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Zürich, 5. Juli 2000: Kurz vor Mitternacht erreicht die prekäre Botschaft aus Deutschland das Grandhotel Dolder per Fax. Dort in die Schweiz weiß man mit solch delikaten Anliegen bestens umzugehen. Feinsäuberlich packen Hotelangestellte die heiklen Faxe in Umschläge und schieben sie dezent unter den Türen der FIFA-Funktionäre hindurch. Tags drauf gewinnt Deutschland die Wahl mit 12:11 Stimmen gegen Südafrika. Doch dann dringen die vermeintlich vertraulichen Offerten an die Weltöffentlichkeit. Wollte Kaiser Franz gar bestechen?
Dieses bombastisch verrückte Stück Sportgeschichte vom Bombus-Verlag fesselt famos. Nur die nervenden Fußnoten stören den Lesefluss. Und Autor Sonneborn belegt voll im Ernst, dass seine fixe Idee mit den Faxen die Entscheidung zugunsten Deutschlands erzwang. Denn der Delegierte Charles Dempsey entschloss sich nach Empfang des dubiosen Schreibens endgültig, nicht für Südafrika zu stimmen. So war für Deutschland am Ende alles gut. Nicht auszudenken, wäre die Entscheidung andersrum gekippt.
Ebenso heikel: Gleich nach der Wahl verriet FIFA-Boss Sepp Blatter lauthals, wie Dempsey abgestimmt hatte. Das nährte ein altes Gerücht. Demnach habe sich Blatter seine Position mit dem Versprechen erkauft, Südafrika bekomme die WM 2006. Um nun selbst den Hals aus der Schlinge zu ziehen, stelle er Dempsey an den Pranger, mutmaßte manch Insider.
Stichwort aufrichtiger Sportsgeist: Wahre Fußball-Fans fiebern schon heute dem WM-Finale am 9. Juli entgegen. Dann überreicht der integere Sportskamerad Blatter zusammen mit der altvorderen DFB-Doppelspitzenkraft Mayer-Vorfelder der siegreichen Mannschaft den verdienten Pokal. Und wenn zwei so unbescholtene Herrschaften die hehren Ideale des erhabenen Ballsports im Herzen Berlins uneigennützig hochhalten -- Schande über den, der Böses dabei denkt. --Herwig Slezak
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Wer etwas anderes erwartet als das, was in den letzten Jahren immer wieder in Interviews und Reportagen - zum Teil von Sonneborn selbst verfasst - veröffentlicht wurde, wird bitter enttäuscht. Es ist dieselbe Geschichte, die jetzt schon seit Jahren immer wieder erzählt wird und die man sich - völlig kostenlos - innerhalb weniger Minuten im Internet aus diversen Online-Tageszeitungen und Magazinen selbst zusammengooglen kann. Einzig der Anhang mit den Mitschriften "BILD-Leser beschimpfen Titanic" geht in der Ausführlichkeit ein wenig über das hinaus, was man ohnehin schon irgendwo gelesen hat, dient letztendlich aber auch nur als reiner Seitenfüller - ebenso wie ein liebloser Exkurs der "Die Partei" thematisiert und mit der Thematik des Buches überhaupt nichts zu tun hat.
Wenn Titanic gewollt hätte, hätte man die Story noch einmal auf einer fünf- bis zehnseitigen Strecke in einem Monatsheft veröffentlichen können. Selbst zum Hauptthema eines Titanic-WM-Sonderhefts hätte es unter Umständen noch gereicht. Aber das alles wollte man wohl nicht. Stattdessen wurde die alte Story zwischen zwei neue Buchdeckel gepresst und pünktlich zum Weihnachtsgeschäft 2005 und dem anrollenden WM-Hype für den stolzen Preis von 12,90 Euro auf den Markt geworfen.
Das ist vom Preis-/Leistungsverhältnis für ein Büchlein, das man einerseits innerhalb eines kurzen Vormittages komplett durchgelesen hat und das ohnehin nichts Neues enthält, sowie andererseits als Buch noch nicht einmal besonders aufwändig verarbeitet ist (billiges Papier, billiger Einband, durchgängig schwarz/weiß illustriert mit wenigen, sehr unspektakulären Fotos) so exorbitant außerhalb der guten Gepflogenheiten, dass ich dahinter schon fast eine weitere Titanic-Aktion vermute: "Als ich einmal eine Mittagspause lang nichts vor hatte und mir aus bestehenden Word-Dokumenten ein Buch zusammen 'gecopyt' und 'gepastet' habe, das ich dann für knapp 13 Flocken an tausende von Menschen verkauft habe" von Martin Sonneborn. Demnächst hier bei Amazon.
Die Bewertung fällt mit "2 Sternen" jedenfalls sehr dürftig aus. Der Inhalt (vielmehr "Die Idee des Inhalts") hätte mehr Sterne verdient, aber der Inhalt steht auch immer in Relation zum Preis.
Martin Sonneborn erkannte die sichtbare Überforderung Franz Beckenbauers, der durch peinliche Bewerbungsaktionen die Siegeschancen Deutschlands deutlich verschlechterte. Der Chefredakteur der Titanic ist sich bewußt, dass Dauergrinsen von B-Promis bei Fifaverantwortlichen nicht ankommt. Die revolutionäre Alternative liegt in einem herzlichen Angebot auf eine köstliche Delikatesse und einer originalen deutschen Kuckucksuhr. Diese beiden Verlockenden Produkte halfen dabei, die internationale Konkurrenz auszustechen.
Lesen sie in diesem Buch alles über Sonneborn's patriotischen Einsatz die erste Fussball WM ins wiedervereinigte Deutschland zu holen. Den Verrat des DFB die wirklichen Helden der WM 2006 zu verklagen. Und die sympathischen, qualitativ, hochwertigen Telefonkommentare von Lesern der Bildzeitung.
Die nahende WM ist nun für Sonneborn der Anlass, die Entstehunggeschichte dieser "Bestechungsaffäre" noch einmal zu erzählen. Los ging es mit der offenkundigen Unfähigkeit des deutschen Bewerbungskommitees, wirklich Werbung für unser Land zu machen. Man ersann also in der Titanic-Redaktion ein Fax, das an 7 FIFA-Offizielle in der Nacht vor der Wahl des Austragungslandes gesendet wurde. Man bot ihnen "real good sausages" und einen Kuckucksuhr an, wohlwissend, dass niemand darauf eingehen wird aber man eine nette Story für die nächste Ausgabe haben würde.
Mit den Folgen rechnete wohl niemand. Tatsächlich enthielt sich der neuseeländische Delegierte Charles Dempsey am nächsten Tag der Stimme, obwohl er eigentlich für Südafrika stimmen sollte und gab dann vor Journalisten zu verstehen, dass ihm das letzte Fax der Titanic das Genick gebrochen hätte.
Der Skandal war perfekt. Medien stürzten sich auf die Absender, noch nicht wissend, dass es eigentlich als Witz gedacht war. Als dann klar wurde, dass die Titanic dahinter steckte, fühlte sich die BILD dazu verpflichtet, Franz Beckenbauers Ruf zu retten und mobilisierte ihre Leserschaft, um in Sonneborns Redaktion anzurufen und ihm die Meinung zu geigen.
Hier liegt die große Stärke des Büchleins. Die Anrufe der BILD-Leser sind urkomisch und auch die Entwicklung der Affäre wird schön dargestellt.
Nervig sind die sehr langen Fußnoten, die den Lesefluss ziemlich stören und die man auch in den laufen Text hätte einbauen können. Auch hat man die 120 Seiten schnell gelesen, ich hatte sie in 2,5 Stunden durch.
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