Joachim Fest hat den Großteil seines Lebens der Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels der Weltgeschichte gewidmet. Dazu hat er einmal zusammenfassend gesagt: Es ist das eigentliche Wunder, dass das Gute existiert.
Wenn man also seine gesammelten Portraits und Biographien der großen Figuren des Nationalsozialismus im Hinterkopf hat, ist man unweigerlich überrascht, dass Fest die ersten Kapitel seiner Jugenderinnerungen in einem ausgesprochen positiven, um nicht zu sagen romantischen Licht darstellt.
Erinnerungen an entspannte Tage in der Sommerfrische, Verwandtenbesuch oder die ersten Jugendabenteuer im Berliner Stadtteil Karlshorst sind für den Leser, der bereits den Rest der Geschichte kennt, nur die Ruhe vor dem Sturm. Fest verzichtet aber vollständig darauf, seine frühen Erinnerungen durch düstere Vorzeichen zu verdunkeln, deren wahre Bedeutung ein Junge ohnehin erst hinterher erkannt hätte. Die ersten zwei Kapitel bestehen aus angenehmen Erinnerungen an eine unbeschwerte Kindheit, wie ein Junge von 6 Jahren sie erlebt hat.
Hitlers Machtergreifung gibt dem Buch einen neuen Ton. Fests Vater weigert sich kategorisch, in die NSDAP einzutreten, und wird konsequenterweise aus seiner Position als Schulleiter entlassen- vorrübergehend beurlaubt, wie es heißt.
Es ist diese Entscheidung, die den Ausschlag für die restlichen Erinnerung und wahrscheinlich auch Fests weiteres Leben gegeben hat. Es ist der zähe Kampf der Anständigkeit, eines Familienvaters, der seine moralische Grundsätze nicht aufgeben will, auch wenn es ihn seine Stellung und auch seine Freunde und Bekannten kostet, die ihm von nun an aus dem Weg gehen.
So liest sich das Buch nicht nur als Autobiographie, sondern gleichzeitig auch als Beispiel, dass man durch persönliche Integrität den Kampf gegen ein totalitäres Regime zumindest für sich gewinnen kann: Es ist die Geschichte der intakt gebliebenen Zelle einer Familie die uneingeschränkt zusammenhält, auch wenn ihr durch einen gesichtslosen Staatsapparat nach und nach der Hahn zugedreht wird.
Es ist durchweg ein bürgerliches Buch, und Fest lässt auch nie Zweifel daran aufkommen. Seinen schwärmerischer Tonfall wenn er auf die ersten Erfahrungen durch Musik, Oper und Literatur zu sprechen kommt, mag mancher Leser belächeln- jedoch ist und bleibt Joachim Fest das einzige Beispiel, dass Konservatismus eben nicht mit Spießertum und Deutschtümelei gleichzusetzen ist, und dass es konservative Kreise gegeben hat, die sich gegen die Vereinnahmung durch die Nazis gewehrt haben.
Die Weigerung, mit dem Regime mitzulaufen führen Fest und seine Geschwister kategorisch weiter, auch wenn es sie die schlimmsten Opfer kostet. Erst Pflicht-HJ in einer Strafeinheit, dann persönliche Schikanen im Internat, dann Arbeitsdienst und schließlich Kriegseinsatz. Immer sind die Brüder Fest bereits als Deserteure und Miesmacher bekannt- und lassen sich trotzdem nie unterkriegen.
Fests glasklarer Stil macht das Buch leicht zu lesen, und bleibt auch bei unangenehmen Erinnerungen distanziert. Seine Rekapitulation des Gefangenenlagers sowie eines lebensgefährlichen Fluchtversuchs grenzen ans Understatement.
Statt einer aufgeblähten Geschichte um eine kurze, unspektakuläre Lebensepisode in der Waffen-SS, lesen wir hier die Geschichte eines persönlichen Triumphes in den widrigsten Umständen. Die Geschichte einer Familie, die trotz aller Rückschläge niemals ihre Grundsätze verloren hat- und dafür niemals etwas zurückbekommen hat.
Das ist die Leistung und auch die Hinterlassenschaft von Joachim Fest: Eine nachträgliche Anerkennung der Leistung seines Vaters, der niemals wollte, dass man seinen kleinen Widerstand an die große Glocke hängt, und die Erkenntnis, dass, egal welche politische Sichtweise man hat, es sich immer auszahlt, Distanz und Skepsis gegenüber eines gegenwärtigen Zeitgeistes zu wahren.