Temple Grandin Ich sehe die Welt wie ein frohes Tier"
Was dieses Buch so einzigartig macht, wird in vier Sätzen des ersten Kapitels deutlich:
"Es ist anders als alle Tierbücher, die ich kenne- nicht zuletzt deswegen, weil ich anders bin als die meisten Tierforscher. Autisten wissen genau, wie Tiere denken. Natürlich verstehen wir auch, wie Menschen denken- so anders sind wir auch wieder nicht. Autismus ist eine Art Zwischenstadium zwischen Tier und Mensch."
Die Themen "Wahrnehmung, Gefühle, Aggressionen, Schmerz und Leid und Ängste beim Tier " nicht nur aus der menschlichen Perspektive zu betrachten und dabei trotzdem auf dem Boden der wissenschaftlich belegbaren Tatsachen zu bleiben, wird trotz ihrer Sensibilität nicht zu einer unsicheren Gratwanderung zwischen Spekulation und Realität.
Ihre wissenschaftliche Herangehensweise verlässt die Autorin auch dann nicht, wenn sie Fragen wie "was denken Tiere?" "wie klug sind Tiere?" oder "haben Tiere ein Gewissen?" nachgeht. Der Leser wird dabei über Fragestellungen wie z.B. "was ist überhaupt Denken oder Klugheit?" in die wissenschaftliche Auseinandersetzung dieser Themen mit hineingenommen, ohne dabei aber im Fachchinesisch unterzugehen. Im Gegenteil.
T.G. schreibt verständlich, humorvoll und bringt dem Leser auch kompliziertere Inhalte durch äußerst treffend gewählte Beispiele nahe: "Wenn ich ein Computer wäre, hätte ich eine riesige Festplatte, aber nur einen winzigen Arbeitsspeicher."
Faszinierend sind die Schlüsse, zu denen die Autorin hinführt, faszinierend in ihrer Schlichtheit und bestechend in ihrer Logik, wenn sie z.B. darstellt, wie oft lediglich eine falsche Methode oder Fragestellung schuld an einem angeblich feststehenden Ergebnis ist.
Tiere sind keine Menschen und denken in vielen Fällen auch nicht menschlich. Dass sie uns aber in vielen Fällen weit überlegen sind,
und dass unsre angebliche Überlegenheit auf Kosten vieler wertvoller Eigenschaften ging,
dass hier daher das Wort "Überlegenheit" besser in "Andersartigkeit" umzubenennen wäre,
und dass wir dieser Andersartigkeit mit großem Respekt begegnen sollten,
das könnte man als zentrales Anliegen des Buches beschreiben.
Ein Buch, das jeder, und hat er auch nur im Entferntesten mit Tieren zu tun, gelesen haben sollte.
Ein Buch, das sich durch eine überzeugende Kompetenz der Autorin auszeichnet, die gleichzeitig Wissenschaftlichkeit, eine hohe Ethik und tiefen Respekt vor unsren Mitgeschöpfen als Anliegen hat,
und das sich wohltuend und erfrischend abhebt von derzeit vielen den Markt überschwemmenden, die Tiere stark vermenschlichenden andren Werken.