Da sitzt der Gérald Métroz auf dem Titelbild und blitzt den Leser herausfordernd an, so als ob er sagen würde "Ich habe keine Beine...na und?" Ich musste angesichts dieses Bildes erst mal schlucken, aber dann war auch mein Interesse sofort geweckt. Ich selber hatte in meinem Leben eigentlich noch nie persönlich mit behinderten Menschen zu tun und wollte daher mehr über Gérald's Geschichte lernen, auch darüber, wie er möchte, dass mit ihm umgegangen wird. Was ich bekam war ein kurzer (nur 175 Seiten langer) Einblick in das Leben eines Mannes, der sich von seinem Schicksal nicht nur nicht unterkriegen ließ, sondern im Gegenteil noch Energien freisetzte, die wohl viele "ganze" Menschen noch nicht einmal ansatzweise aufzubringen bereit wären. Er behauptet sich im Berufsleben, im Sport (Eishockey!) und reist im Jahr 1996 als Tennisspieler mit zu den Paralympics in Atlanta. Ebenso lernt er Gitarre spielen und engagiert sich mit Freunden in Projekten für Behinderte in der dritten Welt. Da kann ich nur sagen "Echt stark, wären doch nur alle Menschen so energiegeladen!"
In diesem Punkt setze ich aber auch meine erste Kritik an: es ist nicht wirklich ersichtlich, für wen dieses Buch geschrieben wurde, ob nun für andere Körperbehinderte oder für "Normalos", damit sie besser wissen, wie "es" ist. Im Idealfall für beide Zielgruppen, wobei ich mir dann aber unsicher darüber bin, wie andere Behinderte auf Gérald's Schilderungen reagieren: einerseits motiviert seine Geschichte natürlich, aber andererseits ist sie auch ein wenig demotivierend, denn er kam mir beim Lesen wirklich wie eine Art Superman ohne Beine vor. Ich kann mir vorstellen, dass viele andere sich sehr schwer damit tun, ihre Behinderung überhaupt erst zu akzeptieren (ich wäre auf jeden Fall so), aber Gérald hatte damit anscheinend von Anfang an kaum Probleme. Bemerkenswert, aber wie ich schon sagte, für andere Körperbehinderte vielleicht eher abschreckend. Selbst "normale" (vielleicht sollte ich eher sagen "ganze") Menschen können angesichts dieses unerschütterlichen Energiebündels fast schon Komplexe bekommen. Für diese zweite Zielgruppe sind außerdem zu wenig Informationen über wichtige Themen enthalten, zum Beispiel über die von mir eingangs bereits erwähnte Frage, wie man als Nichtbehinderter mit behinderten Menschen am besten umgehen sollte. Nicht dass er gar nichts darüber schrieb, aber ein Paragraph war für mich etwas wenig. Ein weiteres, grundsätzlich sehr interessantes Thema, um das er sich gekonnt drückte und nur ganz kurz ansprach war das Tabuthema "körperliche Liebe mit Behinderten". Er hätte meines Erachtens allgemein mehr die Überschneidungspunkte zwischen "beiden Welten" thematisieren sollen.
Was mir nach einiger Zeit ebenfalls unangenehm auffiel waren die sporadisch eingebauten Briefe seiner Freunde, die eigentlich nur eine Art "Gérald, du bist unglaublich, was hat es mir viel gegeben, dich zu kennen!"-Mantra darstellten. Das war anfangs wirklich noch okay und bewegend, aber kurz vor Schluß störte es mich dann doch ein wenig. Ein solches Buch würde sicherlich falsche Signale senden, wenn der Autor es zur reinen Selbstdarstellung nutzen würde. Dieses will ich Gérald nun wirklich nicht vorwerfen, aber besonders bei den besagten Briefen wäre weniger wohl mehr gewesen.
Über den in einer anderen Rezension getätigten Einwand, dass Behinderte wesentlich eingeschränkter sind, als es Gérald in seinem Buch schildert, kann ich nichts sagen, außer dass ich es mir vorstellen könnte, dass auch dieses Thema unter Umständen etwas übertrieben dargestellt wurde.
Fazit: hätte der Autor seine eigentliche Zielgruppe genauer zu erkennen gegeben, etwas weniger Selbstdarstellung betrieben und wäre er mehr auf das Zusammenleben Behinderter und Nichtbehinderter eingegangen, so wären fünf Sterne drin gewesen. So bleibt aber immer noch ein motivierendes, bewegendes Buch über einen Mann, der mit seinen harten Schicksal äußerst offensiv umgeht und sich von nichts "unterbuttern" lässt. Beeindruckend und empfehlenswert!