Ich bin durch reinen Zufall auf dieses Buch gestoßen, als ich zum "Mann mit der Eisernen Maske" recherchierte (es kam mir so vor, als würde darin auf Geschehen und Personen Bezug genommen, die schon vorher vorgekommen waren - sprich, als sei das Buch unvollständig; ich wollte wissen, wo ich die Vorgeschichte lesen könnte) und in einem Nebensatz las, daß D'Artagnan ein historisches Vorbild hatte. Ich war zunächst verblüfft, daß ich davon nie etwas gehört hatte - aber vielleicht ja gerade wegen der Beliebtheit und Allgegenwart der Romane von Dumas und der Verfilmungen. Ich hatte die immer für komplett ausgedacht gehalten. Bei der Recherche nach dem historischen D'Artagnan fand ich nun dieses Buch, das ich mir sofort kaufen mußte. Ich bin Übersetzer und Verlag sehr dankbar, ersterem, daß er das Buch 1919 erstmals auf Deutsch bekannt machte, letzterem, daß er es 1994 erneut herausgab. Denn wenn auch die Erzählweise ganz anders ist als die von Dumas, und eher einzelne Episoden aneinandergereiht werden als ein dramaturgischer Spannungsbogen gehalten, gefällt mir dieses Buch mit seiner Verquickung von "Kriegs- und Liebeshändeln" sehr gut - es ist nicht der erste Roman aus der Barockzeit, den ich lese, Erzählweise etc. können mich also nicht schocken. Und es ist nicht der schlechteste. Dem Übersetzer würde ich gern danken, daß er die barocke Sprache in ein flüssiges, gut zu lesendes Deutsch verwandelt und vor allem dafür, daß er die Liebesabenteuer nicht zensiert hat. Schade finde ich dennoch, daß er den Roman stark gekürzt und nur bestimmte Episoden ausgewählt hat und, auch wenn das widersprüchlich klingt, daß er die barocke Diktion (wie er selbst in seinem Nachwort schreibt) nicht mehr beibehalten, sondern sehr stark beschnitten hat. Ich hätte doch gern die Chance, ein mehr dem Original ähnliches Buch zu lesen, auch wenn (laut Übersetzer) so manches Langweilige drin stünde und ich mich durch Bandwurmsätze quälen müßte. Deshalb auch der eine Punkt Abzug. Am besten wäre es vermutlich, wenn es beides gäbe - das ungekürzte Original und diese zugegebenermaßen gut zu lesende und vergnügliche Bearbeitung. Leider kann ich nicht gut genug Französisch, um selbst das ungefilterte Original zu lesen. Interessant übrigens auch zu sehen, was Dumas übernommen hat, und was er selbst daraus gemacht hat. Und außerdem habe ich nun noch gelernt, daß es Athos, Porthos und Aramis auch wirklich gab! Ob sie sich das hätten träumen lassen, daß sie eines Tages mindestens so berühmt sein würden wie Ludwig XIV.?