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28 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ich schlage vor, Sie kaufen dieses Buch, 29. März 2009
Alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen ereignen sich nach Hegel und Marx zweimal, das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Offenbar trifft dies auch auf die Beschreibungen und Überlieferungen solcher Ereignisse in der Literatur zu. Rayk Wieland erzählt nun in seinem furiosen Roman "Ich schlage vor, dass wir uns küssen" die letzten Jahre der DDR als Farce. Sein Buch gesellt sich damit als der fröhliche Bruder zu dem Roman "Der Turm" von Uwe Tellkamp, in dem diese Jahre als unheilvoll und düster beschrieben sind. Hat man zuerst Tellkamps Buch gelesen, wirkt der Wielandsche Kurzroman wie eine Erlösung, die uns mit einem Mal von allen Qualen der Vergangenheit befreit.
Zum Inhalt: Herr W., Wielands alter ego, bekommt eines Tages eine Einladung zu einer Podiumsdiskussion unbekannter Untergrunddichter der DDR. Erst glaubt er an eine Verwechselung oder einen Scherz, hat er doch zu DDR-Zeiten nie etwas veröffentlicht oder gar im Untergrund verbreitet. Schließlich beantragt er fast 20 Jahre nach dem Fall der Mauer Einsicht in seine Stasiakte und wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert. W. war damals ein 16jähriger pubertierender Jugendlicher aus Ostberlin, der sich schwer in ein Mädchen aus München verliebt hatte. Die Stasi wittert in den Liebesgedichten staatsfeindliche Manifeste, analysiert diese peinlich genau, interpretiert die absurdesten Dinge hinein und halluziniert in W. einen Staatsfeind. Heiner Müller schrieb vor dem Mauerfall: " Der Staat der keinen Feind hat ist kein Staat mehr/ Ein Königreich für einen Staatsfeind". Die Stasi war doch ein Produktionsbetrieb; sie produzierte Staatsfeinde. Im Anhang des Buches sind die Gedichte mit den absurden Anmerkungen des Stasioffiziers Schnatz (so einen Namen muß man erst einmal erfinden, eine Mischung aus Schnatterinchen und Pittplatsch) abgedruckt. Der Stasi ist allein die Verwendung des Konjunktivs, also der Möglichkeitsform höchst suspekt: Der Konjunktiv nimmt einer Aussage das Entscheidende, die Wahrheit. Alles ist offen, und möglich, nichts ist notwendig, nichts muß sein." Darin vermutete man einen Angriff auf die Grundlage des Sozialismus und seiner gesetzmäßigen Entwicklung. Das ist so grotesk wie es eben grotesk war in der DDR.
Aber das Buch ist nicht nur die Geschichte eines Dichters, der W. tatsächlich ist, sondern auch ein ergreifender Liebesroman voller Erotik (das Ende wird nicht verraten), ein philosophisches Traktat, ein Schelmenroman, ein Buch voller wunderbarer Anekdoten über verrückte Intellektuelle im Ostberlin der 80er Jahre und bei allem auch noch spannend bis zum Schluß.
Ich habe Bekannte, die haben sich wochenlang durch Tellkamps Buch gequält. Wielands Roman liest man an zwei Abenden herunter. Während man sich in Tellkamps Buch zu Beginn jedes Kapitels durch Satzungetüme kämpft, beginnen die Kapitel bei Wieland so: "Ich würde gern optimistischer in die Vergangenheit schauen, vor allem in die eigene." Oder : "Traum oder Wirklichkeit? Eine pedantische Unterscheidung, die gern überschätzt wird und schnell altmodisch werden kann." Das ist so scharfsinnig und witzig wie Robert Gernhardt und komischer als Wiglaf Droste. Es ist das lustigste und intelligenteste Buch über die DDR, das ich kenne.
In der Nacht, als die Mauer geöffnet wurde und eine Massenhysterie die Ostdeutschen ergreift, sitzt W. als einziger Gast in einer Ostberliner Bar und raucht eine Zigarre. "Das Ganze war halt eine Farce und weiter nichts" (Rosenkavalier)
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ohne Kitsch, 11. Oktober 2009
Endlich mal eine Geschichte mit Ost-West-Hintergrund, ohne in Kitsch zu verfallen. Zudem kann man sich gut vorstellen, dass doch die eine oder andere Anekdote auf wahren Begebenheiten beruht. Fazit: das Buch hat mir sehr gut gefallen.
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37 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Absurde Verdachtsmomente der Wortepolizei., 28. September 2009
Er war 18 und schrieb ein Gedicht für den Talentwettbewerb des "politischen Liedes", Mitte der 80er. Nachdem er zuvor "Schweijk" (dort lebt ein Hundedieb vom Stehlen schönster Schoßhündchen) gelesen hatte, inspirierte ihn dies zu dem:
"Heimlich um die Ecke,
Bring ich Dich, und zwar.
Wie, zu welchem Zwecke
Ist mir selbst nicht klar."
Oberleutnant Schnatz von der STASI ist schon längst sein Lyrik-Inquisitor, ein Mann der hinter dem überall eingebauten Konjunktiv seiner Zettelwirtschaft Verrat wittert, er ist die Gedankenpolizei, das Archiv für die Zettelsammlung des Romanhelden. Jener ist aber nur "jung, verliebt und braucht die Lyrik."
Das Vorbild des Ich Erzählers ist Pippip, der Held aus dem Roman "Das Totenschiff", und er sagt gelegentlich den Freunden, dass er ebensolche Pläne wie dieser hätte. Er möchte als echter Philosoph am Strand von Portugal sitzen und aufs Meer schauen. Subersiv, geplante Staatsflucht in NSW (nicht sozialistisches Wirtschaftsgebiet), orakelt der Inquisitor. "Es war der Sommer 1989. Und es gab ja sonst nichts zu tun."
Der Roman ist absurdes Theater "Die Geschichte dieses Buches beruht auf einer wahren Begebenheit. Die DDR hat es wirklich gegeben." Das Friseurmuseum, wie Shakespeare unter die Textüberwachung von Oberleutnant Schnatz kam usw. usw. Es hätte so sein können! Überwachung pur, Spitzelei, Verdachtsmomente en masse: In diesem Roman versammelt sich jugendliche Leichtigkeit, Staunen, Lieben, Werden und Wollen mit Ängsten einer kleinbürgerlichen Staatsideologie. Jene liebt und erschlägt die eigene Langeweile mit überquellender Phantasie, die andere bauscht diese zu einem gefährlichen, staatsgefährdenden Gebilde auf.
Dieser Roman aus den letzten Tagen der DDR bezieht seine Ironie aus einer wohl vorhandenen 89er-Endzeitstimmung und dem bürokratischen Stasi-Verhalten, in Treu und Glauben fest bis zum Schluss.
Absolut lesenswert sind die beigefügten "Stasi-Interpretationen" zur Subversion des Konjunktivs. Insgesamt großes, leichtes, witziges (und doch tiefschürfendes) Theater, wahrscheinlich nicht sehr weit weg von der Realität. "Liebe ist beinahe absurd", sagt Wilhelm Busch. Liebe und Poesie in der DDR, diese Steigerung des Absurden liest sich in diesem Buch ähnlich absurd wie... die Beziehung von Honecker zum Pornofilm.
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