Neben Marcel Reich - Ranicki, der unlängst eine nicht ganz unumstrittene Vorstellung im Fernsehen gab, indem er den Deutschen Fernsehpreis anlehnte und das Fernsehen pauschal als Quatsch verurteilte, ist der mittlerweile auch schon 80-jährige Joachim Kaiser einer der letzten Großkritiker der deutschen Kulturszene, eben einer der "letzten Mohikaner".
Unter eben diesem Titel hat Joachim Kaisers Tochter Henriette, die als Fernsehjournalistin und Schriftstellerin arbeitet, zusammen mit ihrem Vater eine ganz besondere Form der Biographie geschrieben, die sich liest wie eine Kulturgeschichte Nachkriegsdeutschlands bis zur Gegenwart.
Joachim Kaiser war es stets wichtig, die Bewahrung der Tradition, ja, wenn es sein musste, der ganzen Abendlandes hervorzuheben, und das schon ganz früh.
"Wir Jungen nahmen damals Kunst, Bildung und Intellektualität viel ernster, als es heute üblicherweise der Fall ist -aus einem ganz besonderen Grund. Wir hatten in der Jugend die Freiheitsberaubung durch eine Diktatur und einen Krieg erlebt. Wir wussten, wie wichtig Freiheit ist. Das wollten wir in unserer Arbeit zum Ausdruck bringen."
Und diese Freiheit kostete der junge Kritiker aus. Er schrieb über Musik, über Theater, über Literatur. 50 Jahre hat er für die Süddeutsche Zeitung geschrieben. "Im Falle des Falles, schreibt Kaiser über alles" - so hieß es dort oft.
Seine Tochter Henriette hat in diesem Buch durch ihre Art des Fragens ihren Vater zu sehr eindrucksvollen Antworten "verführt", bei denen sich wieder einmal sein fast grenzenloses Selbstbewusstsein offenbart, ohne das man (siehe Reich-Ranicki) wohl nicht zum Kritikerpapst aufsteigen kann. Oft langweilt sein pathosgeschwängertes, langatmiges Reden, doch dann wird es plötzlich abgelöst durch eine Erkenntnis, die man unbedingt gleich festhalten möchte.
Kaiser ist ein echter Verfechter der Hochkultur, der die Hoffnung nicht aufgibt:
"Die Chance, auf die wir alle hoffen, besteht darin, dass plötzlich ein Widerstand der Konsumenten erwächst: Nein, wir wollen diesen Quatsch nicht mehr mitmachen, wir wollen endlich wieder Brot statt Steine."
Nur, liebe Kritiker: wer definiert, was Brot ist und was Steine ? Die Grenze zum bildungsbürgerlichen Hochmut gepaart mit der Verachtung der Dummheit der Unterschicht ist schmal und auch wir hier als Rezensenten von Büchern sind nicht dagegen gefeit.