Mit geradezu beängstigender Direktheit und akrobatisch-blutvollen Wortkreationen haut uns Dirk Bernemann hier die Schicksale einzelner, gebrochener (von fremder oder eigener Hand) Menschen, und eines Stieres, um die Ohren, um uns zu zeigen, wie sehr die Welt in die Brüche geht. Es gibt hier ganz extreme Figuren, mit extremen Ansichten und Vorgehensweisen, die tief unter die Haut gehen und niemanden unberührt lassen dürften. Im zweiten Teil sind es mehr die untergründigen Extreme, die hinter verschlossenen Türen stattfinden, aber nicht minder schlimm sind. So zeigt uns der Autor die andere Realität, abseits von der medialen Verblödungsmaschinerie und den gepflegten Vorgärten, kotzt sie uns vor die Füße, dass es manchmal sogar schmerzt. Und es sind nicht bloße Schlaglichter, die hier wiedergegeben werden, nein, durch einen mehr oder weniger dicken Faden, sind die einzelnen Geschichten miteinander verbunden. Entweder treten Personen, die in der vorherigen Geschichte nur eine Nebenrolle spielten, in der folgenden nochmals, dann aber verstärkt, auf oder es ist vielleicht auch nur derselbe Schauplatz aus einer anderen Perspektive. Jedenfalls lässt einen genau das nicht zur Ruhe kommen, da man auf wenigen Seiten ein Elend nach dem anderen vorgesetzt bekommt. Bernemanns Sprache mit vielen kurzen, knappen Sätzen unterstützt dieses Tempo natürlich noch. Zumindest war das mein Empfinden.
Da mich aber letztendlich nicht jede Geschichte überzeugt hat, manchmal wird ein bisschen zu stark mit Klischees gespielt, und mir auch die Gedichte am Ende des Buches nicht sehr gefallen haben, gebe ich nur 4 Sterne. Vorbehaltlos zu empfehlen ist dieses Buch zudem auch nicht. Sollten Sie z.B. Probleme haben mit Bierflaschen, die an Gesichtern zerschellen, Abtreibungen mit Stricknadeln, Obdachlosen, die völlig grundlos von einer Gruppe Idioten verprügelt werden oder ganz allgemein mit einer sehr derben, drastischen Sprache, in der auch Fäkalausdrücke *hüstel* nicht fehlen, dann gehört dieses nicht in ihr Bücherregal. Allen anderen, die vielleicht auch Sibylle Bergs Buch "Ende gut" mochten, an das fühlte ich mich zumindest ab und zu erinnert (auch wenn Bergs Sprache natürlich einen Deut harmloser ist), sollten zugreifen. Man kann es mögen oder hassen, egal wird es aber wohl den wenigsten Lesern sein.