Eigentlich wollte ich nur mal 'reinlesen in diesen Schicksalsbericht eines jüdischen Jungen, der 1939 bis 1945 in der Uniform seiner Feinde überlebte. Und dann waren plötzlich Stunden vergangen, und ich klappte das Buch nach der letzten Seite zu. Ernst und nachdenklich. Erst 40 Jahre später war der Autor in der Lage, dieses verdrängte und durchgehend traumatisierende Erleben niederzuschreiben und zu veröffentlichen. In meine Hände kam es kurz nach dem 11. September 2001, einem der schwärzesten Tage in der Geschichte der Menschheit.
Der 15-jährige Salomon, schon im Kindesalter (1933) aus seiner Heimat Peine mit seiner Familie nach Polen umgesiedelt, versucht 1939 mit seinem Bruder Isaak, der einsetzenden Vernichtung durch die Nazis zu entfliehen. Während er seine Eltern und Geschwister aus den Augen verliert, schlägt er sich nach Osten zu den Sowjets durch, wo er in einem Waisenhaus untertaucht. Im "Blitzkrieg" der Nazideutschen an der Ostfront wird er von der deutschen Wehrmacht aufgegriffen, vernichtet all seine Papiere und gibt sich als "Volksdeutscher" aus. Das funktioniert, und für sechs Jahre wird nun die Angst sein ständiger Begleiter. Die Angst, entlarvt zu werden als "Rassenschänder" und Betrüger.
Aus Salomon wird Josef - von den meisten seiner neuen "Kamaraden" einfach Jupp genannt. Nach der Niederlage der deutschen Truppen vor Stalingrad wird er nach "Reichsdeutschland" zur Hitlerjugend in Braunschweig geschickt. Zwar ist dort die Angst sein ständiger Begleiter - dennoch vollzieht sich eine Wandlung: Zwei Persönlichkeiten entstehen, die sich von einander abspalten müssen, um zu überleben. Der wissenschaftliche Begriff dafür ist "Dissoziation". Beide haben ihre Aufgabe: Salomon muss sich möglichst verstecken, während Jupp als angesehener Hitlerjunge "Karriere" macht - letzteres aber auch nur, um den kleinen Sally zu schützen. Dennoch entwickelt die Rolle des Hitlerjungens nach intensivem Drill eine Eigendynamik, die der Autor erst 40 Jahre später in Worte fassen kann.
Mit "Wissenschaft" hat diese Autobiographie nichts zu tun. Dafür ist sie ein wertvolles Zeugnis dafür, wie sich Menschen im Rahmen einer Ideologie beeinflussen und "programmieren" lassen. Angesichts eines bevorstehenden Weltkrieges im Herbst 2001 ist dieses Buch mit den schockierend authentischen Schilderungen aktueller als die Polemik der Boulevardpresse.