"Columbine hat uns alle verändert. Es hat alle verändert."
Mit diesen Worten aus einem Originalinterview mit Kate Battan endet Gaertners "Dokumentarischer Roman". Zurück bleibt eine Erschütterung, die ich nur selten nach dem Lesen eines Buches verspürte.
Joachim Gaertner hat hier Original-Dokumente zu einer Geschichte zusammengefügt, die das Ungeheure zu verstehen versuchen.
2006 wurde dem Autor vom Jefferson County Sheriff's Office eine Cd mit 946 ungeordneten Seiten persönlicher Dokumente der beiden jugendlichen Todesschützen von Columbine zugeschickt. Aus diesem "Chaos an Tagebuchaufzeichnungen, Kassenbons, Kalendereintragen, Hasstiraden, Liebesbriefen, literarischen Fantasien, Schulaufsätzen, Einkaufslisten und vielem mehr" (Nachwort) entstand schließlich "Ich bin voller Hass - und das liebe ich".
Als Leser hetzt man durch die versammelten Texte, fragt sich bestürzt, wie es möglich sein konnte, dass zwei junge Menschen eine derart unfassbare Tat mindestens ein Jahr im Voraus planen, ohne dass jemand etwas davon ahnt.
Was für Menschen sind die selbsternannten "Natural Born Killers" Klebold und Harris? Und man stellt fest, dass die Attentäter hochintelligente Jugendliche waren. "Intelligenz ist jedoch nicht das Gleiche wie geistige Gesundheit" (S. 137) schreibt Dylan Klebold in einem Schulaufsatz vom 3.11.1998. Mit dieser Aussage nimmt er Bezug auf Charles Manson - und weiß zu diesem Zeitpunkt bereits, dass er gemeinsam mit Harris im April des Folgejahres ein Massaker veranstalten wird.
Wie konnten die beiden Schüler sich derart lange verstellen, indem sie ihren Lehrern, Eltern und ihren Mitschülern vormachten, dass alles OK wäre? Wie konnten zwei Menschen ihren Hass und ihre Wut so lange verstecken? Woher kam dieser ungehörige Hass? War es vor allem der Selbsthass, wie Harris dies in seinen persönlichen Aufzeichungen vom 17.11.1998 angibt? "Ich habe immer gehasst, wie ich aussehe. Ich mache mich über Leute lustig, die aussehen wie ich, manchmal ohne drüber nachzudenken, manchmal nur, um mich selbst schlecht zu machen. Daher kommt ein großer Teil meines Hasses, dass ich praktisch kein Selbstbewusstsein habe, speziell was Mädchen und Aussehen und so was betrifft. HASS! Ich bin voller Hass - und das liebe ich!!" (S. 143)
Die Texte gehen wirklich an die Substanz. Liest man Klebolds und Harris' Aufzeichungen und auch Schulaufsätze, ist man fasziniert von ihrer enorm entwickelten Fähigkeit, sich auszudrücken. Andererseits sind die Fantasien oft derart schrecklich, dass es fast unerträglich ist, weiter zu lesen. Vor allem angesichts der Tatsache, dass man weiß, was am 20.4.99 tatsächlich geschehen ist.
Im Nachhinein wurde viel diskutiert. Und derzeit ist das Thema wieder aktueller denn je.
Was steckt dahinter? Wie kann so etwas passieren? Könnte man solche schrecklichen Vorfälle vermeiden?
Zehn Jahre nach Columbine werden immer noch die gleichen Fehler gemacht:
"Die Medien und wir, die Polizei, haben Eric Harris und Dylan Klebold so berühmt gemacht. Wir haben sie zu Stars gemacht. Und das war das, was sie immer wollten. Sie haben es sogar selbst in den Videos gesagt. Sie wussten genau, dass sie berühmt werden würden. Und was passierte? Die Medien und wir haben sie berühmt gemacht." (Ted Mink, Sheriff Jefferson County, Interview, 18.10.2006), (S.174)
Das Buch lässt die Attentäter selbst sprechen - und zahlreiche Betroffene. Vielleicht bieten die vorliegenden Texte Möglichkeiten, die aufgeworfenen Fragen wenigstens ansatzweise zu beantworten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Demnächst jährt sich die unfassbare Tat von Columbine zum zehnten Mal.
Was bleibt?
Die Fassungslosigkeit und die Stille nach der Tat...