Kurzbeschreibung
[Klappentext] Wir wussten ja überhaupt nichts von der übrigen Welt oder was außerhalb von Litauen los war, oder ob es überhaupt noch was anderes als Litauen gab. Jahreszahlen, Monate, Tage oder ein Zeitgefühl gab es für uns nicht. Wir waren halt keine Menschen mehr, nur noch Wolfskinder, die sich im Kreis drehten oder umherliefen. Manchmal sagte ich zu meiner Mutter: "Mutti, was soll bloß aus uns werden? Ich kann nicht lesen, nicht schreiben, nicht rechnen und nicht mehr richtig Deutsch sprechen." - "Ich weiß es auch nicht, wie das mal enden soll. Wären wir doch bloß alle krepiert, dann brauchten wir das nicht mehr miterleben." Weinend gingen wir oftmals durch die Gegend und waren am Ende, aber wir rafften uns immer wieder auf.
Der Verlag über das Buch
[Hintergründe: Wolfskinder] Wolfskinder - wie hungrige Wölfe schlugen sich nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges Kinder durch Polen und Litauen, um sich selbst am Leben zu erhalten oder mit ihren Bettelzügen das Nötigste für ihre Familien zu finden. Von einer behüteten Kindheit war nichts zu spüren. Elend und Angst prägten die Entwicklung der Kinder. Nach der Eroberung Ostpreußens fanden Kinder oft ihre Familien nicht mehr wieder oder Mutter und Vater waren verhungert, vertrieben oder ermordet worden. Sie waren auf sich allein gestellt. Die historische Forschung geht von etwa 25.000 solcher Kinder aus, die allein oder in kleinen Gruppen durchs Land zogen. Etwa 5.000 von ihnen gelang die Flucht nach Litauen. Dort wurden sie von den meisten Litauern für einige Zeit mit versorgt. Doch nur kleine Kinder, die sich ihrem neuen Leben rasch anpassten, Litauisch lernten und ihren deutschen Hintergrund vergaßen, blieben dauerhaft in den Familien. Alle anderen wurden, nachdem man sie eine Zeit lang als billige Arbeitskräfte behielt, immer weiter geschickt. Dies geschah vor allem aus der eigenen Not und der Angst heraus, von russischem Militär gestellt zu werden. Dann drohte die Deportation der eigenen Familie. Viele Wolfskinder sind auf ihren Wanderungen ums Leben gekommen - verhungert, entkräftet, erschlagen. Andere blieben in Litauen, bauten sich dort ein Leben auf. Wieder andere - etwa 200 - siedelten nach Deutschland um. Oftmals mit dem Lebensmotto: 'Sei froh, dass du lebst; vergiss, was war; schau nach vorn!' Nur vorsichtig suchen sie nun nach den Spuren ihrer Identität. Das Zurückblicken aber ist es, was dieser 'unauffälligen Generation' (Sabine Bode), die zwischen allen Fronten stand, helfen könnte. Das hat auch die Autorin, Frau Dorn, erkannt, wenn sie schreibt, sie habe sich mit diesem Buch alles 'runtergeschrieben'. Heike Wolter (Lektorat)
Über den Autor
Über sechs Jahrzehnte sind vergangen, bis die 1935 in Königsberg (Ostpreußen) geborene Ursula Dorn den Mut fasste, das zu erzählen, was sie als 10jähriges Kind erfahren musste. Sie lebt heute mit ihrer Familie in der Nähe von Göttingen. In ländlicher Abgeschiedenheit hat sie die Ruhe gefunden, ihre Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg zu bewältigen. Die Erinnerungen an ihr Dasein als Wolfskind hat sie in einer packenden Geschichte verarbeitet.
Auszug aus Ich war ein Wolfskind aus Königsberg von Ursula Dorn. Copyright © 2008. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Jetzt, wo der Schnee überall war und die Kälte dazu kam, war es die schlimmste Zeit für uns und all die anderen Bettelkinder. Jeden Tag nur ums Überleben kämpfen. Womit hatten wir das nur verdient? Wir kamen uns vor wie Ratten, immer auf der Flucht vor irgendetwas. Die Leute wurden unser auch überdrüssig, weil es immer mehr wurden, die durch das Land wanderten. Auch die Litauer hatten nicht viel und wurden ständig von den Russen und Partisanen ausgeraubt. Die Kämpfe zwischen denen hörten auch nicht auf. Wir konnten es gar nicht verstehen, warum es so war. Wir wussten ja überhaupt nichts von der übrigen Welt oder was außerhalb von Litauen los war, oder ob es überhaupt noch was anderes als Litauen gab. Jahreszahlen, Monate, Tage oder ein Zeitgefühl gab es für uns nicht. Wir waren halt keine Menschen mehr, nur noch Wolfskinder, die sich im Kreis drehten oder umherliefen. Manchmal sagte ich zu meiner Mutter: "Mutti, was soll bloß aus uns werden? Ich kann nicht lesen, nicht schreiben, nicht rechnen und nicht mehr richtig Deutsch sprechen." - "Ich weiß es auch nicht, wie das mal enden soll. Wären wir doch bloß alle krepiert, dann brauchten wir das nicht mehr miterleben." Weinend gingen wir oftmals durch die Gegend und waren am Ende, aber wir rafften uns immer wieder auf.
Als wir so durch die Gegend tippelten, bemerkten wir, dass immer mehr Lastwagen mit russischen Soldaten auf den sehr schlechten Landstraßen lang fuhren. Meine Mutter sagte dann immer, die haben doch was mit den Menschen vor, die hier in der Gegend wohnen, und tatsächlich erfuhren wir von einigen Leuten, dass sie viele Männer von ihren Familien weggeholt haben, und keiner wusste, wohin sie verschleppt worden waren. Wir bekamen Angst und wussten nicht, wohin wir gehen sollten. Da kamen wir, wie so oft, an einem Wald vorbei und bemerkten, dass da Partisanen hausten. Sie sprachen uns an und fragten, wo wir herkamen und wer wir waren, und ob wir in den letzten Tagen viele Russen gesehen hätten. Sie sagten zu uns, wir sollten aus dieser Gegend verschwinden. Es könnten irgendwelche Kämpfe vorkommen, und es wäre gefährlich für uns. Wir befolgten den Rat und machten uns weit weg. Abends waren wir so kaputt, dass wir kaum noch laufen konnten.
Wir machten uns auf ein Holzhäuschen zu und fragten wegen einer Übernachtung. Ein älteres Ehepaar ging mit uns zu einem kleinen Stall hin. Es waren drei Schweine drin und ein paar Schafe. Wir konnten uns in eine Ecke legen und schlafen. Überglücklich fielen wir in die Ecke. Es war so schön bei den Tieren. Da schliefen wir im Winter am liebsten. Die gaben so viel Wärme ab. Wenn dann noch irgendwo eine Kuh oder Ziege drinstand, hatten wir auch gleich noch die Milch dazu. Ich hielt dann gleich beim Melken die Zitze vom Euter in meinen Mund rein und trank die warme Milch. Gefreut haben wir uns auch über ein volles Hühnernest mit frischen Eiern. Die wurden gleich von uns aufgeschlagen und roh getrunken. Das gab uns viel Kraft. Ich wüsste nicht, dass wir jemals einen Arzt aufgesucht haben. Alles haben wir ertragen.
Als wir so durch die Gegend tippelten, bemerkten wir, dass immer mehr Lastwagen mit russischen Soldaten auf den sehr schlechten Landstraßen lang fuhren. Meine Mutter sagte dann immer, die haben doch was mit den Menschen vor, die hier in der Gegend wohnen, und tatsächlich erfuhren wir von einigen Leuten, dass sie viele Männer von ihren Familien weggeholt haben, und keiner wusste, wohin sie verschleppt worden waren. Wir bekamen Angst und wussten nicht, wohin wir gehen sollten. Da kamen wir, wie so oft, an einem Wald vorbei und bemerkten, dass da Partisanen hausten. Sie sprachen uns an und fragten, wo wir herkamen und wer wir waren, und ob wir in den letzten Tagen viele Russen gesehen hätten. Sie sagten zu uns, wir sollten aus dieser Gegend verschwinden. Es könnten irgendwelche Kämpfe vorkommen, und es wäre gefährlich für uns. Wir befolgten den Rat und machten uns weit weg. Abends waren wir so kaputt, dass wir kaum noch laufen konnten.
Wir machten uns auf ein Holzhäuschen zu und fragten wegen einer Übernachtung. Ein älteres Ehepaar ging mit uns zu einem kleinen Stall hin. Es waren drei Schweine drin und ein paar Schafe. Wir konnten uns in eine Ecke legen und schlafen. Überglücklich fielen wir in die Ecke. Es war so schön bei den Tieren. Da schliefen wir im Winter am liebsten. Die gaben so viel Wärme ab. Wenn dann noch irgendwo eine Kuh oder Ziege drinstand, hatten wir auch gleich noch die Milch dazu. Ich hielt dann gleich beim Melken die Zitze vom Euter in meinen Mund rein und trank die warme Milch. Gefreut haben wir uns auch über ein volles Hühnernest mit frischen Eiern. Die wurden gleich von uns aufgeschlagen und roh getrunken. Das gab uns viel Kraft. Ich wüsste nicht, dass wir jemals einen Arzt aufgesucht haben. Alles haben wir ertragen.