Colin Tipping ist ein sehr versierter Therapeut. Innerhalb weniger Sätze gelingt es ihm wesentliche Elemente der Gestalttherapie, Transaktionsanalyse, NLP, systemischer Beratung, Konstruktivismus und vielem mehr zu verbinden.
Besonders beeindruckend ist dabei die Einladung, durch eine veränderte Betrachtungsweise der eigenen Lebensgeschichte, zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Und therapeutisch gesehen ist dieses ein viel beschrittener Weg, der in der therapeutischen Arbeit sehr bedeutsam ist.
Durch dieses Redefinieren"/"Reframing" verändert sich die Wahrnehmung des bisherigen Opfers und es wird tatsächlich neue Spielräume und Freiheit für sich entdecken können.
Beachtlich ist zudem, dass Tipping auch bewusst spirituelle und transzendente Elemente mit einbindet.
Aber eben da beginnen auch die Schwierigkeiten, die ich wahrnehme. Laut Tipping gehört es zu seinen Grundannahmen, dass der Mensch in der Illusion lebt, er sei von Gott getrennt, was aber nicht stimme. Die Heilung von dieser Illusion sei der Grund unseres Daseins (S. 43). Das steht dann aber doch im krassen Widerspruch zu allen Aussagen christlicher Glaubenswelten und ist so diametral von christlichen Deutungsmustern, dass Tipping damit für den christlichen Bereich nicht mehr kompatibel ist. Er selbst eschreibt dies aber als Grundannahme seines Modells.
Seine Deutung von radikaler Vergebung ist ebenso im Grunde ein faszinierendes Reframing. Er beschreibt, dass herkömmliche Vergebung als gegeben hinnähme, dass etwas Schlechtes passiert ist. Tipping dagegen führt in seinem Modell der radikalen Vergebung aus, dass nichts Schlechtes geschehen sei, und im Grunde nichts vergeben werden muss! (S. 44). Letztlich - so führt er aus - erleben wir im Leben genau das, was wir selbst suchen. Wir bekommen, was wir selbst wollten. Und wir ziehen die Menschen an, die mit unseren Problemen harmonieren. Tipping deutet also wiederum um: die, die uns scheinbar Schlimmes antun, sind für uns die Chance innerlich zu wachsen und zu reifen. Es hat einen tieferen Sinn, dass es uns wiederfährt - unsere Seele kommuniziert mit den Seelen anderer und lädt sie dazu ein, sich uns gegenüber so zu verhalten, wie sie es dann tun.
Damit gibt es keine Schuld mehr, die uns andere zufügen.Wir selbst waren aktiv!
Es ist ein faszinierender Gedanke, der Menschen aus der Opferperspektive herausholen kann.
Doch ich kann Tippings Weg nicht mit zu Ende gehen. Seine Grundannahmen und Werte sind auch hier inkompatibel zum christlichen Grundverständnis. Spätestens beim Thema sexuellen Missbrauch bin ich nicht mehr in der Lage Tippings Ideen zu folgen!
Tipping entwickelt in seinem Buch ein komplett in sich geschlossenes und stimmiges System. Es ist in jeder Hinsicht transzendent, ja esoterisch und das ist neutral gesagt, begrüßenswert, da er sehr ganzheitlich und umfassend denkt. Aber es ist wichtig, wahrzunehmen, dass er ein sich geschlossenes System formuliert, bei dem ich seine Grundannahmen zwingend übernehmen muss, weil andere Elemente damit untrennbar verbunden sind.
Tipping hat Charisma. Seine Botschaft begeistert. Und viele Menschen lesen seine Bücher, besuchen seine Seminare und machen entsprechende Fortbildungen. Das ist bei dem bedeutsamen Thema vom Grundsatz begrüßenswert.
Ich kann aber bei den Grundannahmen nicht mitgehen! Und damit bin ich aus dem Tipping-System raus! Es baut eben aufeinander auf, Kompromisse in den Grundannahmen sind letztlich (zumindest für mich) nicht möglich. So kann ich am Ende den Weg nicht mitgehen.
Am Ende bleibt die Frage: wie viele Menschen bleiben im Tipping-System hängen? Das Problem eines geschlossenen Denksystems gibt es in vielen Gruppen. Es gibt dabei eine hohe innere Übereinstimmung, ein starkes Gruppengefühl, große Zustimmung, Begeisterung... aber auch Menschen, die nicht erleben, was im geschlossenen Modell propagiert wird und an sich anfangen, zu zweifeln...
Ob dies passiert, kann ich nicht ermessen. Und hoffe, dass es viele Menschen gibt, die für sich einen Weg finden, ihr Leben neu zu deuten und aus der Opferrolle herauszukommen! Dazu leistet Tipping einen bedeutsamen und streitbaren Beitrag. Und ich denke, es lohnt sich, auch andere Ansätze zum Thema Vergebung kennenzulernen, wie z.B. Robert.D. Enright: Vergebung als Chance".