Zu gerne würde ich mich mit dieser Rezension selbst beim Lügen erwischen, aber es ist wahr: Das Buch ist absolut langweilig!
Paul Ekman ist eine Koryphäe der nonverbalen Kommunikation, insbesondere was Emotionen angeht. Seine Leistungen und Forschungsergebnisse hatten und haben unbestritten fast revolutionäre Erkenntnisse zu Tage gebracht. Das wird nach dem Lesen des Buches auch ersichtlich, nur sollte man sich vor dem Kauf fragen was man von diesem Taschenbüchlein - das dank seiner Dicke nicht mal in meine weitesten Baggy Pants passt - erwartet. Will man eine gut konsumierbare Anleitung dafür, wie man andere beim Lügen ertappt? Dann sage ich nur viel Spaß, Sie haben mit diesem Buch einen recht langen Weg vor sich, um für das allgemeine Leben relevante Erkenntnisse zur Lügenermittlung zu erlangen. Ekman beschreibt so gut wie alles! Scheinbar nichts zum Thema Lügen wird ausgelassen, ungeachtet dessen ob es für Sie nützliche Informationen sind. Ich habe mir beim Durchlesen des Buches ein paar (recht ausführliche) Notizen gemacht, die mir persönlich weiterhelfen. Zusammen mit den Tabellen im Anhang - die eine Komplettübersicht zum ohnehin sehr wackeligen Thema der Lügenenttarnung bieten - komme ich auf nichtmal 10 DINA4-Seiten - auf das Buch-Format ausgedehnt wären das optimistisch berechnet ungefähr 25 Seiten. Dieses Buch hat 500 Seiten! Ein normal berufstätiger Mensch hat nicht die Zeit um diesen Wälzer ergiebig durchzuarbeiten. Ich kann es verstehen wenn man es nach der Hälfte zuklappt und längere Zeit nicht mehr rausholt.
Ich persönlich halte mich für recht belesen und bin auch ein Freund von komplizierten Satzbauten. Aber Ekman hat es geschafft, dass ich regelmäßig in den Zeilen zurücksprang um überhaupt zu kapieren, was der werte Herr sagen will. Er geht einfach auf alle möglichen Fallverstrickungen ein bzw. lässt sie nicht unerwähnt, das kann einen schonmal verwirren und/oder überfordern. Irgendwann beschleicht einem das Gefühl, das einem pausenlos ins Ohr flüstert: "Wenn du jetzt aufhörst zu lesen und beginnst deine Mitmenschen genauer zu be(ob)achten, lernst du effektiver als mit diesem Buch."
Wenn es um Lügen an sich geht, ist man meiner Meinung nach mit "Menschen lesen" von Joe Navarro besser bedient, auch wenn nicht unbedingt das Hauptaugenmerkt auf dem Flunkern liegt. Es sensibilisiert für das Thema und gibt eine Vielzahl zusätzlicher Infos zur Nonverbalen Kommunikation, mit denen man auch wirklich praxistauglich etwas anfangen kann. Ekmans Buch dagegen ist einfach nur ein ausführliches "auskotzen" (entschuldigen Sie diese Gossensprache, aber nach Ekmans Professoren-Gequatsche brauche ich ein bisschen Kontrastprogramm, um Yin und Yang wieder in Einklang zu bringen). Allerdings muss ich zugeben, dass ich mich ansonsten nicht weiter mit Lügen-Literatur beschäftigt habe, lässt man diverse Promi-Biographien in meinem Bücherregal weg. Aber bitte lassen Sie sich von mir nicht anlügen, bestimmt gibt es bessere als Navarro.
Fazit:
Wollen Sie ALLES zum Thema "Lügen" erfahren was jemals darüber mit wissenschaftlicher Relevanz gesagt wurde? Hier ist ihr Buch. Viel Spaß. Kaufempfehlung!
Wollen Sie ein populärwissenschaftliches Sachbuch, dass das Thema "Lügenermittlung" interessant darstellt, angenehm zu lesen ist und sich als alltagsrelevant erweist? Suchen Sie weiter. Oder vielleicht lernen Sie mit der TV-Serie "Lie to me" mehr? Ich weiß es nicht, da ich sie nicht kenne.
So leid es mir tut, kann ich meine 2-Sterne-Bewertung nicht anders begründen als mit der zunehmenden Müdigkeit beim Lesen, dem recht redundanten (und zu erschöpfenden) Inhalt, der geringen Alltagsrelevanz und der daraus resultierenden Kaufreue. Sorry für die Rowohlt-Lobby. Ich find euch trotzdem cool! (ungelogen)
Letzte Anmerkung: Vielleicht sollte sich Thorsten Havener doch einen Ruck geben und zumindest eine Light-Version des Buches schreiben (Thorsten, Sie können gerne meine Notizen verwenden).