Rainer Maria Rilkes Gedichte berühren so unmittelbar Herz und Seele dass mir manchmal schon die Tränen gekommen sind, bevor mein Verstand die Bedeutung der gelesenen Zeilen realisiert hatte. In diesem Band findet man für jeden Tag des Jahres ein Gedicht oder auch manchmal Prosaauschnitte, und ich finde, dass dem Verlag eine sehr gelungene Auswahl aus dem religiös/spirituell ausgerichteten Teil von Rilkes Werk geglückt ist. Das Buch ist in Großdruck und manche längeren Gedichte verteilen sich über mehrere Tage. Leider fehlt jegliche Quellenangabe zu den Werken aus denen zitiert wurde.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Rilkes Gedichte heute in einem christlichen Verlag erscheinen, wo er doch mit der Kirche eigentlich auf Kriegsfuß stand, da er nicht damit einverstanden war, dass sie den Weg zu Gott für sich alleine gepachtet hat. Seine direkte Verbindung zum Göttlichen jenseits aller religiösen Dogmatik spricht deshalb auch unmittelbar aus vielen der hier aufgeführten Gedichte.
Eines meiner Favoriten:
Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:
Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gieb mir Gewand.
Hinter den Dingen wachse als Brand,
dass ihre Schatten, ausgespannt,
immer mich ganz bedecken.
Lass dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muss nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.
Lass dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.
Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.
Gieb mir die Hand.