"Wen macht es glücklich, den status quo aufrecht zu erhalten, wenn die Liebe erloschen ist?"
"Ich habe sie geliebt" ("Je l'aimais") ist die Verfilmung des gleichnamigen Romanes von Anna Gavalda und die erste Regiearbeit der französischen Schauspielerin Zabou Breitman.
Nachdem Chloé von ihrem Mann verlassen wurde und der Situation vollkommen hilflos gegenüber steht, kommt Hilfe von unerwarteter Seite:
Ihr wortkarger Schwiegervater Pierre (Daniel Auteuil), zu dem sie nie ein herzliches Verhältnis aufbauen konnte, lädt sie und ihre beiden Töchter für einige Tage in sein Landhaus ein.
Dort kommen sich die verstörte junge Frau und der sonst eher eigenbrötlerische Mann in mittleren Jahren näher und Pierre offenbart seiner Schwiegertochter, die er schon immer sehr geschätzt hat, was er ihr jedoch nie zu zeigen vermochte, das große Geheimnis seines Lebens:
Vor Jahren begegnete er in Mathilde (Marie-Josée Croze) unerwartet der großen Liebe seines Lebens und hatte über mehrere Jahre eine außereheliche Affäre mit ihr, konnte sich aber nicht dazu entschließen, seine Frau und die Kinder zu verlassen, woraufhin Mathilde die Affäre letztlich zutiefst verletzt beendete.
Chloé ist tief berührt von der Erzählung Pierres, der sein Leben lang unter seiner damaligen Fehlentscheidung gelitten hat, und beginnt zu realisieren, daß jede Geschichte zwei Seiten hat...
Besonders gut hat mir gefallen, wie dicht sich der Film an die Romanvorlage von Anna Gavalda hält und auch, daß der großartige Daniel Auteuil nach dem meiner Meinung nach schwächeren
Mein bester Freund hier wieder einmal in einer wunderbaren Rolle zu sehen ist.
Seine Darstellung des stets kontrolliert wirkenden Pierre, der von seinen Mitmenschen als emotionsloser Eigenbrötler wahrgenommen wird, unter dessen immer bemüht kontrollierter Oberfläche es jedoch von unterdrückten Gefühlen brodelt, geht zu Herzen.
Auch die Kanadierin Marie-Josée Croze spielt die Rolle der Mathilde, die über Jahre hinweg verzeifelt auf eine Entscheidung Pierres wartet und sich solange bemüht, die "perfekte Geliebte" zu sein, bis sie die Situation letztlich einfach nicht mehr erträgt, wunderbar.
Zusätzlich zu der lebensnahen und zu Tränen rührenden Geschichte um Liebe, Pflichtgefühle, Feigheit und späte Reue kann der Film mit wunderschönen Bildern, unter anderem von Paris und Hongkong, und stimmungsvoller Musik punkten.
Eine ganz kleine Schwäche liegt für mich in der Darstellerin der Chloé in der "Rahmenhandlung".
Der Film ist sonst so subtil und alle anderen Darsteller agieren so wunderbar zurückhaltend, daß mir die ewig tränennassen Augen und Wangen, die geschwollene Nase und die erstickte Stimme der Chloé teilweise etwas zu dick aufgetragen erschienen.
Unter den vielen begabten französischen Darstellerinnen hätte man da bestimmt eine geeignetere finden können.
Dennoch ein wunderbarer, tief berührender Film, der endlich mal "die andere Seite" üblicher Dreieckskonstellationen beleuchtet und zeigt, daß das wahre Happy-End nicht zwangsläufig in der Entscheidung für die Familie und gegen die Geliebte liegen muss.
Außerdem auch ein Film, der Mut macht:
Den Verlassenen zeigt er auf, daß eine Trennung auch eine neue, bessere Chance sein kann und den Hadernden, daß ein jeder das Recht auf Fehler hat und sich das Recht nehmen sollte, diese zu korrigieren.
Mal wieder eine kleine Perle des europäischen Kinos, weitab der üblichen Hollywood-Massenproduktionen.