Es gibt Bücher, die unterhalten; sie bringen ihre Leser mit urkomischen Situationen zum Lachen. Andere schaffen es die Lesenden zu Tränen zu rühren. Und es gibt Bücher, die man immer wieder weglegen und darüber nachdenken muss und die ein gewaltiges Grauen in sich bergen. Ein Grauen, dass nicht erfunden, keine Phantasie ist - sondern ein Stück wahre Geschichte. Geschrieben aus Erinnerungen, aus Erlebtem ... Mascha Rolnikaits Tagebuch "Ich muss erzählen" ist so ein Buch.
Man kann es nicht einfach so dahin und auch nicht zwischendurch lesen. Es ist eine harte, auch für den Leser, schmerzvolle Geschichte, die es zu durchleben gilt. Und doch ist es ein Muss, denn nie darf vergessen werden, was für grauenhafte Opfer gefordert wurden und wieviele Menschen ein schreckliches Ende fanden.
Mascha ist gerade 13 Jahre alt, als die Deutschen in Wilna eindringen. Die Rote Armee, die bis dahin Wilna besetzt hatte, zieht sich zurück. Die deutsche Armee zwängt die Juden in ein Ghetto, beschneidet ihnen die Grundrechte und zwingt sie einen Davidstern zu tragen. Alle Juden, die nicht arbeiten, werden nach Ponar gebracht, erschossen und in einem Massengrab verscharrt. Das Leben wird zur Qual, Todesangst plagt die Menschen ununterbrochen und die Essenrationen reichen nicht im
Geringsten. Zudem denken sich die Ghetto-Leiter immer neue Quälereien aus und pferchen die Menschen wie Tiere zusammen.
Dachte Mascha noch, dies wäre die Hölle, muss sie schon bald feststellen, dass es immer schlimmer kommen kann - als 1943 das Wilnaer Ghetto aufgelöst wurde (Mehrere Hunderttausend Juden hat man bereits umgebracht) wird Mascha von ihrer Mutter und ihren jüngeren Geschwistern Rajele und Ruwele getrennt - sie wird sie nie wiedersehen.
Zusammen mit fast zweitausend anderen bringt man sie ins Konzentrationslager Strasdenhof. Dort werden sie verprügelt und gequält und müssen unter den denkbar schlechtesten Bedingungen arbeiten und überleben. Die Essensrationen sind so gering, dass man als Leser sich kaum vorstellen kann, dass ein Mensch damit auch nur einen Monat
am Leben bleibt.
Nachdem sich die Zahl der Insassen auch hier stetig drastisch reduziert - durch Mord und Krankheit - bringt man die letzten schließlich ins KZ Stutthof. Dass hier noch schlechtere Bedingungen vorherrschen als in Strasdenhof wird schnell klar.
Als die Deutschen schließlich unterlegen sind und die Rote Armee sie immer weiter zurückdrängt, wird das KZ Stutthof evakuiert.
Alle, die nicht laufen können, werden erschossen. Mascha ist kaum mehr fähig zu gehen, kaum fähig sich aufrechtzuhalten, nur gestützt von anderen Frauen, kann sie den mehrtägigen Fußmarsch schaffen - und endlich, endlich kommt die langersehnte Rote Armee auch ihnen zu Hilfe.
Neben Mascha erlebt auch der Leser Unvorstellbares. Man ist erschüttert und traurig. Gleichzeitig auch wütend auf Menschen, die Spaß daran haben andere zu quälen; auf Menschen, die wegsehen.
Mascha Rolnikaites Tagebuch ist kein Tagebuch im eigentlich Sinn. Es sind Fragmente, angereichert mit Erinnerungen und auswendig gelernten Aufzeichnungen, geformt zu einem Ganzen, denn ein "richtiges" Tagebuch zu führen, war für Mascha nicht möglich.
Es ist eine ergreifende Geschichte, die den Leser erschüttert, die den Generationen, die erst später geboren wurden, das Grauen während des 2. Weltkrieges vor Augen führt, die die Menschen nicht vergessen lässt und auch die vielen Opfer nicht vergessen macht.