'1934 war ein gutes Jahr für starke Mädchen.'
Was Eva Mozes Kor angeht, scheint das zu stimmen. Denn sie wurde 1934 geboren und war nicht nur ein starkes Mädchen, sondern ist auch eine der stärksten Frauen, die ich kennenlernen durfte.
Diese Stärke brauchte Eva schon als Kind, denn ihr orthodoxer jüdischer Vater wollte eigentlich einen Jungen, und ließ sie das auch spüren. Nichts konnte sie ihm recht machen, im Gegensatz zu ihrer Zwillingsschwester Miriam und ihren anderen beiden Schwestern Edit und Aliz. Aber Eva ließ sich nicht unterkriegen, gab Widerworte und sieht im Nachhinein die ständigen Dispute mit ihrem Vater als gutes Training für Auschwitz.
Ihre trotz des schwierigen Verhältnisses zum Vater glückliche Kindheit in Siebenbürgen endete viel zu früh. Nach den Gebietsverlusten an die Ungarn wurde der Einfluss der Nazis größer, bestimmten die Gesetze gegen Juden den Alltag.
'Hört auf eure Kinder, sie sind schlau, im Einklang mit ihrer Umgebung und gebrauchen ihren Instinkt.'
Als Eva 1942 im Radio hört, wie Hitler ankündigt, alle Juden töten zu wollen, drängt sie ihre Eltern, zu flüchten. Während der Onkel mit seiner Familie nach Palästina emigriert, sperrt sich Evas Mutter gegen eine Flucht, weil sie mit ihren Töchtern nicht in die Wüste ziehen und ihre Mutter nicht allein lassen will. Als sich die Familie später dann doch zur Flucht entschließt, ist es zu spät, der Fluchtversuch wird durch die Nazis vereitelt.
1944 wird die Familie nach Auschwitz deportiert.
Eva und Miriam wurden vor der Gaskammer bewahrt, weil sie durch ihre identische Kleidung als Zwillinge erkennbar waren. Und Zwillinge wurden nicht vergast, denn für sie hatte Auschwitz eine ganz besondere Tortur zu bieten. Zwillinge wurden an den Lagergott Dr. Mengele ausgeliefert, der seine perfiden und lebensgefährlichen Experimente an ihnen durchführte.
Gleich in der ersten Nacht fasst Eva den Entschluss, alles zu tun, um zu überleben. Und das tut sie auch, mit einer schier unerschöpflichen Kraft. Sie handelt instinktiv, und instinktiv macht sie alles richtig.
'Ich war nie ein gutes Opfer!'
Ihr Widerstandsgeist sorgt dafür, dass sie den harten Winter, die täglichen Injektionen und ihre schwere Krankheit übersteht, obwohl Mengele sie schon als sterbend einstufte. Selbst, als auf sie geschossen wird, passiert ihr nichts.
'Ich habe gemogelt!'
Eva Mozes Kor hat die Nazis um weitere Tote betrogen und es geschafft, sich und ihre Zwillingsschwester zu retten.
Dieses Buch sollte Schullektüre werden. Es ist spannend geschrieben, dabei weder überdramatisierend noch wehleidig, und sehr berührend. Und vor allem bietet es einen viel besseren Bezug zum Thema als ein Sachbuch, weil es von konkreten Personen handelt, in die man sich beim Lesen hineinversetzen kann. Die Lektüre wird so zu einer emotionalen Erfahrung.
Eva Mozes Kor ist eine der letzten Zeitzeuginnen, die Auschwitz überlebt haben. Deshalb hatte ich mich im Januar trotz Kälte auf den Weg in die Urania gemacht, um ihre Lesung zu hören. Es erwartete mich weit mehr, als ich gedacht hätte. Dieser Abend hat mich stark berührt und einen nachhaltigen Eindruck auf mich hinterlassen.
Auf ihrer Lesung betonte Eva Mozes Kor, dass die Zuhörenden es nicht persönlich nehmen sollten, wenn sie von 'den Deutschen' spreche, unsere Generation sei nicht gemeint. Außerdem habe sie allen Deutschen vergeben.
'Ihr Deutsche verdient es, von der Bürde befreit zu werden, die euch die Nazis auferlegt haben.'
Trotz ihrer furchtbaren Erlebnisse hat Eva Mozes Kor ihren Humor nicht verloren. Zum Beispiel wenn sie erzählt, dass sie im Lager Stricken lernte.
'Ich stricke sehr seltsam ' im Auschwitz-Stil.'
Seit 1978 hält Eva Mozes Kor Vorträge für Jugendliche. Für sie begann so eine therapeutische Erfahrung. Während sie am Anfang ihre Geschichte wie für ein kleines Mädchen erzählte, verschmolzen später das Kind und die Erwachsene in ihr.
Das ermöglichte ihr, das fast Unmögliche zu tun: Sie hat ihren Peinigern vergeben.
'Zorn ist eine Saat für den Krieg, Vergebung ist eine Saat für den Frieden.'
Die Macht, vergeben zu können, war eine Befreiung. Eva Mozes Kor hat dabei ein anderes Konzept der Vergebung: Sie wartet nicht auf eine Entschuldigung, weil das dem Täter wieder eine Machtposition einräumen würde, sondern sie vergibt vorbehaltlos, selbst wenn die Täter nicht bereuen.
Die Stärke und Resilienz dieser Frau fand ich sehr beeindruckend und zum Nachdenken anregend. Ihr Konzept der Vergebung brodelt seit diesem Abend in mir und wird mich wohl noch lange beschäftigen.
Diesem außergewöhnlichen Buch einer außergewöhnlichen Frau wünsche ich viele Leserinnen und Leser. Und falls Eva Mozes Kor bei euch in der Nähe liest ' geht hin!