Etwa ein Jahr vor seinem Tod fühlt er in erschütternder Weise, dass es nicht mehr lange dauern könnte "Also dass ICH schon nächstes Jahr weg bin". Er fühlt sich nicht gut und ein seltsamer Druck lastet auf ihm: "Wenn ich sagen sollte, wo die Seele liegt, dann würde ich sagen: im Brustraum." Solche Worte schmerzen als Leser und Verehrer seines Schaffens unglaublich und holen seinen viel zu frühen Tod wieder in die schmerzhafte Erinnerung.
Ich habe das Buch für jemanden in meinem Haushalt gekauft, aber durch einen Zufall nahm ich es ihn die Hand und begann das erschütternde, feinsinnige und voller Liebe klingende Vorwort seiner Frau Aino Laberenz zu lesen. Auf den ersten Seiten der Bandprotokolle von Christoph Schlingensief war ich dann gefangen und habe es in 3 langen Lesesitzungen durchgelesen. ICH WEISS ICH WAR'S fesselt den Leser schon auf den ersten Seiten, insbesondere durch seine eigenen sehr persönlichen Worte der Verzweiflung über seinen Zustand.
Es überwiegt aber schon wie in seinem letzten Buch SO SCHÖN WIE HIER... nicht das Selbstmitleid. Allerdings rechnet er schon recht deutlich mit diversen Erscheinungen und auch seinem Deutschland ab "Ich finde, dieses Deutschland ist eine unglaublich selbstbetrügerische Veranstaltung". Schlingensief genoss in dieser Zeit mehr die Natur und die leisen Beobachtungen - "Früher hab ich alle angebrüllt" und findet auch angemessene Worte für all die, die ihn stets nur als "Politclown" bezeichnet haben. Und er sinniert in philosophischer Logik über Gott, dem er die Allmächtigkeit abspricht da er, Schlingensief, sterben kann, aber Gott nicht, also ist er nicht allmächtig.
Man erfährt, dass er auch mal gekokst hat um so produktiv zu schreiben wie Fassbinder, aber beim ihm bewirkte es das Gegenteil von Kreativität und nur die Worte "Ich" und "Fertig" bringt er in einer Nacht zu Papier. In Bezug auf die Texte von Schlingensief kann man es als indirekte Fortsetzung seines gelungenen Buchs SO SCHÖN WIE HIER KANNS IM HIMMEL GAR NICHT SEIN bezeichnen. Allerdings wirkt es für mich noch näher und unmittelbarer und die Vielzahl der zu lesenden Selbstgespräche stellen die wirklich intimste Art einer Biografie dar. Man erfährt etwas über seine erste Freundin Claudia und seiner Beziehung zu Thomas Meineke von der Band FSK aus München.
Selten wird man so direkt Zeuge der Gedanken eines großen Künstlers in Reflektion seines leider abnehmenden körperlichen Zustandes. Das Buch vermeidet es allerdings auch bewusst eine Steigerung oder dramaturgische Überhöhung der Ereignisse vermitteln zu wollen. Allerdings wurde es über SO SCHÖN WIE HIER … hinaus von seiner Frau Aino im Sinne einer Biografie gestaltet, was sich durch viele sehr schöne gelungene Bilder ausdrückt. Dabei treffen auf viele alte Bekannte aus seinen Filmen und diversen Projekten wie Alfred Edel, Udo Kier, Achim von Paczensky, Werner Brecht, Dietrich Kuhlbrodt, Helge Schneider und viele andere mehr.
Von letzterem lesen wir interessantes und wie sein erster Auftritt unter Anwesenheit von Schlingensief abgelaufen ist. Man erfährt Wissenswertes aus Begegnungen mit Beuys und Zadek und Wim Wenders den er um Kontakte zur Filmhochschule anfleht. Prägende filmische Erlebnisse waren DIE 120 TAGE VON SODOM und DER EXORZIST, letzterer zwangsweise als Hörspiel. Überhaupt kommen überraschenderweise seine Filme relativ kurz im Buch vor, für UNITED TRASH scheint er sich geradezu zu schämen. "Die Sache mit der Filmerei bliebt auf jeden Fall ein ziemliches Desaster für mich".
Bilder aus seinem Familienalbum runden das Ganze gekonnt ab. Das Buch schließt mit 2 Selbstportraits vor einem Spiegel, von denen man spontan annimmt, dass sie vielleicht zu den letzten Bildern von ihm gehören und wieder trifft es einem tief ins Herz. Jeder der sich nur irgendwie mit Schlingensief beschäftigt hat muss dieses Buch lesen. Es ist der tiefste und persönlichste Einblick in seine Person und seiner eigenen Interpretation seines Schaffens die möglich ist. Man möchte gar nicht, dass das Buch je aufhört, weil man beim Lesen stets denkt Schlingensief lebt und ist aktiv wie eh und je. Sein Vermächtnis ist sowieso lebendig.
Am Ende ist man mit dem Verlust eines großartigen und oft unverstandenen Künstlers und Menschen und der damit einhergehenden eigenen Traurigkeit konfrontiert. Man könnte ein ganzes Buch über das Buch schreiben aber ich breche hier bewusst ab, um dem geneigten Leser Lesezeit für dieses Buch zurückzugeben. Die rund 300 Textseiten bestehen aus ca. 20 unten genannten, bewusst nicht chronologisch oder einer anderen vermeintlich sinnvollen Struktur in Bezug auf sein vielfältiges Schaffen in Film, Theater und Aktionen aufgebauten Texten, mit den folgenden Kapitelüberschriften die für sich sprechen. Das Buch schließt mit einer kurzen stichwortartigen Biografie und einer Danksagung ab:
Vorwort
Zwischenstand der Dinge I
Unsterblichkeit kann töten
Meine Urszene
Der Mensch besteht aus ganz viel Sehnsucht
Das Unsichtbare sichtbar machen
Ein Loch aus Angst und Ekel
Ich bezweifle, dass die Leute tatsächlich schreiben, was sie wollen
Politik durchspielen
Dieses Gesellschaftssystem ist in sieben Jahren komplett zerstört
Authentisches Theater
Zum Raum wird hier die Zeit
Ein Opernhaus in Afrika
Oberhausen
München
Zurück im Ruhrgebiet
Ich kann nicht nur an das Gute glauben
Grundsteinlegung in Burkina Faso
Via Intolleranza II
Zwischenstand der Dinge II
Kunst (das Wesen der…)
5/5 Sternen