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Ich mag mich, wenn ich lache
 
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Ich mag mich, wenn ich lache [Taschenbuch]

Zora Neale Hurston


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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Spiegelbild mit Haarrissen

Die Autobiographie der Zora Neale Hurston

Von Angela Schader

Die Schriftstellerin und Anthropologin Zora Neale Hurston (1891–1960) war in den dreissiger und vierziger Jahren eine so bedeutende wie umstrittene Exponentin der Harlem Renaissance. Ihre Autobiographie, die sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere verfasste, geriet zum Kaleidoskop einer ungewöhnlichen Existenz. Zu einem möglicherweise beschwerlichen Gang über «Dust Tracks on a Road» – so der englische Titel von Zora Neale Hurstons Autobiographie – mochte der Verlag die deutsche Leserschaft nicht einladen. «Ich mag mich, wenn ich lache» heisst das Buch nun – etwas naiver und lebensversöhnter, als es sein Inhalt wohl rechtfertigen würde. Oder verrät die Überschrift vielleicht doch mehr und anderes über Buch und Autorin, als auf den ersten Blick zu erkennen ist?

Die Rückseite des Umschlags identifiziert den Titel als Teil eines Originalzitats: I love myself when I am laughing. And then again when I look mean and impressive, setzt Hurston den Gedankengang fort. Mean – gemein, bösartig, gefährlich: Das ist, noch im schillernden, durchaus nicht negativen Sinn des afroamerikanischen Sprachgebrauchs, mit dem unbefangenen Lachen nicht zur Deckung zu bringen – oder nur dann, wenn man auch den Blickwinkel der ersten Formulierung ausmisst. «Ich mag mich, wenn ich lache» impliziert eine wachsame, wertende Selbstwahrnehmung; in Schillers Terminologie vielleicht den sentimentalischen Blick, der sich reflektierend und sehnsuchtsvoll nach dem naiven Zustand zurückwendet.

Da deuten sich Brüche an, die den eigentlichen Raster für die Lektüre dieser Autobiographie legen. Zora Neale Hurston hat sie 1941 verfasst, knapp zwanzig Jahre vor ihrem Tod, im Alter von – folgt man ihren eigenen Angaben – vierzig Jahren. Laut neueren Forschungen hat die Schriftstellerin jedoch stets etwa zehn Jahre ihres Lebens unterschlagen; sie wurde 1891, nicht um 1900 geboren, und sie kam auch nicht, wie im Eingangskapitel der Lebensbeschreibung behauptet, in Eatonville zur Welt, der ersten Stadt, die als autonomes Gemeinwesen ausschliesslich von Afroamerikanern bewohnt und verwaltet wurde.

DICHTUNG UND WAHRHEIT

Die Spannung zwischen Dichtung und Wahrheit erzeugt ein ganzes Netz von Haarrissen über dem Spiegel, in welchem Hurston – Ich mag mich, wenn ich lache – sich selbst betrachtet. Schon die Welt des träumerischen Kindes – das sich vornimmt, an den Rand der Erde zu laufen, um zu sehen, ob er «mehr oder weniger eingeschlagen war wie der Saum eines Kleides oder einfach schroff ins Nichts abfiel» – wird derart aus der Phantasie entfaltet, dass es schwierig ist, den ersten biographischen Markstein im Terrain zwischen Realität und Erfindung zu verorten: Hurston erzählt, dass zwölf Visionen ihr schon im Kindheitsalter das ihr bevorstehende Unheil vor Augen geführt und sie so lange durchs Leben begleitet hätten, bis sich jedes der Bilder erfüllte.

Mit oder ohne Visionen: Das bescheidene Paradies der ersten Lebensjahre geht tatsächlich verloren. Eben noch hat die kleine Zora lange Südstaatennachmittage mit ihren aus Maisblättern, Fadenspulen und ähnlichem Zufallskram zusammengebastelten «Spielgefährten» vertändelt, als der Tod der Mutter die ganze Familie sprengt. Eine sprichwörtlich böse Stiefmutter sorgt für die Vertreibung der Kinder: Der Vater kommt so weit, dass er einer Internatsschule nahelegt, Zora zu adoptieren. Das Mädchen wird statt dessen umgehend aus der Institution weggeschickt. Zwischen den Haushalten von Verwandten und Freunden herumgeschoben, nur sporadisch die Schulbank drückend, macht sich Zora früh selbständig; mehrere Anstellungsverhältnisse gehen an ihrem Eigenwillen zu Bruch, bis sie bei einer fahrenden Operettentruppe ein kongenialeres Umfeld findet. Zwischen Garderobengeflüster und grossen Arien erfährt sie auch,

wie Menschen gescheiterte Karrieren durch Liebe kompensierten. Immer wieder erlebte ich mit, wie der eine oder andere zwischen zwei Akten oder Auftritten hinter der Bühne sass und jemandem sein Herz ausschüttete. Umgekehrt hatte ich erfahren, wie Karrieren von Liebe hinterlassene Löcher auffüllten und seelische Trümmer zudeckten.

In Hurstons eigenem Leben allerdings sollte diese Dualität dann nicht als tröstlicher Kompensationsmechanismus, sondern vielmehr als Scheidewasser wirken. Der Mann, der sie «ganz und gar in seinen Bann» zu schlagen vermochte (oder eben doch nicht?), bat sie, um der Heirat willen ihre Karriere aufzugeben. Aber: «Er konnte wahrhaftig alles von mir haben, nur das nicht.»

ZWISCHEN SCHWARZ UND WEISS

Man vermutet, dass Zora Neale Hurston ihr Geburtsjahr näher zur Gegenwart rückte, um die unverschuldeten Lücken in ihrem intellektuellen Werdegang zu kaschieren. Die jahrelange Wanderexistenz in materiell ungesicherten Verhältnissen zwang die begabte junge Frau, sich quasi als Zaungast an verschiedenen Lehrinstituten bis zur Hochschulreife zu bilden; ihre ersten Studienjahre an der Howard University in Washington verdiente sie sich als Maniküre bei einem Herrencoiffeur. Die Angabe ihres tatsächlichen Alters hätte während der College- und Studienzeit einen weiteren Graben zwischen sie und ihre privilegierteren Mitstudentinnen gelegt.

Beim Wechsel ans Barnard College in New York verlegte Hurston ihren Interessenschwerpunkt von Literatur auf Anthropologie und schloss bei Franz Boas ab. Um ihre Recherchen fortsetzen zu können, war sie auf die Zuwendungen einer weissen Gönnerin angewiesen, die ihr Forschungsaufenthalte in den amerikanischen Südstaaten und in der Karibik ermöglichte. Ihre Reverenz an diese «Patin» beschliesst Hurston mit einer freundlichen, aber hoffnungslos entlarvenden Reflexion, die im Zeitalter des multikulturellen Konsumismus kein Gran an Aktualität verloren hat:

Die Patin war überaus menschlich. Da sass sie am Kopfende des Esstischs vor Kapaun, Kaviar und funkelndem Silber, begierig, jedes Wort über jeden Aspekt des Lebens in einem Sägemühlen-«Revier» zu hören. Ich musste ihr die Geschichten der niedersten Neger erzählen, ihre Lieder vorsingen, ihre Tänze vortanzen und ihre rüden Sprüche und Taten wiedergeben. Godmother ist restlos für diese Menschen eingenommen, weil sie, wie sie treffend sagt, vollkommen unverfälscht ihr Leben leben.

Mit in dem Bild ist allerdings auch Hurston selbst: singend, tanzend, sich selbst preisgebend. Liebedienerei gegenüber den Weissen, mangelndes Engagement im Rassenkampf haben ihr militantere Vertreter der Harlem Renaissance schon zu ihren Lebzeiten vorgeworfen, und diese Einschätzung ist noch aus dem im Anhang der Autobiographie abgedruckten Nachwort der afroamerikanischen Lyrikerin Maya Angelou zu lesen. Mit kaum verhohlenem Vorwurf stellt Angelou fest, dass in dem Buch von «Rassenverfolgungen und andere(n) Greueltaten» nicht die Rede sei; statt dessen würden weisse Wohltäter in nachgerade ungebührlichem Mass gewürdigt. «Wes Lied sang sie?», fragt Angelou. «Und wer sollte zuhören?»

Tatsächlich war Hurston gelegentlich zu Konzessionen bereit und willigte ein, dass ihre Manuskripte nach Wunsch ihres Verlegers modifiziert wurden; dem Groll über diese Praxis hat sie erst spät mit dem Artikel «What White Publishers Won't Print» Luft gemacht. Dass dieser Zensur brisante Passagen zum Opfer fielen, die Hurston ihren farbigen Zeitgenossen vielleicht in einem ganz anderen Licht hätten erscheinen lassen, wird im Anhang von «Ich mag mich, wenn ich lache» ersichtlich; dort sind drei Kapitel des Originalmanuskripts abgedruckt, die lediglich in veränderter Form oder gar nicht in die Endfassung der Autobiographie eingingen.

SATIRISCHE GEDANKENSPIELE

«Die Welt, nüchtern betrachtet» wäre unter diesen wohl als Finale für das Buch bestimmt gewesen. Hurston wendet sich darin von einer kritischen Reflexion über «schwarzes» Rassenbewusstsein – dessen militante Ausprägung sie ablehnte – plötzlich mit gebleckten Zähnen gegen Gott und die Welt: Vom Alten Testament mit seinen nie hinterfragten Feindbildern über die christliche Kirche, die im Zeichen des Kreuzes lieber eroberte, anstatt «hochgemut die andere Wange hinzuhalten», bis zu den «westlichen Werten», an denen sich aber bitte keine andere Zivilisation ungefragt vergreifen soll, wird alles durchgeharkt, was einer weissen amerikanischen Leserschaft lieb und heilig ist. Was Hurston 1941 avant la lettre über die globalisierte Wirtschaft schreibt – «Man hat soeben beschlossen, die Sklavenhütten in grösserer Entfernung vom Herrenhaus aufzustellen» –, ist heute unbewältigte Wirklichkeit. Ihre sarkastische Fussnote zur Ambivalenz der damaligen Gandhi-Begeisterung liest man mit demselben grimmigen Vergnügen wie ihren Vorschlag zu Handen der amerikanischen Regierung:

. . . dennoch sollten wir, wenn wir unsere Politik richtig finden, den Chinesen einmal gestatten, ein Kanonenboot den Hudson hinaufzuschicken, um den Handel mit uns anzukurbeln. Der Aufschrei der Empörung würde die Heiligen in den Hinterstuben des Himmels aufscheuchen.

Fielen solch subversive Gedankenspiele dem Rotstift des weissen Verlegers zum Opfer, dann sorgten anderseits Meditationen wie «My people, my people» dafür, dass Hurston von vielen farbigen Zeitgenossen – wie bereits erwähnt – mit Skepsis betrachtet wurde. Das so betitelte Kapitel der Autobiographie erweist sich als gemilderte Fassung einer ebenfalls im Anhang abgedruckten Variante, die aus den gängigen Klischees und Vorurteilen gegenüber schwarzen Amerikanern ein wahres Feuerwerk entfaltet – dessen Ironie von mit Esprit und Humor weniger gesegneten Lesern freilich möglicherweise missverstanden werden konnte.

Für sich selbst wies Zora Neale Hurston jedes Bekenntnis zum Rassenstolz energisch zurück – und begeisterte sich anderseits doch für die «authentische Negerkultur», die sie auf den Bahamas fand und umgehend nach New York importierte, um ihre «Schönheit und Anmut . . . im Vergleich zur Aufführungspraxis am Broadway» zu demonstrieren. Sie sah die afroamerikanische Kultur mit der Gebrochenheit, die Henry Louis Gates jr. in der «geteilten Stimme» der Schriftstellerin nachklingen hört. Gates' bei aller Knappheit aufschlussreicher Essay – er ist ebenfalls im Anhang des Buches nachzulesen – beschreibt damit den sprachlichen Duktus, der etwa Hurstons literarisches Hauptwerk, den Roman «Their Eyes Were Watching God» (dt. «Und ihre Augen schauten Gott») bestimmt: den steten Wechsel zwischen mit graphischer Genauigkeit notierter afroamerikanischer Mundart und einer durch gepflegtes Vokabular und gelegentliche lyrische Höhungen betont «literarischen» Erzählsprache. Wes' Lied Zora Neale Hurston gesungen habe, fragt Maya Angelou: in dieser Sprachgestalt jedenfalls ihr unverkennbar eigenes.

UNVOLLEND ETES

Die Kraft und Rundung, welche «Und ihre Augen schauten Gott» auszeichnen, mussten der Autobiographie fast zwangsläufig versagt bleiben. Nach der schwierigen Anlaufzeit, welche sie zu akademischen Ehren und literarischem Erfolg geführt hatte, zog die Schriftstellerin darin die vorläufige Bilanz eines keineswegs abgeschlossenen Lebens: Der mehr oder minder linearen Erzählung von Kindheit, Jugend und Studienjahren folgen eher thematisch orientierte Kapitel, in denen sich Hurston ihren gegenwärtigen Lebensbereichen – der anthropologischen Forschung und ihrem literarischen Schaffen, aber auch persönlichen Beziehungen – zuwendet oder sich mit grundsätzlichen Fragen wie Rassenproblematik oder Religion auseinandersetzt.

Die deutsche Ausgabe von Hurstons Autobiographie war offensichtlich als eine Art Eckstein für die mit «Und ihre Augen schauten Gott» (1993) begonnene Werkedition gedacht; dem Anhang sind nebst den bereits erwähnten Dokumenten eine Kurzbiographie der Schriftstellerin und Anmerkungen der Übersetzerin Barbara Henninges beigegeben, die schon durch ihre eigenwillige, aber kongeniale Übertragung von Hurstons Roman Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Zusätzlich zu den Sachinformationen finden sich darin interessante übersetzungstechnische Erläuterungen; diese wurden freilich in einer Weise abgedruckt, die den Leser gelegentlich ratlos lässt, indem die entsprechende Stelle im originalen Wortlaut entweder nur unvollständig oder erst am Schluss der Erklärung zitiert wird. Wer jedoch nicht unbedingt auf jeder Seite Schlüssigkeit und letzte Wahrheiten erwartet und dafür Überraschungen und einem Potpourri oft köstlicher und wissenswerter Dinge nicht abgeneigt ist, wird bei der Lektüre des Buches auf seine Rechnung kommen. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 01.07.2000
Angela Schader nutzt in einer ungewöhnlich umfangreichen Rezension die Gelegenheit, die wichtigsten Stationen im Leben der Autorin Revue passieren zu lassen. Dabei macht die Rezensentin darauf aufmerksam, dass die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit in dieser Autorbiografie bisweilen fließend sind. So sei die Autorin bereits 1891 und nicht erst im Jahre 1900 geboren, und sie kam auch nicht in Eatonville zur Welt. Diese fehlerhaften Informationen wertet die Rezensentin jedoch nicht als Manko, eher im Gegenteil: Schader zeigt sich durchaus fasziniert von dern Passagen Hurstons über die Träume, Phantasien und Visionen, in die sie sich - besonders während ihrer Kindheit - geflüchtet hat. Schader weist darauf hin, dass im Anhang des Buchs die afroamerikanische Lyrikerin Maya Angelou der Autorin vorwirft, dass sie die Rassenproblematik in den USA in ihrem Buch nicht ausreichend besprochen habe. Dazu merkt die Rezensentin an, dass Hurston durchaus zahlreiche Kompromisse mit ihren damaligen Verlegern eingegangen ist bzw. eingehen musste. Allerdings seien im vorliegenden Band auch einige Kapitel des Originalmanuskripts abgedruckt, die ursprünglich überarbeitet bzw. überhaupt nicht abgedruckt worden waren. Großes Lob hat Schader für die „eigenwillige, aber kongeniale“ Übersetzung übrig und weist darauf hin, dass im Anhang des Buchs „interessante übersetzungstechnische Erläuterungen“ zu finden sind.

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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