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Ich gehe jetzt [Taschenbuch]

Jean Echenoz , Hinrich Schmidt-Henkel , Hinrich Schmidt- Henkel
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (7 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 192 Seiten
  • Verlag: Berliner Taschenbuchverlag (2002)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442760798
  • ISBN-13: 978-3442760794
  • Größe und/oder Gewicht: 18,9 x 11,9 x 2,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (7 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.149.229 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Die Kunst des Fernsehkrimis

Jean Echenoz: «Ich gehe jetzt»

Eine leichte Lektüre – ein Buch mit einer Geschichte, die nicht mehr sein will als eben eine Geschichte. Nichts, was dem Leser grössere intellektuelle und emotionale Anstrengungen abfordert. Ab und zu lacht man vielleicht, wundert oder graust sich; am Schluss legt man es beiseite. Man kann es in der Badewanne lesen oder im Zug. Von dieser Art ist der neue Roman von Jean Echenoz. «Ich gehe jetzt» reicht im ICE ungefähr von Frankfurt nach Berlin oder für fünf Vollbäder und enthält: einen Félix Ferrer, seines Zeichens gescheiterter Künstler und Galerist mit wechselndem Erfolg; einen undurchsichtigen Baumgartner, Ferrers Widersacher; an weiblichem Personal Suzanne, Laurence, Victoire, Bérangère, Hélène, die Krankenschwester u. a. m.; ausserdem einen versteckten Schatz, eine abenteuerliche Reise, Kunst, Krankheit und jede Menge Alltäglichkeiten sowie Duft- und Aromastoffe, aber keine Konservierungsmittel. Das soll heissen, dass Echenoz den Anspruch, bleibende Kunst herzustellen, gar nicht stellt. Man darf aber annehmen, dass sich die Mischung sehr lange hält, denn sie ist viel erprobt und hat sich bewährt. Man kann ebenfalls annehmen, dass der erfahrene Romancier Jean Echenoz dieses Musketier- Rezept (schöne Frauen, Geld, Abenteuer) mit Wissen und Ironie angewandt hat. Man braucht aber eigentlich überhaupt nichts anzunehmen, denn schliesslich kommt es darauf an, was uns bei sinkender Badetemperatur weiterlesen lässt. Und das ist ganz gewiss nicht die Ironie. Und auch nicht der Prix Goncourt, den Echenoz für dieses Musterbeispiel gekonnter Leichtigkeit erhielt. Es ist: die gute alte Spannung. Wird der Böse obsiegen? Wer verbirgt sich hinter dem Namen Baumgartner? Wird Ferrer bei seiner Herzschwäche die Reise in die Arktis überstehen? Wird er den Schatz finden? Was führt Hélène im Schilde? Zugegeben, jeder Spannungshöhepunkt in diesem Buch mündet in eine Antiklimax – etwa so wie im wirklichen Leben. Ferrers Scheidungstermin verläuft sachlich und kühl, sein Herzinfarkt erstaunlich undramatisch und seine Rekonvaleszenz in einem ruhigen Krankenhaus; nicht einmal die Bergung des Schatzes ruft Exaltationen hervor.

Trotzdem gelingt es Echenoz immer wieder, die Gedanken seiner Leser zu fesseln. Immer wieder beschreibt der Roman kleine Kurven, hinter denen eine neue Wendung der Handlung vermutet werden kann. So bleibt man dabei und kommt in den Genuss der vielen hübschen marginalen Beobachtungen, zum Beispiel über die Qualität von unterschiedlichen Sitzplätzen in der Métro oder über die Kunst, grossformatige Monochrome zu verkaufen; und man amüsiert sich über die scharfe, fast karikaturistische Zeichnung der Nebenfiguren oder die wenig rührselige Schilderung gesellschaftlicher und sexueller Gepflogenheiten des bürgerlichen Pariser Kulturmilieus. Aber eine richtige Satire ist das Buch auch nicht: Dafür ist sein Protagonist ein viel zu alltäglicher Typ. Es gibt Passagen darin, die an Maupassant denken lassen; die Reise in die Arktis hat etwas von dem Irrwitz von Blaise Cendrars' «Dan Yack»; und Ferrers erotische Unternehmungen erinnern an «L'homme qui aimait les femmes», den Truffaut-Film zum Casanova-Komplex.

Man kann noch eine Menge mehr Vorbilder, Ähnlichkeiten und Zitate finden, wenn man kein Leser, sondern ein Forscher sein will. Aber Forscher werden sich über dieses Buch nur ärgern: Es gibt nicht wirklich etwas zu buddeln darin, denn die Charakterzüge, Liebschaften und Geschäfte des Félix Ferrer liegen offen und ohne Geheimnis zutage. Wir erkennen sie beim Lesen, sofort. Und die komplikationslose Sprache Echenoz', die sich eines munteren und lesbaren Konversationstons bedient, bietet auch keine analysewürdigen Überraschungen. Dass sich gelegentlich ein Erzähler von der guten alten allwissenden Sorte zu Wort meldet und kommentierend aus der Geschichte heraustritt, kennt man ja auch schon seit Diderot: «Also mir persönlich geht dieser Baumgartner so langsam auf die Nerven. Sein Alltag ist zu belanglos. Er wohnt im Hotel, telefoniert jeden Tag und besichtigt alles, was sich nicht wehrt, aber sonst ist nichts los. Da fehlt der Schwung.»

Trotz dieser halbherzigen auktorialen Werkkritik: Bewundernswert ist diese zur Perfektion gebrachte Leichtigkeit des Erzählens in Sujet und Methode allemal. Es ist eine Leichtigkeit, die Hirn und Herz des Publikums gleichermassen schont. Wenn Ferrer an seinem Herzinfarkt gestorben wäre, wäre dem Leser der Abschied nicht schwer geworden. Der Mann ist nicht besonders nett, aber auch nicht wirklich garstig; dabei ziemlich egoistisch und emotional absolut unterentwickelt: Der Umgang mit Frauen ist ihm hauptsächlich als Routinehandlung nach Restaurantbesuchen anlässlich des letzten gemeinsamen Glases in ihrer Wohnung geläufig.

In gewisser Weise ist dieser Ferrer natürlich monströs. Und wenn man über ihn nachdenkt – wie man eben in der Badewanne über jemanden nachdenkt, der einem irgendwann einmal vorgestellt wurde –, merkt man, dass er das vielfach bekannte windschlüpfige Modell des Zeitgenossen aus einem Werbespot für Kreditkarten oder Ähnliches variiert. Ist Félix (was immerhin «der Glückliche» bedeutet) Ferrer also doch – ein Bedeutungsträger? Eine Symbolfigur für die Erfolgsorientiertheit und Beziehungslosigkeit der Jahrtausendwende? Ein aus lauter Äusserlichkeit bestehendes Mannswesen, an dessen Innenleben nur der Bypass von Interesse ist?

Aufgewertet als Romanfigur wird Félix durch seinen Widersacher; ohne diesen, der so viele Kapitel lang auf der Lauer liegt, wäre der ganze Roman ohnehin für die Katz. Mit dem Widersacher muss sich der Held, so will es die Tradition, beim Showdown messen. Im Buch treffen sich Ferrer und Baumgartner, good guy und bad guy, wie es sich gehört, schliesslich Auge in Auge. Und wenn ich jetzt noch weitererzähle, wird man das Buch zwar zu Ende lesen wollen, aber die Spannung – wäre dahin. Und das wäre schade, auch wenn man längst weiss, dass Félix Ferrer kein Alpha-Männchen ist. Übrigens gibt es in diesem Buch auch einen Mord, und zwar ungefähr auf der Höhe von Hannover oder beim dritten Vollbad. «Das ist doch so was von banal», argumentiert das Mordopfer verzweifelt, «in jedem blöden Fernsehkrimi werden Leute so umgebracht, das ist wirklich nicht originell.» Und der Mörder räumt ein: «. . . ich bin eben von Fernsehkrimis beeinflusst. Der Fernsehkrimi ist eine Kunst wie jede andere. Egal, jetzt reicht's.» Spricht's und mordet. Woraus folgt, dass nicht einmal ein gewisses Quantum ästhetischer Reflektiertheit in dieser so gelungen leichten Geschichte irgendwelchen Schaden anrichten kann.

Katharina Döbler -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.08.2000
Rezensent Eberhard Rathgeb nennt erstmal ein paar Gründe, weswegen man die neue Geschichte des Prix-Goncourt-Preisträgers Echenoz mit etwas Spannung erwarten konnten. Doch die Art und Weise, wie Rathgeb dann die Geschichte des Galeristen erzählt, der ganz offenbar die Hauptfigur des Romans ist, lassen den Rückschluss zu, dass sich der Rezensent weder für dessen Eskapaden noch für den Roman selbst, erwärmen kann. Böse Worte, wie "kunsthandwerkliche Kälte" fallen. Aber für einen saftigen Verriß hat das Buch ihn wohl nicht genügend interessiert.

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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Kundenrezensionen

Die hilfreichsten Kundenrezensionen
4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Leserin
Format:Gebundene Ausgabe
In "Ich gehe jetzt" lernt der Leser den leicht angegrauten Galeristen Ferrer kennen, der sich, wie es scheint, noch einmal auf den Weg macht, um Teil eines umfassenden Abenteuers zu werden. Doch die Reisen, die Ferrer ins Packeis, zu den Frauen, nach Spanien und zu sich selbst unternimmt, sind weder wirklich abenteuerlich, noch kommt Ferrer bei einer von ihnen durch bis zum Ziel. Jedes Mal, wenn er die Chance bekommt, sich auf Menschen und Orte einzulassen, kehrt er um und nimmt stets nur die Hälfte aus der Begegnung mit sich zurück.

Spiegelbildlich ist das Lesegefühl bei "Ich gehe jetzt": man begleitet Herrn Ferrer, kommt aber nie in Gefahr, durch ihn und das Geschehen im Inneren berührt zu werden. Die Geschichte seiner Reisen plätschert nett und amüsant - niemals langweilig - vor sich hin, und der Leser spaziert am Rand in gemütlichem Tempo mit, bis die Geschichte erzählt ist, das Buch zugeklappt und ins Regal gestellt werden kann.

Ich bewerte die Geschichte mit vier Sternen, weil sie sprachlich gut gemacht ist, weil sie kurzweilig ist und gut verteilt schöne Metaphern und Ideen entwickelt. Ich habe mich bei keiner Seite gelangweilt. Für den Prix Goncourt qualifiziert sich der Roman aus meiner Sicht nicht, sehr wohl jedoch für fünf Stunden Lesevergnügen.
War diese Rezension für Sie hilfreich?
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Wie ein franzüscher Film 14. Dezember 2007
Format:Taschenbuch
der in schönen Bildern Geschichten erzählt die einerseits banal andererseits fesselnd und irgendwie abgründig sind.
War diese Rezension für Sie hilfreich?
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Heike Geilen HALL OF FAME REZENSENT TOP 50 REZENSENT VINE™-PRODUKTTESTER
Format:Gebundene Ausgabe
1999 erhielt Jean Echenoz für "Ich gehe jetzt" den bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs, den Prix Goncourt.

Jean Echenoz erzählt aus dem Leben eines Galeristen, der eines Abends, an einem Sonntag im Januar, seine Frau nach fünf gemeinsamen Jahren verlässt:

Auf nur 180 Seiten erlebt der Kunsthändler Ferrer nicht nur das Ende seiner Ehe, sondern den kompletten Wegfall seines gewohnten Alltags.
Die Galerie, die er zusammen mit seinem Assistenten Delahaye betreibt, läuft schlecht. Angesteckt von der Neugierde Delahayes, der sicher ist, den Platz eines gesunkenen Schiffes zu kennen, reist er nach dessen Tod in die Arktis. "Hier passiert nicht viel, vor allem sonntags, wenn sich drei Faktoren eng miteinander verknüpfen, einander zum höchstmöglichen Wirkungsgrad potenzierend: Langeweile, Stille, Kälte." (Echenoz parodiert u. a. einen Mythos, die Geschichte von der Faszination des Nordens.)
Dank seiner Hartnäckigkeit gelingt es Ferrer den Schatz auf dem vermissten Schiff Nechilik in Port Radium zu bergen. Doch die Freude an den Antiquitäten währt nicht lange. Ferrer wird ausgeraubt. Nun gewinnt Ferrers Leben an unglaublicher Geschwindigkeit. Nicht ganz unschuldig daran sind seine zahlreichen Frauengeschichten.
Und als Ferrer am Ende, nach einem Jahr, wieder einmal konstatiert "Ich gehe", hat man nicht nur vieles über die hundertfünfzig Worte erfahren, "mit denen auf Iglulik der Schnee bezeichnet wird", man hat sich auch ausgezeichnet unterhalten - auf eine einfache, unaufdringliche, nicht bemühte Weise.

Der Stil des Buches - zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig - ist den Klassikern angelehnt: der Erzähler "verbündet" sich mit dem Leser, spricht ihn direkt an, macht Andeutungen über zukünftige Ereignisse, fast im Plauderton, auf jeden Fall leicht zu lesen
Anfangs springt Jean Echenoz Kapitelweise zwischen Ferrers Expedition in die Arktis und der Vorgeschichte dazu hin und her, danach zwischen den beiden Handlungssträngen, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln Ferrers und Baumgartners (seinem Widersacher) ergeben. Außerdem wechselt er immer wieder zwischen Präsens und Imperfekt, mitunter sogar im selben Satz.

Gleichgültig, ob es sich um Rückblenden und Zeitsprünge oder einen geraden Erzählfluss, der plötzlich Untiefen preisgibt, handelt, Echenoz setzt alle diese Stilelemente mit großer Bravour ein.
Leicht und poetisch erzählt, humorvoll, manchmal satirisch, sind Abenteuer, Liebeleien und Gaunerei miteinander verknüpft.
Und trotzdem wird man als Leser unauffällig, lässig und systematisch in die Irre geführt. Es ist ein Spiel - ein ziemlich tückisches - denn die Regeln kennt nur er.

Echenoz beherrscht die Kunst des Verwirrspiels virtuos, er hat einen kalten Humor und eine ganz eigene Sprache. Die scheinbar schwerelos dahingleitende Prosa steckt voller Widerhaken.

Das Buch ist in Deutschland sehr zwiespältig aufgenommen worden, Befund: "zu französisch, so lala." Doch vielleicht verfügen gerade die Franzosen über bessere Antennen für die Ironie und das unbeschwert Spielerische in "Ich gehe jetzt".
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