In seinem Buch "Ich fühle, also bin ich" knüpft der Autor, Antonio Damasio an seine Erkenntnisse an, die er im vorangegangenen Werk "Descartes' Irrtum" dargelegt hat. Sein Hauptaugenmerk gilt der Entstehung des (Selbst-)Bewusstseins. In insgesamt elf Kapiteln nähert sich Damasio dieser Fragestellung, wobei Aspekten der neurologischen Anatomie, dem Entstehen von Emotionen und insbesondere den Rollen von Sprache und Körper bei der Bewusstseinsgenerierung eine große Bedeutung zukommt. Ergänzend kommt ein 20-seitiges Glossar hinzu, in welchem die wichtigsten Termini des Buches (wie z.B. Kartierung, Objektrepräsentanz, Kernbewusstsein etc.) definiert werden. Ein ausgesprochen ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis und ein Sachregister schließen sich an. Unerfreulich sind die leider häufigen orthographischen Fehler, die eventuell aus einer nachlässigen Übersetzung resultieren.
Bei seinen Überlegungen geht Damasio von neurologischen Pathologien aus - aus den hieraus resultierenden Dysfunktionen leitet er die anteiligen Aufgaben einzelner Hirnbereiche bei der Enstehung von Bewusstsein ab. Weitestgehend unberücksichtigt lässt der Autor Psychopathologien. So werden z. B. aktuelle Erkenntnisse aus der psychologischen Traumaforschung nicht einbezogen. Überhaupt scheint der Autor gewisse Vorbehalte gegenüber der vergleichsweise "weichen" Wissenschaft Psychologie zu haben. Lediglich Freud und Jung finden als grundlegende Vertreter zweimal Erwähnung. Weitere Exkursionen in diese wichtige Nachbardisziplin gibt es kaum - die wenigen vorhandenen Bezüge sind zudem m. E. nicht hinreichend genau recherchiert. Das ist schade, zumal man doch von einem Neurologen dieses Formats erwarten kann, dass er in der Lage ist, über den eigenen Tellerrand zu blicken.
Abgesehen von diesem Manko berücksichtigt das Buch eine breite Palette wissenschaftlicher Erkenntnisse. Damasio nähert sich seinem Thema konsequent - seine Erklärungen sind allgemein verständlich. Die einzelnen Kapitel bauen aufeinander auf. Die Inhalte der Kapitel 5 bis 8 erscheinen daher etwas redundant, jedoch werden ausgehend von den Ergebnissen des jeweils vorangegangenen Kapitels sehr schlüssig neue Aspekte angeführt. Ein "roter Faden" ist somit immer gegeben.
Insgesamt habe ich "Ich fühle, also bin ich" als eine Bereicherung empfunden. Dem Autor gelingt es, ungeachtet der philosophischen Vorbelastung seines Themas in vielen Bereichen Klarheit zu schaffen - auf eine philosophisch-romantische Verklärung der Thematik wird erfreulicherweise verzichtet. Die Entstehung von Bewusstsein sowie dessen Rolle in der Evolution kann der Autor aus einer bis dato völlig neuen Perspektive darstellen. Dennoch muss er zugestehen, dass noch viele Fragen der Bewusstseinsforschung offen bleiben. Auf das nächste Buch von Antonio Damasio darf man sich also freuen.