In dem vorliegenden Buch „Ich habe einen Liebhaber" hat die Autorin Martina Rellin
23 Frauen offen und ehrlich erzählen lassen über ihr Verhältnis zu den Männern, insbesondere aber über ihr Verhältnis zum Liebhaber, zum „ganz besonderen Mann" eben.
Ich (männlich, 48) habe jetzt jeden Abend heimlich im Bett eine von diesen
23 protokollierten Geständnissen dieser Leidenschaften gelesen, bin noch nicht einmal ganz fertig damit und weiß bereits jetzt, dass ein einmaliges Lesen nicht ausreicht, um alles Gelesene in seiner ganzen Gesamtheit und Komplexität richtig erfassen und verarbeiten zu können. Mehrmaliges Lesen ist erforderlich und einfach Pflicht!
Die betreffenden Frauen in dem Buch führen zumeist in der Regel eine mehr oder weniger gute Ehe. Und trotzdem fehlt ihnen etwas, so in etwa nach dem Motto: Eine Liebe zu einem Menschen kann ja schließlich nicht ein ganzes Leben lang halten. Immer mehr Frauen wünschen sich deshalb wieder „Schmetterlinge" im Bauch, und sie sagen ja zu einem Liebhaber, der ihr Leben fröhlich macht und ihnen viel Kraft für den Alltag gibt, auch wenn sie es vor dem Ehepartner geheim halten müssen, denn das ist ein unbedingtes Erfordernis. Vielen mögen die für eine Liebhaberbeziehung nötigen Heimlichkeiten, die immer wieder erforderlichen kleinen Lügen oder Halbwahrheiten schrecklich erscheinen, aber ohne geht es nicht. Das ist eine eherne Regel, an die sich alle Frauen, die über ihre Erlebnisse erzählt haben, halten: Du darfst deinem Mann nichts von deinem Tun sagen. Es würde ihn unnötig verletzen, man würde das eigene - durchaus manchmal vorhandene - schlechte Gewissen entlasten, aber die Sorge dem anderen aufbürden. Frauen, die mit diesem Zwiespalt nicht klarkommen, werden sich bald wieder von ihrem Liebhaber verabschieden. Armer Liebhaber!
Das Buch bietet eine unheimliche Fülle an Diskussionsstoff. Und es macht zugleich auch Mut, Mut neue Wege zu gehen, Mut den eigenen Schatten zu überspringen. Frauen, jetzt sehen wir Euch - dank dieses Buches - ganz anders, als wie wir dachten, wie ihr seid! Ihr seid ja auch nicht besser als die Männer, was das Fremdgehen angeht. Es heißt ja schließlich auch nicht ganz umsonst, dass da immer zwei dazu gehören. Und ihr seid so selbstbewusst. Alle Achtung.
Auffallend bei all den Beichten: Bestimmte Sätze in beinahe jeder Erzählung gleichen sich vom Grunde her („Ich bin es mir wert, dass ich mir meine Wünsche erfülle. Und: Ich nehme niemandem etwas weg."). Ach wirklich nicht? Ist nicht mindestens das Vertrauen in den Partner weg, wenn es rauskommt?
Und nicht nur bestimmte Sätze gleichen sich, sondern auch die Geschichten gleichen sich (Frauchen ist verheiratet, der Alltag hat die Liebe zu ihrem Ehegatten inzwischen erkalten lassen, deswegen sucht sie sich einen Geliebten, will diesen aber dennoch nicht heiraten, sondern bleibt beim ungeliebten Ehepartner). Und alle spielen mit und sind zufrieden. Friede, Freude, Eierkuchen also. Wäre da nicht das schlechte Gewissen, das manche durchaus ab und an mal zu haben scheinen.
Der all den Geschichten zugrunde liegende Gedanke („Ich nehme niemandem etwas weg, ich habe ein Recht darauf glücklich zu sein und mein Leben so zu leben, wie ich es möchte.") ist vielleicht die Argumentation, um das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen. Na dann Prost armes Unterbewusstsein, da hast Du wieder was zum Aufbewahren in Deinen tiefsten inneren Schichten. Und dort sollte das Geheimnis auch möglichst lange verborgen bleiben um uns alle in Ruhe zu lassen, schließlich haben wir ja so eigentlich schon genug Sorgen und Probleme.
Wenn man eine Geschichte gelesen hat, hat man alle gelesen. Und diese Einseitigkeit ist es dann schließlich auch, dass das Buch nur knapp an 5 Sternen vorbeigeschlittert ist.
Dennoch: Das Buch ist hochinteressant, obwohl es die Sicht der Dinge in seiner Ganzheit meines Erachtens nur sehr einseitig beleuchtet. Denn: Wo bleiben all die Frauen, die einen Geliebten haben, selbst aber nicht verheiratet sind? Die Frauen also, die meist nur ein Schattendasein an der Seite ihres Geliebten fristen, weil dieser zu Hause Frau und Kinder hat und sein wohlbehütetes Leben partout nicht aufgeben will. Und wo bleiben all die Frauen, die verheiratet sind, sich einen Liebhaber „angeschafft" haben und sich nichts sehnlicher wünschen, als sich von ihrem Ehemann zu trennen, um den Anderen zu heiraten, um „für immer und ewig" mit ihm zusammensein zu können? Nicht eine der in diesem Buch vorkommenden Frauen hat ein ernsthaftes Bedürfnis danach. Komisch eigentlich. Meiner Meinung nach sind die ausgewählten Fälle zum Thema „Ich habe einen Liebhaber" nicht repräsentativ. Das Buch dürfte für all diejenigen eine echte Bereicherung darstellen, die in ähnlichen Beziehungskrisen stecken und offen für alles Neue sind. Alles in allem ein lesenswertes Buch.
Liebe Martina Rellin!
Wann erscheint denn das am Ende des Buches angekündigte Gegenstück "Ich habe eine Geliebte"? Man(n) darf schon jetzt darauf gespannt sein.