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Diesen Band mit frühen Gedichten bespricht Ulla Hahn. Sie stammen, schreibt sie, aus der Feder einer Zwanzigjährigen, die erst Jahrzehnte später zu "der Achmatowa" gereift sei. Die Übertragung der Gedichte ins Deutsche hat die rezensierende Dichterin gar nicht überzeugt. Es liege wohl an der Entscheidung, den Reim beizubehalten, dass die Verse "altbacken" und häufig sogar "lächerlich" klingen. Man liest ein paar allgemeine Betrachtungen zum Problem der Lyrikübersetzung und Kostproben aus dem aktuellen Fall. Überraschend die Wendung am Schluss, die Übersetzung habe dennoch den Gedichten "einen Raum geschaffen" und sie "aus der Fixierung in Ort und Zeit ihres Erscheinens" gelöst.
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Kurzbeschreibung
Umschlagtext
Über den Autor
Alexander Nitzberg, geboren 1969 in Moskau, lebt als freier Schriftsteller und Übersetzer aus dem Russischen (u. a. Charms, Majakowski und Puschkin) in Wien. Für seine Arbeiten wurde er vielfach ausgezeichnet.
Auszug aus Ich lebe aus dem Mond, du aus der Sonne. Hundert Gedichte über die Liebe. von Anna Achmatowa. Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
1909
Bei der Lektüre von »Hamlet«
1. Der Platz vor dem Friedhof war staubig und leer, der Fluß dahinter war blau. »Geh nur ins Kloster«, sagte er, »oder sei eines Narren Frau ...« So etwas sagt nur ein Zauberprinz, mögen Jahre vorüberziehn, doch über meine Schultern rinnt's wie ein Mantel von Hermelin.
2. Und als wär es ein Versprecher, sagt ich »Du ...« zu ihm. Und der Hauch von einem Lächeln strahlte auf sublim. Ja, bei solchem Wort verliert sich jeder Blick sogleich ... Meine Liebe ist wie vierzig Schwestern zart und weich.
1909
Zwei Gedichte
1. Das Kissen ist beiderseits schon zu warm. Es sind zwei Kerzen bereits abgebrannt. Und ein Schwarm von Raben da draußen kräht. Ich fand keinen Schlaf, doch sei's drum: Es ist jetzt zu spät ... In unerträglichem Weiß die Gardine am Fenster weht. Grüß dich!
1909
2. Wieder dieses weiche Haar, diese Blicke, diese Stimme. Alles wie vor einem Jahr. Durch die Scheiben strömt ins Zimmer helles Sonnenlicht ... Und klar nehm ich deine Worte wahr und den Lilienduft - wie immer.
1909/1910
1. Sie kamen und sagten: »Dein Bruder ist tot.« Was man wohl damit meinte? Wie lange doch heute das Abendrot über den Fluten weinte.
Den lieben Bruder bringe ich heim, wo ich Vergangenes berge, ich treibe darüber insgeheim so manche magischen Werke.
2. »Bruder! Wo warst du? Ich hab es gewußt: Einst schlägt die glückliche Stunde!« »Schwester, wende dich ab: Diese Brust ist eine einzige Wunde.«
1910
Er liebte ...
Er liebte drei Dinge auf Erden: Bei Gottesdiensten geistliche Lieder, vergilbte Karten und weiße Pfauen. Ihn störten Kinder und ihre Beschwerden, Himbeertee war ihm zuwider, mochte auch keine hysterischen Frauen. ... Dabei war ich sein Eheweib.
1910
Ein altes Portrait
Blickst aus dem Rahmen, vergoldet und edel; hinter dir fächert der zahme Mohr mit dem blauen und buschigen Wedel, weiße und zierliche Dame.
Schultern - der Grazie zartes Exempel, Augen blasiert und erbittert. Und wie im düsteren Vorhof zum Tempel schimmernd das Kerzenlicht zittert.
Eine Gitarre am Tischchen daneben, Rosen im schlanken Pokale ... Wer aber malte mit furchtsamem Beben dich in dem festlichen Saale?
Wurde dein Mund, du berückendes Wesen, jenem zum tödlichen Bissen? Hinten, der Mohr im Gewande erlesen lächelt voll Wissen.
1910
Der König mit samtigem Blick
Ehre dem schmerzlichen bösen Geschick! Tot ist der König mit samtigem Blick.
Herbstlicher Abend war flammend und schwül. Heim kam mein Gatte und sagte mir kühl:
»Weißt du, man hat ihn beim Jagen entdeckt: Unter dem Eichenbaum lag er gestreckt.
Ach, seine junge verlassene Frau! In einer Nacht ward die Königin grau.«
Nahm vom Kamin seine Pfeife herab und sich zur nächtlichen Arbeit begab.
Ich aber wecke die Tochter und seh in ihre samtigen Augen voll Weh.
Und vor dem Fenster der Pappeln Geraun: Wirst deinen König auf Erden nicht schaun.
1910