Trotz der detailierten Beschreibungen war dies eines der wenigen Bücher, wo es mir nicht gelungen ist, emotional Kontakt zu dem zu bekommen, was sexuelle Gewalt so traumatisch macht. Als selber Betroffene kann ich allen Betroffenen nur abraten. Das Buch vermittelt die Atmosphäre einer kalten Perspektivlosigkeit, die einen in die immer wieder anklingende Suizidalität der Autorin hineinzieht. Es hat auch stellenweise einen kalten, verachtenden Ton anderen Betroffenen gegenüber, der auf den ersten Blick abstoßend überheblich wird, auf den zweiten Blick aber wie ein trauriger Spiegel des Selbstbildes eines Menschen, der den eigenen Verwundungen gegenüber kein Mitgefühl aufbringen kann. Olga Masur trägt ihren Status als Hochbegabte beinahe wie das einzige Gütesiegel vor sich her, aus dem sie ihr Selbstwergefühl bezieht. Gut nachvollziehbar für mich auf der einen Seite - ich bin selber als hochbegabt gefördert worden und habe das auch lange Zeit als einzigen Ankerpunkt eines beschädigten Selbstwertgefühl empfunden. M.E. geht Intelligenz aber auch mit der Verpflichtung einher, sich genau mit dem auseinander zu setzen, was die eigenen Worte für Wirkungen in der Welt erzeugen. Ich kann aus dem Buch das Bedürfnis nach einem kathartischen Prozess der Autorin herauslesen. Aber ich kann nirgendwo erkennen, daß sie Wege öffnet, wie die zweifellos vorhandene große Kraft ihrer Intelligenz für die Heilung zutiefst verwundeter Gefühle einsetzt.