"Ich mache mir Sorgen, Mama" war sozusagen mein Zufalls-Erstkontakt mit dem Kult-Exil-Russen Kaminer, den ich durch Hype und TV natürlich kannte, aber mir unter seinem Werk nichts genaueres vorstellen konnte. In Lesestoffnot in der Bahnhofsbuchhandlung abgegriffen, stellte sich das Büchlein als ideale Zuglektüre heraus, sofern es dem Leser nichts ausmacht, das Bahnabteil durch eventuelles öffentlichen Losprusten zu beleben bzw. zu irritieren. Denn viele der jeweils einige wenige Seiten umfassenden Episoden sind wirklich genial, z.B. jene über die Auswirkungen der Geologen-Verklärung in sowjetische Liedern auf das Weltbild der Kinder des Autors. Andere Passagen werden im gleichen durchgehenden lakonisch-skurillen Stil präsentiert, zünden nicht alle zuverlässig, bleiben aber immer lesenswert. Das Buch selbst ist sehr kurz und hält vielleicht 4 mittlere Bahnfahrten lang. Ich hatte mir persönlich zugegebenermaßen nach all der Publicity und den begeisterten Kritiken etwas mehr literarische Tiefe vorgestellt, und finde nun, nachdem ich auch "Militärmusik" (mit Vergnügen) gelesen habe, das Kaminer eben doch im Grunde limitiert ist auf leicht skurille bis total aberwitzige Anekdoten aus einem mehr oder weniger widrigen Alltag oder seine Ostblock-Erinnerungen, die in lakonisch-warmherzig-erduldendem Stil dargeboten werden, der mitunter auch etwas leicht Melancholisches, möglicherweise ja der der allgemein bekannte Schwermut der russische Seele, durchscheinen läßt. Gerade die Geschichten, die von der sozialistische Zeit des Ostblock-Lebens berichten, sind aber auch inhaltlich gehaltvoll und interessant. Kaminer also, charmanter Botschafter der Absurdität des Alltags mit heißem Draht zum Ostblock-Chaos und großem Unterhaltungspotenzial.