Dem 59-jährigen Theologen und Psychotherapeuten Wunibald Müller, der im unterfränkischen Kloster Münsterschwarzach wirkt, ist es ein Anliegen von seiner eigenen Sehnsucht nach einem Seelenfreund zu erzählen. Er schreibt: "Es ist ein Segen, wenn dir solche Menschen begegnen, sosehr sie dich auch verwirren und aus dem Gleichgewicht bringen können". Auf 140 Seiten beschreibt Wunibald Müller den Antrieb, die Kennzeichen und auch die historische Dimension der Seelenfreundschaft. Interessant für mich insbesondere, dass Entfernungen nicht unbedingt beeinträchtigen und Seelenfreundschaften sogar über den Tod hinaus gehen können.
Das Buch beschreibt aber nicht nur die Seelenfreundschaft zu anderen Menschen, sondern stellt die Bedeutung der Seelenfreundschaft zu sich selbst heraus. Es beschreibt, wie man mit der Seele Kontakt aufnehmen kann und seinem Innenraum liebevolle Aufmerksamkeit schenkt. Träume, Gebete, Psalmen, die Beichte oder auch das Schweigen können hierbei behilflich sein, schreibt Müller. Interessant fand ich, dass Frauen in der keltischen Kirche bis in das 13. Jahrhundert hinein die Absolution erteilen konnten.
Ich habe dieses Buch zunächst als sehr wohltuend empfunden. Beim Thema "Schuld", bin dann aber über eine Sache gestolpert, weshalb ich einen Punkt abziehe: der Autor nennt hier das Beispiel einer 35-jährigen Frau, die abgetrieben hat. Als ob es nicht hundert andere Beispiele für das Thema "Schuld" gäbe. Das ist mir zu einseitig und zu hetzerisch. Auch finde ich, dass der Autor sein Buch auf 100 Seiten komprimieren könnte, denn er wiederholt sich recht oft. Menschen in der zweiten Lebenshälfte, die nicht mehr so vor Energie sprühen, und sich auch schon mal um den womöglich länger vernachlässigten inneren Garten kümmern möchten, kann ich das Buch aber empfehlen.