Was bringen Seminare für Kreatives Schreiben? Eigentlich nichts -- so dachte man. Nun aber lehrt uns ein neuer Erzählband von David Sedaris, dass Seminare für Kreatives Schreiben uns Lesern zumindest etwas bringen: Die Geschichte
Die Lernkurve nämlich, in der ein "Mr. Sedaris" von seinen Erfahrungen als Dozent eben eines solchen Kurses berichtet. "Aufgrund eines schrecklichen Mißverständnisses" der Universitätsverwaltung plötzlich an eine Horde Schreibhungriger geraten, bringt der ehemalige Kunststudent ihnen (und uns) in entlarvendem Dilettantismus bei, dass Seminare für Kreatives Schreiben eigentlich gar nichts bringen -- außer, wenn man darüber derart komisch wie Sedaris schreibt.
Wie Nackt oder Fuselfieber, so enthält auch Ich ein Tag sprechen hübsch zahlreiche weitere skurrile Fallbeispiele aus Sedaris' Vergangenheit, darunter solche über katastrophische Sprachtherapien und erste Akterfahrungen -- oder jene ebenfalls (angeblich?) autobiografische Erzählung vom jazzfanatischen Vater und seinem aberwitzigen Plan, das "Zwergentalent" seiner Familie zu Dave-Brubeck-Qualitäten aufzublasen. Und dann gibt es da noch die herrliche Titelgeschichte über die verzweifelten Versuche eines Amerikaners in Paris, der im Alter von 41 Jahren wieder die Schulbank drückt und sich mit der Landessprache sowie den grausamen Erziehungsmethoden seiner Lehrerin herumschlagen muss: Ich ein Tag sprechen hübsch. Da darf man unumwunden sagen, dass dieser Tag für Mr. Sedaris längst gekommen ist. Denn hübsch schreiben, das hat er wieder einmal bewiesen, kann er allemal.
"Für wen... verdammte Scheiße noch mal... halten Sie sich?", fragt eine vom Unterricht entsetzte Studentin ihren Lehrer für Kreatives Schreiben im Buch. Und man möchte ihr antworten, wofür man ihn selber hält: für einen der witzigsten Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur. --Thomas Köster
Noch ein Amerikaner in Paris
David Sedaris setzt seinen Lebensbericht fort
Berühmt wurde David Sedaris hierzulande 1999 mit seinem Buch «Nackt», einem Roman in autobiographischen Geschichten. Der Erzähler verstand es, so leichthin wie hintersinnig vom amerikanischen Alltag und Albtraum zu plaudern; die bisweilen drastischen Episoden verrieten einen Beobachter mit untrüglichem Blick fürs groteske Detail und einen scharfzüngigen Aussenseiter. Ähnlich wie bei seinem deutschen Kollegen Max Goldt, der wie er als Radiokolumnist einem breiten Publikum bekannt wurde, ging es mehr um den Sound als um die Sache.
Nun ist ein neues Buch von Sedaris erschienen, nach «Nackt», «Holidays On Ice» und «Fuselfieber», dem nachgereichten Erstling, sein viertes in deutscher Sprache. Erwartungsgemäss setzt es den Lebensbericht in tolldreisten Geschichten fort. Dennoch ist es ein heterogenes Gebilde. Im ersten Teil kehrt der Autor nochmals zu seiner Kindheit und Jugend zurück: ins Panoptikum seiner pubertären Nöte, aber auch ins Tohuwabohu seiner unmöglichen, dabei auf verquere Art liebenswerten Familie. Es darf wiederum gelacht werden: wenn der lispelnde kleine David seine Logopädin mit Sätzen ohne S zu überlisten trachtet, wenn der mit griechischer Musik («ein Oxymoron») aufgewachsene und gleichwohl jazzbegeisterte Vater aus seiner Familie à tout prix eine Two-Generations-of-Brubeck-Band formen will oder wenn er ausrechnet, wie viel ein einzelnes Sandkorn heute wert ist, nachdem 1962 ein Morgen Bauland 12 000 Dollar gekostet hat; wenn David, nunmehr Student, sich mit Speed voll pumpt und Objektkünstler wird oder wenn er in diversen odd jobs eine hinreissend komische Figur macht, nicht nur, wie bereits in den früheren Bänden, als Möbelpacker oder bei der Putztruppe, sondern auch als Dozent für kreatives Schreiben.
Selbstironie
Sedaris' Geheimnis sind Präzision, Leichtfüssigkeit, Tempo, seine captatio benevolentiae ist die konsequent durchgehaltene, dabei nie zur Pose erstarrte Selbstironie. Dennoch sind die Geschichten dieses ersten Teils zweite Wahl. Sie handeln Themen und Episoden ab, die in «Nackt» und «Fuselfieber» wohl aus kompositorischen Gründen keine Aufnahme fanden, aber sie verweben sie nicht wie dort in ein zugleich komisches und unheimliches Gesamtbild, sondern behandeln sie anekdotisch und rhapsodisch. Das Lispeln ist nur in der Lispelgeschichte ein Thema, der Jazz als Tonspur des familiären Lebens nur in diesem einen Kapitel präsent. Homosexualität, Haustiere, Nouvelle Cuisine, EDV-Abenteuer: Alles wird säuberlich einzeln verpackt. Damit aber droht Sedaris in eine Falle des Genres zu tappen. «I don't go for stuff that's funny», hatte er anlässlich von «Nackt» und zu Recht noch behauptet. Nun aber, wo der Stoff so zugerüstet ist und die Übertreibung zum dominanten Stilmittel wird, hört man die dramaturgische Maschine klappern, und der Humor droht ins Pläsierliche zu gleiten.
Neuland betritt Sedaris im zweiten Teil seines Buches. «Deux» spielt in Paris und in der Normandie. Der Autor ist mit Hugh, seinem Lebensgefährten, hierhin geflohen, weil in seiner unmittelbaren New Yorker Nachbarschaft gerade ein Wolkenkratzer hochgezogen wird. Die 14 feuilletonistischen Skizzen schildern die mannigfachen Schwierigkeiten, Französisch zu lernen und sich der französischen Lebensart anzupassen. Der Autor müht sich redlich ab, unter der Fuchtel seiner unmöglichen Lehrerin eine Sprache zu erobern, in der aus für ihn unerfindlichen Gründen die Hühner männlich sind und die Männlichkeit weiblich, die Niagarafälle weiblich und der Grand Canyon männlich.
Souveräne Slapsticks
Vor allem aber versucht er, den mitgebrachten und ihm schmerzlich bewussten Amerikozentrismus durch Nachdenken zu überwinden. Hier, wo Sedaris mit neugierigem Blick die feinen Unterschiede der scheinbar ohne weiteres kompatiblen Kulturen kommentiert, ergeben sich die besten Momente des Buches. Szenen wie diejenige, in der Hugh und David von einem biederen amerikanischen Ehepaar in der Metro für typische Pariser Taschendiebe gehalten werden, sind souveräne Slapsticks. Charmant ist auch die Hommage an die kleinen Pariser Kinos, in denen David alle seine alten Lieblingsfilme wiederfindet, während in den USA die Videoindustrie das Programmkino längst ausgelöscht hat. Im täglich aufgesuchten verdunkelten Saal kann er sich auch etwas erholen, weil er sich mit dem Satz «Einmal, bitte» den Zutritt zu zwei Stunden Muttersprache verschafft und sich nicht mit Formulierungen wie «Ich möchte mich herzlich für dieses üppige Mahl bedanken» plagen muss.
Man liest diese lockeren Betrachtungen mit Amusement vor allem weil Sedaris so wunderbar unangestrengt schreibt , und als Reiseskizzen für ein in puncto Fronkreisch wenig vorbelastetes Publikum sind sie gewiss nicht zu verachten. Im über mehrere Bücher aufgefächerten Lebensbericht bilden sie jedoch nicht mehr als ein Intermezzo; vielleicht wird man sie später einmal als Werk des Übergangs einordnen. Es steht indes zu hoffen, dass der Autor sich nicht dauerhaft auf dieses luftige Genre kapriziert. Zweifellos: Er beherrscht es. Aber es unterfordert ihn.
Manfred Papst
David Sedaris liest am 14. Juli um 20 Uhr 30 in der Buchhandlung Orell Füssli, Bahnhofstrasse 70, in Zürich.