Fünfzehn neue Erzählungen der niederländischen Autorin Margriet de Moor, die sie nach eigenen Angaben alle "zwischendurch" in den letzten acht Jahren geschrieben hat, liegen jetzt auf Deutsch vor.
Die Lektüre, dieser brillant konstruierten Geschichten, die keinesfalls nur so "zwischendurch" zu konsumieren sind, führt immer wieder auf die Themen hin, die sie in ihren Romanen aufgreift. Es geht um die scheinbar glänzenden Fassaden, die man immer beim Nachbarn in dessen heiler Welt vorzufinden glaubt, und die schon durch ein einziges, treffendes Wort zum Bröckeln, oder gar zum Einsturz gebracht werden können.
Margriet de Moor zeigt in ihren Erzählungen, welche Vielzahl von Leben neben dem gelebten Leben als ungelebte Möglichkeiten vorhanden sind und wehe dem, der eine dieser Möglichkeiten in Erwägung zieht und aus den eingefahrenen Gewohnheiten ausbricht. "Manche Dinge, gefährliche Dinge, die in der Nähe sind, ohne einen zu berühren, sollten besser keine andere Gestalt annehmen: Worte! Manchmal sind sie das Ende. --Manuela Haselberger
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
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Wir sind Spiegel und Echo
Margriet de Moors Erzählungen
Am Ende seiner methodischen Zweifel über die Verlässlichkeit menschlicher Erkenntnis hielt Descartes nur noch am Selbstbewusstsein des reflektierenden Einzelnen fest: «Ich denke, also bin ich.» So schlicht wie umfassend war seine letzte Gewissheit. Mit ihrem neuen Prosaband, der fünfzehn Erzählungen aus acht Jahren versammelt, nimmt Margriet de Moor Descartes' fundamentale Bedingung auf und modifiziert: «Ich träume also.» Der Philosoph hätte die Imagination als eine Variante von Bewusstseinsaktivität sicher akzeptiert, zumal Margriet de Moor für ihre Wirklichkeitsbeweise genauso hätte formulieren können: Ich erzähle, also bin ich. Oder auch: Ich werde erzählt also.
Schon die titelgebende, erste Geschichte handelt von einer Frau, die, auf einen Abschnitt ihres Lebens zurückblickend «Ich war eine glückliche Frau» , gezwungen wird, sich ein Ab-Bild von sich selbst zu machen. Denn Eva erfährt, dass sie während vieler Monate ein Motiv war für eine andere, die, alt und gehbehindert, Evas junges Leben von der gegenüberliegenden Strassenseite aus durch ihr Fenster beobachtete. Indem Eva nun nachzuvollziehen versucht, was diese Kranke von ihr wahrgenommen haben kann, in welchen Momenten sie für diese Fremde zu einer (dem Mann erzählbaren) Lebensgeschichte geworden ist, entwirft sie zwangsläufig von sich das zweite Ich, das sie in den Augen der anderen gewesen sein muss. Sie versetzt sich in die kranke Voyeuse, zeichnet ihr Ebenbild im fragmentarischen Blick der Verfolgenden:
«Sie hatte ihre Schlussfolgerung nicht leichtfertig gezogen. Schliesslich ging es um eine Sache, die aussergewöhnlich und eigentlich erschreckend war. Schön und glücklich. Mit dem Scharfsinn eines Archäologen, der anhand einiger geschwärzter Bruchstücke sehr wohl in der Lage ist, Form und Farbe der entschwundenen Schwalben, Greife, Delphine eines Freskos in die Gegenwart zurückzuholen, hatte sie es verstanden, ihre Beobachtungen zu einem schlüssigen Ganzen zusammenzufügen. Geliebt. Mein Mann liebte mich.»
So teilte die alte Frau die erfüllte Gegenwart ihrer jungen Nachbarin. Sie interpretierte Bildsequenzen, sie las das ferne Leben hinter Glas. In der Jetztzeit aber, die Eva, das sprechende Ich der Geschichte, initiiert, ist sie bereits tot, und die von ihr bewunderte Frau hat das verloren, was für die Kranke deren anziehende intakte Lebensenergie ausmachte: Evas Ehe, ihre junge Familie sind zerbrochen. Am Ende wagt es die Ich-Erzählerin, der Einladung des Witwers zu folgen, wo der Weg zur anderen Strassenseite sie zurückführt in ihre verlorene Welt. Am Tisch hinter dem Fenster mit Blick auf ihre einstige Villa, in der nun andere Leute wohnen, hört die Verlassene Varianten ihres Lebenstextes, denen sie zustimmt oder widerspricht, oder nur müde nichts entgegenhält. Die vom Witwer im nachhinein mitgeteilte Aufmerksamkeit der ihr wildfremden Frau holt sie ein und mischt sich mit eigenem Erinnern.
Die Handlung der Titelgeschichte «Ich träume also» spielt, wie alle Erzählungen des Bandes, auf mehreren Imaginationsebenen. Margriet de Moor erzählt nie nur eine Geschichte, weil alles, was geschieht, immer simultan geschieht mit anderem. Und wie über jedem Leben die Vergangenheit lauert, so mischt sich fremdes Dasein fraglos in das eigene hinein. Der erlebte Augenblick ist eine zufällige Schnittmenge verschiedener Begegnungen und Assoziationen. Wir sind Spiegel und Echo, also sind wir.
Victor spiegelt sich in Paul, mit dem er dieselbe Frau teilt, die beiden antwortet. Und ihr Festessen, in der Erzählung «Weihnachten», verwirrt sich nicht nur wegen der grossen Mengen Alkohols. Eine Lehrerin spiegelt sich in einer fremden Frau, deren Stimme ihr beim Friseur auffällt und von der sie zu wissen glaubt, dass ein gemeinsames Erlebnis sie verbindet. Ihr Name «Jennifer Winkelmann» sagt ihr nichts. Aus Erinnerungssplittern entwirft sie ihr immer wieder ein neues Tableau aus Szenen (ein Sommergarten, ein blondes Ferienmädchen mit Zeichenblock, das Gipsbein, eine durchtanzte Nacht, das elfenbeinfarbene Taftkleid, eine Gruppenphoto am Meer), auf die die andere aber nicht erkennend und erlösend reagiert.
Die Lehrerin verfolgt die Fremde weiter mit der Besessenheit eines Menschen, der einen Schlüssel zum eigenen Leben sucht. Sie scheint ihn unerwartet gefunden zu haben, als sie in einem Aufziehclown aus Blech die Frau hatte ihn kürzlich für ihre kleine Tochter bei einem Antiquar gekauft ihr eigenes Spielzeug zu erkennen meint.
«An der Seite des einen Stiefels waren winzige Buchstaben zu erkennen . . . Lemezbrugvar Budapest . . . buchstabierte ich mühsam, und da, ich kann es nicht anders ausdrücken, blitzte ein Leuchtturmfeuer hinter meinen Augen auf, und ich sah sekundenlang ein Wohnzimmer an einem Wintertag. Stühle, Bufett, gedeckter Frühstückstisch, alles lebensecht und nach längst vergessenen Dingen duftend, Brot, Milch, Eau de Cologne, Rasierseife, und zwei hohe Fenster, hinter denen der Schnee makellos weiss herabrieselte, es war mein Geburtstag. [. . .] lieber Himmel, mein Leben, meine Jugend!»
Das Erinnern macht frei und lässt fast mühelos verzichten auf die Korrespondenz mit der Fremden, die ungeklärt bleibt. Gespiegeltes Dasein hat in Margriet de Moors Erzählungen eine poetische Verkörperung im doppelten Ich der Zwillingsschwestern. Sie haben keinen Namen. Sie erscheinen (in verschiedenen Texten) nur zusammen (wenn sie nicht gerade einen Mann narren, der glaubt, sie seien nur eine) und widmen sich mit gieriger Lebenslust vor allem verschiedener Lektüre. Die Schwestern sind lesesüchtig. Im Backfischalter liegen sie in der Dachkammer nebeneinander auf dem Bauch und verschlingen Liebesromane, am Ende des Buchs, nach einigen Kindern und Ehen (die ausgespart bleiben, aber die Autorin lässt erkennen, dass davon noch zu hören sein wird), trinken sie dann als Rentnerinnen Genever in Hafenkneipen und durchforschen, immer noch Kopf an Kopf über denselben Sätzen im synchronen schnellen Lesetempo, die Jugendlektüre zum zweitenmal: nun in Grossdruck. «Welches Buch haben wir damals bloss gelesen?» fragen sie sich, wenn sie sich erinnern wollen.
Wörter sind ihnen Ereignisse. Sie denken zurück (in: «Nenn mich einfach Tony») an jenen verhangenen Winternachmittag, wo über den Erzählungen des Bruders vom Walfischfang der Salon der Familie zu schlingern beginnt und die Meeresgischt hereinschwappt, bis zuletzt die brave Stiefschwester die Pfützen vor dem Kamin aufwischen muss. So diffundieren die salzigen Wasser und die Wasser der Erinnerung zu jenem seltsamen Gewebe, das also ist.
Angelika Overath