht nur am Repertoire, das Klassiker von Cole Porter ("Night and Day") ebenso umfasst wie solche von den Comedian Harmonists ("Ich wollt, ich wär ein Huhn", "Wochenend und Sonnenschein") oder auch Robert Stolz und Zarah Leander ("Habanera") -- gut, das ist jetzt schon späte 30er Jahre. Diese Beispiele greife ich auch nur deswegen heraus, um einige Gassenhauer im besten Sinne des Wortes zu nennen, stellvertretend für das ganze Album voller Prachtstücke und ohne eine einzige Schwachstelle.
Woher nun meine hemmungslose Begeisterung auch beim x-ten Hören, egal ob bei Wochenend und Sonnenschein, oder am Mittwochabend und Dauerregen? Woran liegt das? Es liegt nicht nur daran, dass Max Raabe und sein Palastorchester präzise und mit Schmelz aufspielen, ohne je zu dick aufzutragen. Schließlich kann man sich auch blamieren, wenn man die x-te Version von Klassikern einspielt. Man kann sich aber auch mit solchen Steilvorlagen von der Schokoladenseite präsentieren, und das tun sie hier.
Also, woran liegt das nun, dass dieses Album mich selig lächeln lässt... Vielleicht liegt's an diesem gesungenen ironischen Blinzeln, das bei Raabe immer wieder mitswingt? Wenn er z.B. in "Annabell" oder in "Reizend" die ein oder andere Silbe fast ein wenig wie Kurt Gerron klingen lässt, dann imitiert er Gerron nicht (das wäre sowieso unmöglich), sondern er zitiert Gerrons Stil und entwickelt daraus seinen eigenen. Vielleicht liegt's daran.
Vielleicht liegt's auch daran, dass Raabe und sein Palastorchester ganz im Stil von Omas Zeiten hemmungslos und ganz unbelästigt von postmodernem Gehabe musikalische Stillleben mit allem Zubehör ausbreiten ("Salome", "Habanera"). Vielleicht liegt's auch daran, dass das Palastorchester ganz einfach zu jenen seltenen Swing-Bands mit hervorragenden Solisten gehört, die ohne Bombast auskommen und spielerisch mit Melodien umgehen können, ohne sich auf deren Kosten profilieren zu müssen (allein schon dieser Saxophonist in "Annabell"... Hach!). Vielleicht liegt's auch daran, dass Raabe die maßgeschneiderte Stimme hat für diese Songs. Man könnte ihn sich sogar als siebten Mann vorstellen bei den Comedian Harmonists.
Es dürfte an allem soeben erwähnten liegen; daran, dass das alles ineinanderpasst. Und wer weiß, woran es sonst noch liegen mag. Wahrscheinlich wäre das die Zwei-Millionen-Frage bei Günther Jauch. Überlassen wir das also Herrn Jauch und weisen wir nur noch ausdrücklich auf den umwerfenden Schluss des Albums hin, auf die sechs musikalischen Variationen über "Kein Schwein ruft mich an": Französisch, italienisch, russisch, chinesisch, lateinamerikanisch und schließlich nordamerikanisch. In je 30 bis 70 Sekunden zeigt hier das Palastorchester, was bestens aufgelegte Könner mit einer simplen Melodie alles anstellen können: Innerhalb von 30 Sekunden mehr als andere in 30 Minuten.
In diesem Sinne: Sweet Huhn, just you. Immerzu!