Als Lehrerin Thea schuldlos einen Verkehrsunfall baut, bei dem ein Schüler ums Leben kommt, stirbt auch etwas in ihr. Sie zieht sich traumatisiert in sich selbst zurück. Nach drei Jahren ist ihre Ehe gescheitert, sie hat ihren Job gekündigt und kommt mit den Einkünften aus ihrem Kiosk über die Runden. Sie hat sich ihre eigene innere Insel geschaffen, die zum Schuldgefängnis wird, in dem sie unschuldig einsitzt. Die Wärter heißen Depression, Trauer und Angst: Drei Befindlichkeiten, die Ulrike Folkerts als Hauptfigur über 80 Minuten des Fernsehfilms mit grimmiger Miene gekonnt zur Schau stellt. Sie sagt: Ich bin gerne alleine." Und man nimmt es ihr sogar ab. Wer ihr zu nahe kommt, den weist sie zurück, weil sie nicht anders kann. Auch als Rosa, ein übergewichtiges 10-jähriges Mädchen, in ihr Leben stampft und gehörig am Gefängnisgitter rüttelt, wehrt Thea jede Annäherung ab. Es scheint nicht so, als könne sie ihre Krise bewältigen und ihre Scheurose" überwinden, weil sie den Lebensmut verloren hat und keine Kraft hat für einen Neuanfang. Doch Rosa lässt nicht locker, bis Thea sich für das von der Mutter vernachlässigte Mädchen verantwortlich fühlt. Das dicke Kind, das von Mitschülern verspottet wird, seinen Frust mit Süßigkeiten betäubt und vom Ballettunterricht träumt, wird zur Komplizin in Sachen "Gefängnisausbruch". Alles scheint gut zu werden. Doch als Thea beinahe das gleiche Trauma nochmal erleben muss, besteht die Gefahr, dass sie lebenslänglich auf ihrer einsamen Insel festsitzt, wo sie mehr existiert als richtig zu leben. Sie droht endgültig zu zerbrechen.
Die Darstellung ihres Gefühlsdilemmas gelingt auf visuell einfallsreiche wie eindringliche Art und Weise. Nie kitschig, aber stets sensibel inszeniert Gregor Schnitzler, der sowohl im Krimi und in der Komödie, als auch im Katastrophenfilm (Die Wolke) zu Hause ist, dieses einfühlsame Drama. Der Zuschauer vollführt dabei eine Gradwanderung zwischen Mitgefühl und Unverständnis gegenüber Thea, der so verhärmten Protagonistin, die sich nur selbst retten kann. Auch seine zweite gewichtige Hauptfigur, Rosa, die in pinkfarbenen Tutu urkomisch aussieht, behandelt der virtuose Regisseur mit Respekt und gibt sie nie der Lächerlichkeit preis. Auch wenn sie versucht, grazile Sprünge zu vollziehen, die den Parkettboden des Tanzsaales erschüttern lassen, bleibt sie keine peinliche Lachnummer, sondern ein dreidimensionaler Charakter, der von Tülin Karaca überzeugend dargestellt wird.
Kein großes Leinwand-Kino, aber ein gefühlsechtes Fernsehspiel, das aus dem seichten Einheitsbrei des TV-Programms wohltuend hervorsticht und akute Probleme wie Adipositas und psychische Konflikte behandelt, ohne ein typischer Problemfilm zu sein. Was sich wie schwere Kost anhört, wird wunderbar leicht serviert, ohne dadurch an Niveau zu verlieren. Anschauen!