Ich habe vor einiger Zeit schon ein Buch von Bas Kast verschlungen ("Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft") und war deshalb schon sehr gespannt auf sein neuestes Werk. Innerhalb von einem Tag hatte ich es ausgelesen. Ich konnte es einfach nicht zur Seite legen.
Worum geht es? Obwohl wir in Deutschland (und in anderen reichen Staaten) eigentlich alles haben - und auch noch immer mehr davon bekommen -, werden wir immer unglücklicher. Vor allem Frauen, deren Situation sich in den letzten Jahrzehnten enorm verbessert hat, sind zusehends unzufrieden und nicht glücklich. Bas Kast geht der Frage nach, woran das liegen könnte.
Dabei stößt er auf drei wichtige Faktoren, die unser Leben immer stärker prägen: ein Mehr an Freiheit, an Wohlstand und an Rastlosigkeit.
Aber kann es sein, dass Freiheit uns nicht gut tut? Oder Wohlstand? Oder eben Dynamik?
Ja! Denn wir sind schlichtweg überfordert. Anhand von zahlreichen Studien und Beispielen, die mitten aus dem Leben gegriffen sind, verdeutlicht der Autor, welche Schattenseiten mehr Freiheit, Wohlstand und Dynamik haben.
Durch die Abschaffung der Ständegesellschaft, in der man von Geburt an festgelegt war (und auch keine Gedanken an 100 Alternativen verschwenden musste), ist der Mensch immer freier geworden, was natürlich zunächst mal eine tolle Entwicklung ist. Heute sind wir selbst unseres Glückes Schmied, aber leider haben wir damit auch die Möglichkeit, uns die Finger gehörig zu Brei zu schlagen. Alternativen sind wichtig, aber wenn die Möglichkeiten, die sich einem bieten eine gewisse Zahl übersteigen, schlägt die Kurve, die bisher mit den Möglichkeiten angewachsen ist, plötzlich um. Wir sind "optionsgesättigt" und überfordert. Sehr schön wird dies anhand von verschiedenen Studien verdeutlicht. Da gibt es z.B. den Marmeladenversuch. Am Eingang eines Ladens wurde ein Tisch mit 6 verschiedenen Marmeladen zum Probieren positioniert. Eine Stunde später (und im stündlichen Wechsel) konnte man zwischen 24 Sorten wählen. Wer hat im Laden eher eine Marmelade gekauft? Die mit der kleineren Auswahl. Die anderen waren fast alle überfordert. Denn wenn ich mich für die Himbeermarmelade entscheide, aber 23 Sorten links liegen lasse, ist die Chance, dass eine viel viel bessere Marmelade dabei ist größer als bei 5 Sorten, die übrigbleiben.
Ähnlich verhält es sich heute bei der Partner- und Berufswahl etc. Wir ertrinken einfach im Meer der Möglichkeiten und wollen uns überhaupt nicht festlegen, weil uns sonst "der richtige Partner/Job/die richtige Marmelade etc." durch die Lappen gehen könnte. Folglich leben viele von uns in einer Art Schwebezustand und das ist einfach verunsichernd und auf lange Sicht frustrierend. Vor allem für Perfektionisten, denn die begnügen sich nicht mit einer sehr guten Marmelade/Partnerin..., sondern wollen nur das beste. Und das ist in den meisten Fällen schlichtweg nicht zu schaffen. Zum Schluss stehen sie dann ganz ohne da.
Neben dem Leben in einer Multioptionsgesellschaft stellt auch die Wohlstandsgesellschaft für viele von uns ein Problem dar. Um es auf eine kurze Formel zu bringen: "Capitalism kills love." Hier gelingt dem Autor eine sehr präzise Analyse der Wohlstandsgesellschaft. Die Beziehungsebene wird durch Geld stark vernachlässigt - der Wohlstand hat eine trennende Wirkung. Anhand von verschiedenen Studien wird auch dies gezeigt. Geld regt ähnliche Gehirnareale an, wie Lob - es macht sogar ein stückweit immun gegen Ablehnung. Trotzdem befriedigt der Besitz nicht nachhaltig, da man sich durch ein Mehr an Geld zusehends aus der Abhängigkeit von Menschen freikauft. Hier sind die Amishe ein eindrucksvolles Beispiel: Bei ihnen ist übermäßiger Wohlstand verpönt. Es zählt nicht der Einzelne, sondern die Gemeinschaft. Und: Es gibt keine Versicherungen! Wenn einem Angehörigen der Amishe eine Scheune abbrennt, legt die Gemeinde das Geld zusammen und jeder packt mit an. Das ist in unserer Gesellschaft, in der jeder für sich allein steht und viele Freundschaften weitgehend auf gemeinsamem Spaß basieren, nicht mehr vorstellbar. Auch der Stellenwert der Familie wird diskutiert.
Zuletzt geht Bas Kast auf die Rastlosigkeit ein, die unsere moderne Gesellschaft prägt. Wie kommt diese zustande? U.a. auch durch die zahlreichen Optionen, die wir dank Freiheit und Geld haben. Während ein mittelalterlicher Bauer etwa 5 Dinge am Tag zu erledigen hatte und am Abend vielleicht 4 geschafft hat (und damit recht ruhig schlafen konnte), nehmen wir uns am Tag 100 Dinge vor (das ist nicht übertrieben!) und schaffen 20 davon - was schon sehr viel ist, aber 80 Dinge "müssen" wir eben auch "verpassen". Das ist ein enormer Stress und vielen gibt dies das Gefühl, in einem Hamsterrad gefangen zu sein.
Sehr interessant finde ich in diesem Abschnitt auch die Überlegungen zum Thema ADS (haben wir heutzutage nicht alle irgendwie ein bisschen ADS, weil wir so informationssüchtig sind, dass wir uns mit Alltäglichem überhaupt nicht mehr zufrieden geben?).
Im letzten Abschnitt widmet sich der Autor Strategien, um in unserer Gesellschaft, die vielfach von einem Zuviel, das uns überfordert (Freiheit und Wohlstand, die uns unter Druck setzen und Rastlosigkeit) geprägt ist, nicht im Meer der Möglichkeiten unterzugehen. Er hält z.B. zu einem klugen Verzicht an - denn Gold ist v.a. deshalb so wertvoll, weil es so selten ist! Das hat nichts mit Kasteiung zu tun, sondern mit einer Beschränkung auf das Wesentliche, nach dem wir uns eigentlich sehnen, das aber in der Multioptionsgesellschaft einfach mit allem Möglichen "zugemüllt" wird. Zudem ist es wichtig, aus dem ewigen Konkurrenzkampf auszusteigen, der uns übermäßig Energie kostet, aber im Prinzip nichts bringt. Zumindest keine langfristige Befriedigung.
Ich mag den Stil von Bas Kast unheimlich gerne. Er schreibt locker, lebendig und bringt viele gut verständliche Beispiele. Und er schreibt einfach "nah an den Dingen dran" - man erkennt sich vielfach wieder und fühlt sich auf gewisse Weise ertappt. Das Buch regt zum Nachdenken an, denn es ist kein bisschen polemisch - der Autor verteufelt unsere freiheitliche Wohlstandsgesellschaft nicht, sondern zeigt lediglich auf, dass wir uns auch mit den Schattenseiten auseinandersetzen sollten. Ich habe es in meinem Freundeskreis empfohlen und bin auf ein durchweg positives Echo gestoßen, was beweist, dass Bas Kast hier den Nerv der Zeit getroffen hat. Ich bin gespannt auf die nächsten Bücher des Autors!