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Dorsts Schweigen
Annette Pehnts Roman «Ich muss los»
Dorst heisst er. Ein wunderlicher junger Mensch mit Einser-Abitur, den wir uns nur hoch aufgeschossen und schlaksig vorstellen können, obwohl es gar keine Beschreibung von ihm gibt. Manchmal ist er unbekleidet, zumeist in Bädern und Betten von Frauen, die seine Seele erforschen wollen. In aller Regel aber sehen wir ihn schwarz gewandet: ein wandelndes Memorial seines toten Vaters, der ihm nichts hinterlassen hat als ein paar altmodische Anzüge, einen Mantel und eine aktivistische Mutter, die ihn zum Jungsein animieren will und unablässig Fragen stellt. Das ist ein Fehler, denn so erfährt sie nichts, wie eigentlich alle, die mehr von ihm haben wollen als sein Äusserstmögliches: eine spröde Treue ohne Selbstentäusserung.
Dorst ist ein Schweiger, einer allerdings, der aus dem Stand, fast zu seiner eigenen Überraschung, zum Fabulierer vor wildfremden Menschen werden kann, ja hin und wieder jungen Frauen so schüchtern-tolldreiste Avancen macht, wie nur ein reiner Tor es fertigbringt.
Ein Stück weit lässt sich das erklären, denn die Schriftstellerin, der Dorst sein Dasein verdankt sie heisst Annette Pehnt, wurde 1967 geboren und lebt im badischen Freiburg , hat ihn mit einem fein verzweigten Psychogramm ausgestattet, das erlaubt, von Beziehungsstörungen oder Bindungsunfähigkeit zu sprechen und dergleichen auf unbewältigte Erschütterungen im Kindesalter zurückzuführen. Um aber den Zauber, der von ihm ausgeht, in eine blosse Fallgeschichte aufzulösen, braucht man schon ein gerüttelt Mass an Phantasielosigkeit. In Dorsts Eigensinn, der leichten Verrückung seines Affektlebens gegen das Raster der Konvention, ist etwas bewahrt, was in gewöhnlichen Lebensläufen gewöhnlich verloren geht: die zeitvergessene Hingabe an den Moment und eine kindliche Hierarchielosigkeit im Staunen über die Dinge.
Ohne Hackordnung
Was für andere kaum mehr als ein «Zwischen» darstellt, ist der Raum seiner Freiheit, und Annette Pehnt hat das Kunststück vollbracht, der Erbitterung dieser anderen sagen wir: von unsresgleichen über seine geringe Sozialkompetenz ihr Recht zu lassen und doch alle Zärtlichkeit und alles Licht auf dem Helden zu versammeln. Es ist ihre Sprache, in der sich seine Perspektive fängt: ein wunderbar leichtes Geflecht aus Sätzen ohne Hackordnung. Keine Fragezeichen, keine Gänsefüsschen, kein Konjunktiv. Durch winzige Eingriffe ins semantische Regelwerk erschafft sie eine Wirklichkeit, in der Konvention und Abweichung das gleiche Stimmrecht haben. Die Konvention: Das ist das Wollen, Müssen, Sollen, der Blick nach vorn, ins Nächste, auf Lebensziele und Glücksvorhaben. Dorst hingegen ist König in einem Jetzt, das nur sich selbst angehört, auch teilbar ist, aber keine Integration in Pläne verträgt. Wo immer nur das Lüftchen eines Plans ihn anweht, fängt er an zu ruckeln und zu schaben: «Ich muss los», heisst die stehende Wendung, und er ist weg.
«Du hast Ameisen im Hintern, hatte seine Mutter immer gesagt. Ganz schlimm ist das. Mädchen sind da ganz anders. Die widmen sich einer Sache ganz und gar. Sie konnte nicht wissen, dass er stundenlang in der Tiefgarage stand und sang.»
Dorsts Geduld: Sie ist unendlich nur dem Vielerlei von Redeströmen, dem Wirrwarr von Emotionen, dem Anbranden unausgesprochener Erwartungen hält sie nicht stand. Was immer seine Aufmerksamkeit fesselt, ein Geruch, ein Geschmack, ein Inventar, eine Szene, ein hingeworfener Satz, beansprucht ihn ganz. Er nimmt wahr ohne Vorurteil, in schwelgerischer Genügsamkeit, ohne sich den Dingen über Augenblicke hinaus zu verbinden. Die Menschen aber wollen Aussprache, Austausch und eine gewisse Berechenbarkeit, nicht nur seine Mutter und ihr «Bekannter», der ihn mit bleckender Jovialität umwirbt, sondern auch Gun, seine erste Freundin «wenigstens war sie nicht neugierig» , und Elner, seine zweite, die er doch so liebt, dass ihn seine Sprödigkeit selbst bekümmert.
Die Geschichte mit Elner beginnt bei einer der seltsamen Stadtführungen, die er nach dem Abitur eine Zeit lang durchführt. «Sie sind schon ein komischer Mensch», sagt sie, vielleicht ahnend, dass die unspektakulären Plätze, die Dorst, nie um eine phantastische Begründung verlegen, zu Sehenswürdigkeiten erklärt, seine Lust- und Andachtsorte sind. Elner wird Dauergast, und nach und nach bekommt sie die gesamte Topographie seiner Seele zu Gesicht: den Laden der Honigfrau, wo er regelmässig Sorten durchprobiert, die Holunderbüsche hinter der Post, den Friedhof, den Pilztunnel am alten Güterbahnhof, Parkplätze («Ihnen ist vielleicht aufgefallen, dass die meisten Autos auf dem Parkplatz rückwärts eingeparkt sind.»), allerlei Geschäfte, mit denen er eine Geschichte hat, seinen Angelteich. Am Ende steht, als Liebeserklärung, die Einzelführung, die zugleich der Schlusspunkt unter allem ist, was Dorst Elner von sich preisgibt.
Schnell wird es schwierig. Am längsten, drei Tage, hält er es bei ihr aus, als ihn eine Grippe niederwirft. «Komm doch mal zur Ruhe, sagte sie, du brauchst einen ruhenden Pol. Ich muss los, sagte er nur.» Dorst spielt mit ihren Haaren, lässt sich von ihr lieben, teilt ihr gelegentlich harmlose Beobachtungen mit oder sagt einfach «Elner» und weicht ihrer zunehmenden Wut über seine Unzugänglichkeit aus. «Am nächsten Morgen fand er einen Zettel im Briefkasten, der ihm verbot, Elner zu besuchen. Also besuchte er sie nicht.» Das kann nicht gut gehen, auch wenn Dorst immer wieder auf seine Art, etwa durch geduldiges Ausharren vor ihrer Wohnungstür, Liebesbeweise abgibt. Als er Elners Plan, ihre Schulklasse in den Genuss einer seiner Stadtführungen kommen zu lassen, durch Nichterscheinen vereitelt, ist wenig mehr zu retten.
Mitte aus Schweigen
Eine Geschichte wie Bitterschokolade. Ihr Auf und Ab durchzieht das ganze Buch, dessen Episoden, Miniaturen des Rückzugs und Monumente des Schauens, nicht auf der chronologischen Zielgeraden liegen, sondern nach Dorsts Gesetz geordnet sind: wiederholte Spiegelungen eines ewigen Kindheitsmusters, zentriert um eine Mitte aus Schweigen. Das Schweigen Dorsts, der sein bewusstes Leben als wahrer Aufrichtigkeitsschreck begonnen hat, geht auf die frühe Erfahrung zurück, dass «niemand die Wahrheit mochte», mehr noch auf den Schock über den falschen Zungenschlag der Mutter, als er der Wahrheit dringend bedürftig war: beim Tod des Vaters. Schon in seinen letzten Lebenstagen hat sie begonnen, sein Gedächtnis zu tilgen, ohne Rücksicht auf den Sohn und seinen dringenden Wunsch, sich der Bande zwischen dem Vater und ihm noch einmal zu versichern. Die Folge ist, dass schon der Siebenjährige das Vertrauen in die Sprache des Gefühls verliert, nicht nur in die ihre, und sich an das zu halten beginnt, was der Fall ist. So wundert es nicht, dass Dorst mit Kindern am besten auskommt: Ihre sachliche Neugier ist der seinen verwandt. Der fünfjährige Ruben, den der Primaner beim Stöbern nach Regenwürmern für seinen Angelhaken kennen lernt, ist zwar eine Klette, aber Missverständnisse gibt es nie: ein herrlich lakonisches Duo, das funktioniert wie ein altes Ehepaar. Im letzten Bild des Buches, bevor sich seine Spur verliert, sehen wir Dorst mit einem kleinen Knaben plaudern, über Schulfächer und die Wonnen des Strassenbahnfahrens.
Kein Zweifel, Dorst ist, wie seine Mutter sagt, ein «Schrat». Aber der Blick in die Welt, für den uns die Autorin seine Augen leiht, macht das Unscheinbarste wundersam, er bringt die Dinge zum Sprechen und oft genug in einem Bild den ganzen Lebenshorizont: «Die Wohnung war voll mit Duftlampen, Ziergewächsen, Apfelkerzen und Erdbeerseifen. Manchmal las die Mutter im kleinen Kreis aus ihren Heften und reichte Trockenobst in provenzalischen Keramikschalen.»
Leise schieben sich die Ironien, denen auch die alternativ-resolute Elner nicht entkommt, zwischen Dorsts Bestandsaufnahmen. Die ironische Brechung, geführt über das unschuldige Fremdsein im Leben: Annette Pehnts wunderlicher Held mag in vielen Zügen ein Produkt genau beschriebener Verhältnisse sein, seine Seele aber kommt von weiter her. Sie hat schon gelebt in Melvilles Bartleby, in Kracauers Ginster und den Helden Robert Walsers und Franz Hessels. Neben dieser Ahnschaft kann Dorst sich durchaus sehen lassen. Und wie so ein Talent vom Himmel fällt wie das seiner Schöpferin: Auch das gehört zu den wunderbaren Rätseln, mit denen uns die Literatur immer wieder beglückt.
Andreas Nentwich