Wenn man sich viele Filme ansieht, stößt man öfter als einem lieb ist auf echte Gurken. Manchmal geht man aber auch mit äußerst geringen Erwartungen an einen Film heran und wird positiv überrascht.
So geschehen gestern abend bei "Ich weiß, wer mich getötet hat". Mittlerweile eilt dem Streifen ja ein gradezu legendärer Ruf als absoluter Müll vorraus und Hauptdarstellerin Lindsay Lohan erntete nur Hohngelächter für ihren ersten Ausflug ins Thrillergenre.
Kurz zur Handlung: Die brave Aubrey verschwindet eines abends auf dem Weg zu einer Verabredung mit Freunden spurlos. Nach Tagen verzweifelten Hoffens und Bangens seitens ihrer Eltern (Julia Ormond und Neal McDonough) taucht sie Tage später schrecklich verstümmelt wieder auf - und behauptet, sie sei nicht Aubrey, sondern vielmehr Dakota, eine Stripperin, die Aubrey zum Verwechseln ähnlich sieht...
Dem Film sind so einige Dinge vorgeworfen worden. Lohan's schauspielerische Leistung sei fürchterlich, der Film (besonders das Ende) unlogisch und blödsinnig, zudem unerotisch (an manchen Stellen wurde er als "Erotikthriller" klassifiziert) und kranke zudem an den Manierismen des Regisseurs, der dem großen Dario Argento nacheifern wolle und mit dem allzu großzügigem Gebrauch seiner Farbsymbolik vollends ins Klo greife.
Das kann ich nicht alles so ohne weiteres unterschreiben. Lohans Schauspiel z.B. ist bei weitem nicht so schlecht, wie oft behauptet wird, sondern im Gegenteil recht solide. Im Ernst, sie ist nunmal keine Meryl Streep. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten liefert sie eine gute Leistung ab. Man hat schon von ganz anderen Schauspielerinnen weitaus schlechtere Leistungen gesehen.
Thema "unerotisch": Teils-Teils. Mit Sicherheit hat diese Einschätzung in einigen Fällen mit falschen Erwartungen zu tun. "Ich weiß, wer mich getötet hat" ist kein Erotikthriller, sondern ein Mysterythriller mit einigen übernatürlichen Elementen. Es gibt im ganzen nur zwei Szenen, die das Prädikat "erotisch" verdienen würden (ein Burlesque-Tanz und eine völlig überflüssige Sexszene), und in beiden behält Miss Lohan ihre Unterwäsche an. Soviel dazu.
Thema "unlogisch und blödsinnig": Dass der Film teilweise Logiklöcher so groß wie der Grand Canyon hat, muss man wirklich kritisieren. Allerdings muss ich hier mal eine Lanze für das Ende brechen: Alle Welt meckert darüber, dass man bei jedem zweiten Thriller ein stereotypes Ende vorgesetzt bekommt, das man schon drei Meilen gegen den Wind riechen kann. Und nun läßt sich jemand mal was einfallen, was so de facto noch nicht da war - und schon schreien alle: "Doof! Zu weit hergeholt! Unrealistisch!" Leute, es handelt sich um einen Mysterythriller! Der MUSS nicht zwingend realistisch sein! Ich persönlich mochte das Ende, weil es wirklich mal wieder einigermaßen originell war. Und viel weiter hergeholt als die Stories von "Akte X" und Konsorten ist die Story meiner Meinung nach auch nicht.
Was mir aber wirklich nicht gefallen hat, ist der bereits erwähnte inflationäre Einsatz von Farbsymbolik bzw. Farbfiltern. Manche dieser Effekte sind durchaus gelungen (wie man auch der sonstigen Kameraarbeit durchaus ein Lob aussprechen kann), aber größtenteils wird der Zuschauer gradezu mit dem symbolischen Holzhammer erschlagen. Leider zieht der ansonsten gute Film sich damit ein wenig selbst ins Lächerliche. Hier wäre weniger wirklich mehr gewesen.
Fazit: Der Film ist bei weitem nicht so übel, wie er gemacht wird. Die schaupielerischen Leistungen sind solide, die Handlung auf positive Weise verworren (ist Aubrey/Dakota verrückt? Wirklich zwei verschiedene Personen, wie Dakota behauptet? Oder ist alles gar nur ein Traum?) und der Film bleibt wirklich durchgehend spannend bis zum Ende, was für mich ein wichtiges Kriterium für einen wirklich guten Thriller ist.
Zudem unterscheidet sich die Kameraarbeit und die gesamte Atmosphäre sehr vom amerikanischen 08/15-Thriller, wie er dem Publikum heutzutage dutzendfach geliefert wird. Man merkt schon die starken Einflüsse des italienischen "Giallo"-Genres - sie mögen nicht perfekt umgesetzt sein, geben dem Film aber nichtsdestotrotz einen ganz neuen, fast experimentellen Touch. Gleiches gilt übrigens für den Soundtrack, der größtenteils (Ausnahme ist die besagte unsägliche Sexszene, wo Erinnerungen an die musikalische Untermalung schlechter 70er Jahre-Pornos wach werden) die Handlung absolut atmosphärisch untermalt.
Auch Fans des etwas härteren Kinos kommen hier zum Teil auf ihre Kosten, es gibt einige recht gut gemachte Gore-Szenen, die nichts für schwache Mägen sind.
Ganz ehrlich: Wäre der Film besetzt mit einer ernstzunehmenderen Schauspielerin (als er rauskam, war Lindsay Lohan aufgrund ihrer Alkoholexzesse längst zur Trash-Ikone mutiert), hätte jemand wie Dario Argento Regie geführt (der seine Farbsymbolik weitaus weiser einzusetzen weiß) und hätte man einige wirklich blöde horror-stereotype Szenen weggelassen (ich sage nur: Eule) - alle hätten "MEISTERWERK!" geschrien. Zumindest ist der Film weitaus besser als "Hostel" oder die letzten Teile des "Saw"-Franchise.
Also: Gebt diesem Streifen zumindest eine Chance. Verdient wäre sie.