Dieses wertvolle Buch von Reshad Feild, welches mittlerweile schon zu den Klassikern der spirituellen Literatur gehört, habe ich mit großer innerer Bewegung gelesen.
Dabei war es sehr wichtig, immer wieder Pausen zu machen um das Gelesene wirken zu lassen, bzw. um selbst einige der beschriebenen Übungen zu praktizieren.
Der Bericht (wobei die Sprache und die romanhafte Umsetzung sehr ansprechend sind) beginnt in London : Reshad, ein 34 jähriger Antiquitätenhändler, der sich seit Jahren mit Meditation und Heilung beschäftigt, trifft in einem Antiquitättengeschaft Hamid, einen geheimnisvollen, weisen Türken mit dem ihn bald eine immer enger werdende Freundschaft verbindet.
Nach einigen Monaten fordert Hamid ihn auf, sein bisheriges Leben aufzugeben , alles in London loszulassen und Hamid in die Türkei nachzureisen um sich auf den WEG zu machen.
Reshad geht diesen mutigen Schritt mit der Motivation, mehr über Heilung und spirituelle Techniken zu erfahren, um mit dem gewonnenen Wissen seine Probleme zu lösen und ein erfolgreicher Lehrer der inneren Arbeit zu werden.
Doch schon bald muss er schmerzlich feststellen, dass er damit im Grunde genommen nur sein Ego "spirituell aufblähen" wollte.
In wirklich harten Übungen und Konfrontationen, die Rashid oftmals komplett überfordern, verwirren und zur Verzweifelung treiben, lernt er langsam, seine Ego- Motivationen zu erkennen und teilweise zu transformieren. Er erhält von Hamid neben den besagten Erfahrungen auch immer wieder enorm tiefes Wissen - diese zeitlose Wahrheit vermag auch den Leser zu erschüttern, zu berühren. Der Leser/die Leserin ist aufgefordert, mit sich selbst ebenfalls ins Gebet zu gehen, sich selbst zu prüfen : Was motiviert mich wirklich und wo eifere ich Zielen nach, die nur der Befriedigung, der Bequemlichkeit dienen, aber nicht der Wahrheit, nicht der Erfahrung Gottes und der Verwirklichung Seiner Liebe gewidmet sind?
Reshad beschreibt Erfahrungen von enormer Direktheit und Unmittelbarkeit; sie machen ihm unmissverständlich seine Kleinheit und sein Wissen, dass er nichts weiß, deutlich - er lernt Demut und Hingabe.
Neben den zumeist eher hart anmutenden Erfahrungen mit Hamid berichtet der Autor aber auch von anderen Begegnungen mit einigen Derwischen , welche ihn in einer unbeschreiblichen Intensität die Gegenwart Gottes fühlen lassen, auch in einer von grösster Liebe und Achtsamkeit geprägten zwischenmenschlichen Erfahrung. Erwähnt werden müssen auch die Reshad zutiefst berührenden Begegnungen mit längst verstorbenen Meistern, insbesondere mit dem weisen Mevlânâ. Reshad erlebt sufische Rituale, das Dhikr - die Erinnerung an Gott, er erlernt den Tanz der Derwische, welche in diesem Tanz die Harmonie, die immerwährende Liebe Gottes und Seine unendliche Nähe erfahren : "Gott ist dem Menschen näher als seine eigene Halsschlagader."
Wichtig ist für mich auch der wiederkehrende Hinweis darauf, dass wir mit unserem Verstand sehr begrenzt sind und das Leben ganz direkt unser Lehrmeister ist - wir also uns davor hüten sollten, dieses alte Wissen einfach nur zu konsumieren als geistig/spirituelle Erbauung. Denn dann befinden wir Menschen uns auf dem Holzweg, aber nicht auf dem WEG zu Gott, zu innerem und somit auch zu äußerem Frieden.
Am Ende des Buches spricht Reshad von seiner baldigen Rückkehr nach England - wie wird er mit diesen reichhaltigen Erfahrungen umgehen, wie wird er sie umsetzen ?
Fragen, die dazu anregen, die innere Arbeitbei in sich selbst weiterzuführen, als auch das Nachfolgebuch, "Das Siegel des Derwisch" zu lesen - auch dieses Werk kann ich jedem ans Herz legen, der an wirklicher innerer Wahrheitsfindung und spiritueller Entwicklung interessiert ist.