Dies büchl hat mich sehr interessiert, obgleich ich nur die sänger aus den letzten jahren noch selbst gehört habe, ca. 20 % der genannten sänger kannte ich nicht. Aber es gibt ja YouTube! Holender, der fast 20 jahre die Wiener oper geleitet hat, und dazu gehört im gefinkelten Wien etwas, gibt eine knappe zusammenfassung seines wirkens. Da das buch nicht von falscher bescheidenheit belastet ist, trägt es wesentlich zu einer erst noch zu leistenden geschichtsschreibung der Wiener oper am ende des 20. / anfang des 21. jh. bei.
Faszinierend zu sehen, wie ein praktisch aus dem Nichts kommender emigrant aus Rumänien es zum direktor der staatsoper bringt, und das im traditionell xenophoben und intriganten Wien. Holender spart nicht an kritik. Die Wiener sind zu sehr an vereinzelten stimmlichen höchstleistungen und zu wenig am werkverständnis interessiert. Offenbar hat sich dort seit Mozarts zeiten nix geändert.
Hier schreibt ein opernmanager
Ich persönlich fühle mich im Münchner nationaltheater wohler, auch das publikum in Wien ist in der staatsoper sehr spießig. Sehr hingegen schätze ich die volksoper, hier hätte man in Holdenders buch noch gern mehr hintergrund gehabt.
Man könnte kritisieren, daß ein wenig die künstlerische und musikalische tiefenschärfe in der betrachtung von opernwerken fehlt und daß Holender zu sehr als manager schreibt. Mich hat das aber nicht gestört, da ich tonnenweise bücher über, sagen wir, Wagner und Mozart gelesen habe und nicht auch noch von Holender einen kommentar dazu brauche. Wichtiges und entscheidendes deutet er immer an, so daß man schon versteht, wie er ein einzelnes werk oder die arbeit eines einzelnen regisseurs oder dirigenten einordnet.
Wo bleibt die zeitgenössische moderne?
Natürlich ist sein geschmack subjektiv. Obwohl er kompositionsaufträge etwa an Aribert Reimann gegeben hat, stellt sich die frage, wie steht Holdender wirklich zur musikalischen moderne? Immerhin kommt weder der name Gielen noch Boulez (Boulez nur 1 mal am rande) in diesem buch vor.
Allerdings ist das Wiener publikum selbst einem Gemäßigten reformer wie Holender zu konservativ. Frei nach Brecht müßte man in Wien erst ein neues publikum wählen, um das musiktheater der gegenwart durchsetzen zu können.