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Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt
 
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Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt [Gebundene Ausgabe]

Henning Mankell , Ulla Schmidt , Verena Reichel
4.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (22 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Henning Mankell, mit seinen Wallander-Romanen international längst zum Auflagenmillionär geworden, knüpft mit dem vorliegenden Buch thematisch an seine Afrika-Romane Der Chronist der Winde, Die rote Antilope und Das Auge des Leoparden an. Allerdings handelt es sich bei Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt nicht um eine fiktive Geschichte, sondern um eine autobiographische Reminiszenz, die durch weitere Texte ergänzt wird.

Zwar ist Henning Mankell gebürtiger Schwede, seinen zweiten Wohnsitz hat er jedoch in Mosambik, und auf seinen Reisen hat er viele andere Gebiete des afrikanischen Kontinents besucht. Das Buch erzählt von seinen Reisen nach Uganda, seinen Gesprächen mit an Aids erkrankten Menschen und von den “Erinnerungsbüchern” -- meist mühevoll von Hand geschriebene oder diktierte Lebensbeichten für Kinder, die sich bald ohne ihre Eltern werden durchschlagen müssen. Werner Bauch und Marianne M. Raven von Plan International e.V. berichten über die Arbeit ihres Vereins, der die Kultur der “Memory Books” mit ins Leben gerufen hat und fördert.

Beispielhaft ist das Erinnerungsbuch von Christine Aguga für Everlyn Akoth abgedruckt. Ohne große Abschweifungen erzählt die todkranke Lehrerin ihrer Tochter von ihrer Familie, ihrer Kindheit und Ausbildung, der Entdeckung ihrer Krankheit und dem tapferen und verzweifelten Versuch, mit ihr fertig zu werden. Den Schluss bildet ein kurzer Beitrag von Ulla Schmidt, Bundesministerin für Gesundheit und Soziale Sicherung, der mit einigen Zahlen und Fakten zur weltweiten Ausbreitung von Aids aufwartet.

Es ist schlicht unmöglich, dieses Buch nach gewöhnlichen, gar literarischen Gesichtspunkten zu beurteilen. Mankell spricht eindrucksvoll und ohne Pathos von seinen Erfahrungen in Afrika. In knappen Worten legt er dar, dass Millionen von Menschen nur deshalb einem baldigen Tod entgegensehen, weil der Preis der durchaus vorhandenen Medikamente ihren Monatslohn um ein Vielfaches übersteigt. Christine Agugas Lebensbericht lässt die von Mankell beschriebene Welt in erschütterndem Maße Wirklichkeit werden -- und das ist wohl auch die einzige angemessene Reaktion auf dieses Buch: Erschütterung und die sich daraus zwangsläufig ergebende Frage, was man selbst dazu beitragen kann, um die bestehenden Verhältnisse zu ändern.

Der Reingewinn aus dem Verkauf von Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt geht an das Aidsprojekt von Plan International: ein -- erster -- Schritt in die richtige Richtung. --Hannes Riffel

Pressestimmen

"Ein bewegendes Protokoll und eine eindringliche Mahnung." Der Spiegel, 04.10.04 "Henning Mankell hat zusammen mit der Organisation Plan International ein wichtiges Projekt gestartet, die Memory-Books - Erinnerungsbücher. Sterbende Eltern schreiben für ihre Kinder die Familiengeschichte auf. Das sind herzzerreissende Bekenntnisse. ... Nichts ist seit den Höhlenzeichnungen der Steinzeit so bewegend wie diese Bücher sterbender Eltern für ihre Kinder. ... Wenn Sie dieses Buch kaufen und lesen, und es lohnt sich, das zu lesen, geht der Erlös in dieses Projekt. ... Ene Art Literaturgattung, von der ich mir wünschte, es müßte sie nicht geben - Todesabschiedsbriefe." Elke Heidenreich, Lesen!, 12.10.04

Kurzbeschreibung

Im Frühjahr 2003 reiste Henning Mankell nach Uganda, um mit Aidskranken und deren Angehörigen zu sprechen. Im Mittelpunkt steht die Begegnung mit der aidskranken Christine und ihrer Tochter Aida. Ihr Einkommen als Lehrerin reichte aus, eine 16köpfige Familie zu ernähren, aber nicht, um die notwendigen Medikamente zu bezahlen.

Mankell erzählt vom Schicksal der Kinder, denen durch den vorzeitigen Tod der Eltern die Verantwortung für ihre Geschwister aufgebürdet wird. Die Lesung seines Reiseberichts („Die Mangopflanze“) macht uns die größten Probleme Afrikas – Aids und Armut – bewusst und lässt uns an Mankells persönlichsten Gedanken teilhaben. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Audio CD .

Über den Autor

Henning Mankell, 1948 in Härjedalen, Schweden, geboren, lebt als Theaterregisseur und Autor abwechselnd in Schweden und in Maputo/Mosambik.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

18.
Der Nebel löst sich langsam auf. Ich stehe da und sehe auf das Meer hinaus und denke an Aida und ihre Mangopflanze.

Als sie sie mir zeigte, war ich ganz sicher, daß dies einer der Momente war, die man nicht vergißt, solange man lebt.

19.
Wie es eigentlich dazu kam, weiß ich nicht. Ebenso wenig weiß ich, wann Aida sich entschloß, mir ihr Vertrauen zu schenken und ihr Geheimnis mit mir zu teilen. Aber ich bekam sie zu sehen, als ich sie und die Familie zum zweitenmal besuchte.

Als ich sie das erstemal besuchte, war es ein sehr heißer Tag. Wir fuhren früh in Kampala los, um zu vermeiden, daß wir auf der Ausfallstraße ins vormittägliche Verkehrschaos gerieten. Beatrice, die mir half, mit den Menschen in Kontakt zu kommen, die krank waren und Erinnerungsbücher schrieben, hatte mit Christine ausgemacht, daß ich bei ihr vorbeikommen sollte. Da wußte ich noch nicht, daß es eine Tochter namens Aida gab. Von Christine wußte ich eigentlich nur zwei Dinge, daß sie Aids hatte und daß sie bereit war, mit mir darüber zu sprechen.

Als wir an diesem Morgen aus Kampala herausfuhren, empfand ich dasselbe Unbehagen, das mich begleitet hatte, als ich nach Uganda kam. Es liegt etwas fast Unanständiges darin, zu erwarten, daß todkranke Menschen bereit sein sollen, einem wildfremden Mann gegenüber über ihr Leiden und ihr Schicksal zu sprechen. Der außerdem aus dem fernen Winkel der Welt – Europa, dem Westen - geflogen kommt, wo die gefürchtete Krankheit fast gebändigt und zu einer chronischen, aber nicht tödlichen Krankheit geworden ist. Die Krankheit, die jetzt wahllos auf dem afrikanischen Kontinent und an anderen Orten in der armen Welt tötet.

Ich schlief schlecht, da es mich vor der Aufgabe grauste. Die Unruhe war leicht zu verstehen. Es grauste mich, weil ich wußte, daß das Schicksal von Christine und den anderen mir sehr nahe gehen würde.

Beatrice hatte uns eine gute Wegbeschreibung geliefert. Wir bogen ab, und wie immer in Afrika ist man sogleich mitten drin in einer anderen Welt; in der, die etwas unzutreffend das eigentliche Afrika genannt wird. Aber Afrika ist immer „eigentlich“, ob Savanne oder Slum, ob alte verfallene koloniale Stadtviertel oder ein düsteres, unbestimmbares Grenzland zwischen Busch und Wüste.

Christine besaß zwei Häuser. In dem einen wohnten ihr Vater und ihre Mutter und einige der Geschwister. Als ich ankam und aus dem Auto stieg, sah ich als erstes ihren Vater, der dasaß und ein Gemüse putzte, das ich noch nie gesehen hatte. Er war unrasiert, aber sehr würdevoll. Später erfuhr ich, daß er möglicherweise 80 Jahre alt war, auch wenn niemand es mit Bestimmtheit sagen konnte. Er hatte einen scharfen Blick, und rings um ihn her existierte ein unsichtbares Kraftfeld, das sogleich alle umschloß, die sich ihm näherten.

Während der ganzen Unterredung, die ich an diesem Tag mit Christine führte, putzte er weiter sein Gemüse. Dann und wann brachte ihm ein Kind oder vielleicht eine Tante oder seine Frau etwas zu trinken.

Er war wie ein Zeitmesser, der voller Verachtung eine gewöhnliche Uhr ablehnte. Die einzige Art, die Bewegung in seinem eigenen Leben und dem anderer zu messen, war für ihn, Gemüse zu putzen.

Christine war mager und wirkte erschöpft. Ich konnte gleich sehen, daß sie sich angestrengt hatte, um uns zu empfangen. Ihre Kleiderwahl, das Gesicht, das glänzte, das sorgfältig gebürstete Haar. Bei ihr war es wie bei allen anderen Aidskranken, denen ich auf dieser Reise begegnete: das Letzte, das sie verließ, war die Würde. Es war die letzte Bastion, die bis aufs äußerste verteidigt werden mußte. Danach gab es nur noch den Tod, und der kam oft schnell, wenn die Würde erst einmal verloren gegangen war.

Christine sagte:

- Ich habe eine Tochter.

Wir saßen auf zwei braunen Schemeln im Schatten hinter dem offenen, aber überdachten Raum, in dem das Essen für die Großfamilie zubereitet wurde. Christine sagte etwas in ihrer eigenen Sprache. Aus einer Gruppe von Bananenbäumen trat ihre Tochter hervor. Sie trug einen dunkelblauen Rock, zerschlissen, mit Rissen, sie ging barfuß und hatte eine rote Bluse an. Sie war dünn und groß, und sie war ganz die Tochter ihrer Mutter, denn sie hatte den gleichen Zug um Mund und Nase und Augen. Aida war schüchtern, sie sprach mit leiser Stimme und schlug den Blick nieder. Als ich ihr die Hand gab, zog sie die ihre so schnell wie möglich zurück.

Während meines langen Gesprächs mit Christine blieb Aida verschwunden. Erst gegen Nachmittag, als wir nach Kampala zurückfahren wollten und einen Zeitpunkt für meinen nächsten Besuch vereinbart hatten, entdeckte ich sie wieder. Sie hatte sich Christines Mutter und einigen der anderen Mädchen angeschlossen, nicht Christines Töchtern, aber den Töchtern einer ihrer Schwestern. Ein der Schwestern, die bereits an Aids gestorben war. Sie kochten das Abendessen. Ich sah, wie Aida das Gemüse holte, das Christines Vater den ganzen Tag lang geputzt hatte.

Christine sagte:

- Wenn ich fort bin, wird Aida eine große Verantwortung
übernehmen müssen. Um ihretwillen versuche ich zu leben, so lange ich kann.
- Weiß sie davon?

Christine sah mich fragend an.

- Natürlich weiß sie davon.
- Was hast du ihr gesagt?
- Das, was gesagt werden muß. Sie wird die Mutter ihrer
Geschwister sein müssen, wenn ich fort bin, und falls meine Eltern dann noch leben, wird sie ihre neue Tochter sein.
- Wie hat sie reagiert?
- Sie wurde traurig. Was sonst?

 

Auszug aus Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt von Henning Mankell. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

18.
Der Nebel löst sich langsam auf. Ich stehe da und sehe auf das Meer hinaus und denke an Aida und ihre Mangopflanze.

Als sie sie mir zeigte, war ich ganz sicher, daß dies einer der Momente war, die man nicht vergißt, solange man lebt.

19.
Wie es eigentlich dazu kam, weiß ich nicht. Ebenso wenig weiß ich, wann Aida sich entschloß, mir ihr Vertrauen zu schenken und ihr Geheimnis mit mir zu teilen. Aber ich bekam sie zu sehen, als ich sie und die Familie zum zweitenmal besuchte.

Als ich sie das erstemal besuchte, war es ein sehr heißer Tag. Wir fuhren früh in Kampala los, um zu vermeiden, daß wir auf der Ausfallstraße ins vormittägliche Verkehrschaos gerieten. Beatrice, die mir half, mit den Menschen in Kontakt zu kommen, die krank waren und Erinnerungsbücher schrieben, hatte mit Christine ausgemacht, daß ich bei ihr vorbeikommen sollte. Da wußte ich noch nicht, daß es eine Tochter namens Aida gab. Von Christine wußte ich eigentlich nur zwei Dinge, daß sie Aids hatte und daß sie bereit war, mit mir darüber zu sprechen.

Als wir an diesem Morgen aus Kampala herausfuhren, empfand ich dasselbe Unbehagen, das mich begleitet hatte, als ich nach Uganda kam. Es liegt etwas fast Unanständiges darin, zu erwarten, daß todkranke Menschen bereit sein sollen, einem wildfremden Mann gegenüber über ihr Leiden und ihr Schicksal zu sprechen. Der außerdem aus dem fernen Winkel der Welt - Europa, dem Westen - geflogen kommt, wo die gefürchtete Krankheit fast gebändigt und zu einer chronischen, aber nicht tödlichen Krankheit geworden ist. Die Krankheit, die jetzt wahllos auf dem afrikanischen Kontinent und an anderen Orten in der armen Welt tötet.

Ich schlief schlecht, da es mich vor der Aufgabe grauste. Die Unruhe war leicht zu verstehen. Es grauste mich, weil ich wußte, daß das Schicksal von Christine und den anderen mir sehr nahe gehen würde.

Beatrice hatte uns eine gute Wegbeschreibung geliefert. Wir bogen ab, und wie immer in Afrika ist man sogleich mitten drin in einer anderen Welt; in der, die etwas unzutreffend das eigentliche Afrika genannt wird. Aber Afrika ist immer "eigentlich", ob Savanne oder Slum, ob alte verfallene koloniale Stadtviertel oder ein düsteres, unbestimmbares Grenzland zwischen Busch und Wüste.

Christine besaß zwei Häuser. In dem einen wohnten ihr Vater und ihre Mutter und einige der Geschwister. Als ich ankam und aus dem Auto stieg, sah ich als erstes ihren Vater, der dasaß und ein Gemüse putzte, das ich noch nie gesehen hatte. Er war unrasiert, aber sehr würdevoll. Später erfuhr ich, daß er möglicherweise 80 Jahre alt war, auch wenn niemand es mit Bestimmtheit sagen konnte. Er hatte einen scharfen Blick, und rings um ihn her existierte ein unsichtbares Kraftfeld, das sogleich alle umschloß, die sich ihm näherten.

Während der ganzen Unterredung, die ich an diesem Tag mit Christine führte, putzte er weiter sein Gemüse. Dann und wann brachte ihm ein Kind oder vielleicht eine Tante oder seine Frau etwas zu trinken.

Er war wie ein Zeitmesser, der voller Verachtung eine gewöhnliche Uhr ablehnte. Die einzige Art, die Bewegung in seinem eigenen Leben und dem anderer zu messen, war für ihn, Gemüse zu putzen.

Christine war mager und wirkte erschöpft. Ich konnte gleich sehen, daß sie sich angestrengt hatte, um uns zu empfangen. Ihre Kleiderwahl, das Gesicht, das glänzte, das sorgfältig gebürstete Haar. Bei ihr war es wie bei allen anderen Aidskranken, denen ich auf dieser Reise begegnete: das Letzte, das sie verließ, war die Würde. Es war die letzte Bastion, die bis aufs äußerste verteidigt werden mußte. Danach gab es nur noch den Tod, und der kam oft schnell, wenn die Würde erst einmal verloren gegangen war.

Christine sagte:

- Ich habe eine Tochter.

Wir saßen auf zwei braunen Schemeln im Schatten hinter dem offenen, aber überdachten Raum, in dem das Essen für die Großfamilie zubereitet wurde. Christine sagte etwas in ihrer eigenen Sprache. Aus einer Gruppe von Bananenbäumen trat ihre Tochter hervor. Sie trug einen dunkelblauen Rock, zerschlissen, mit Rissen, sie ging barfuß und hatte eine rote Bluse an. Sie war dünn und groß, und sie war ganz die Tochter ihrer Mutter, denn sie hatte den gleichen Zug um Mund und Nase und Augen. Aida war schüchtern, sie sprach mit leiser Stimme und schlug den Blick nieder. Als ich ihr die Hand gab, zog sie die ihre so schnell wie möglich zurück.

Während meines langen Gesprächs mit Christine blieb Aida verschwunden. Erst gegen Nachmittag, als wir nach Kampala zurückfahren wollten und einen Zeitpunkt für meinen nächsten Besuch vereinbart hatten, entdeckte ich sie wieder. Sie hatte sich Christines Mutter und einigen der anderen Mädchen angeschlossen, nicht Christines Töchtern, aber den Töchtern einer ihrer Schwestern. Ein der Schwestern, die bereits an Aids gestorben war. Sie kochten das Abendessen. Ich sah, wie Aida das Gemüse holte, das Christines Vater den ganzen Tag lang geputzt hatte.

Christine sagte:

- Wenn ich fort bin, wird Aida eine große Verantwortung
übernehmen müssen. Um ihretwillen versuche ich zu leben, so lange ich kann.
- Weiß sie davon?

Christine sah mich fragend an.

- Natürlich weiß sie davon.
- Was hast du ihr gesagt?
- Das, was gesagt werden muß. Sie wird die Mutter ihrer
Geschwister sein müssen, wenn ich fort bin, und falls meine Eltern dann noch leben, wird sie ihre neue Tochter sein.
- Wie hat sie reagiert?
- Sie wurde traurig. Was sonst?

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