Es ist eines der wichtigsten Bücher der letzten Zeit. Rainer Langhans (RL) beschreibt schonungslos offen und authentisch, wie er sein Leben, die radikalen 68-er und seine Beziehungen erlebt(e). Der Vater ein Dandy und Lebemann, seine Mutter eine duldende, liebevolle Erzieherin. Beide stecken den 14-jährigen in ein Internat der Herrenhuder Brüder Gemeinde. Er entwickelt dort Sensibilität und Feingefühl, seine Kirche ist Natur und Wald eher als stumpfsinnige, sich ewig wiederholende Litaneien. Als Gegenentwurf zu dieser Welt wird er Fähnrich bei der Bundeswehr, um danach einen noch radikaleren Entwurf zu leben. Er will mit anderen in der Kommune I die Welt über das Private befreien, während die Radikaleren der 68-er den Kampf suchen. RL sucht den inneren Kampf.
RL trägt schwer an der Trennung von seiner ersten Partnerin und stürzt sich in die Wirrungen des SDS und der aufkommenden Kommunen. Als Medientyp und gutaussehender Lover wird er zur Ikone und seine Beschreibungen von Uschi Obermeier bzw. sein Verhältnis zu ihr sollte jeder lesen. Als Protoyp eines Sexualverhaltens, das eher auf Körperlichkeit und Gewalt, auf das schnellfertig angelegt ist. RL versuchte, Uschi Obermeier für die andere, die wahre Dimension der Liebe zu sensibilisieren. Sie jedoch benutzte ihn u.a. dafür, um als gelerntes Groupie mit vielen Rock-Größen der Welt flach zu liegen, sie zu erobern. Sein Verhältnis zu Uschi Obermeier bleibt für mich im seltsam Ungelösten, es sind zwei Gegensätze des Sexuellen generell: der zärtlich Liebende und die schnell Abenteuer suchende. RL gelingt es möglicherweise nicht, beide Pole auszugleichen, mit ihnen zu jonglieren.
Im Grunde ist die Welt der 68er nur eine Bühne, ein Encounter-Room für RL, um zu sich zu finden, sein wahres, inneres Leben zu entdecken. Er probiert sich aus, man erfährt alles über Zusammenhänge damals in Berlin, über Drogen, Geschichtchen und Sex. RL ist der Sensible, möglicherweise Verletzte und probiert über freie Liebe eine neue Form des Zueinanderfindens jenseits von bürgerlicher Eifersucht und Spießertum. Ob es ihm wirklich gelungen ist? Ich habe meine Zweifel, dass die polygame Lebensweise besser sei als die monogame. Aber in jedem Fall sind seine Gedanken mehr als lesenswert. Ein Mensch auf der Suche nach Liebe, nach sich selbst.
Seine Geschichte der Selbstfindung über einen nicht näher genannten Meister ist spannend, aber doch am wenigsten passend zu einem Zögling einer Herrenhuder Gemeinde. Und doch, die Ergebnisse sind mehr als interessant: "Erleuchtung wäre dann: Du bist unmittelbar, ohne Überlegung, ohne Nachhängen irgendeiner Abteilung, in der Gegenwart. Das ist aber eher selten."
RL zog in den 70ern in seine "Münchner Mönchszelle", ein 29qm-Einraumapartement, in dem er heute noch lebt. "Es ist eigentlich nur 1 Zimmer, mit einem Bett und einem Fernseher, alles ganz in weiß. Da hängt eine nackte Glühbirne, die direkt in meine Bücher hineinleuchtet, wenn ich lese. Viel mehr brauche ich gar nicht." RL lebt ein äußeres, ärmliches Leben, in München ist er im Exil, Bayern ist für ihn das Tibet Deutschlands, er wächst innerlich, bleibt jung, liebt. Schwabing ist für ihn ein Dorf in der Großstadt, überschaubar, persönlich.
RL möchte in seinem Zusammenleben mit dem Harem (5 Frauen) kein Guru sein, er distanziert sich im Grunde von seinem Meister, er postuliert das Schülertum, das Lernen: "In der Kommune waren wir die Stars, macht es uns nach die Botschaft. In der Zeit haben wir unsere eigene Entwicklung vernachlässigt." Im heutigen Zusammenleben mit seinen 5 Frauen ist er der verfügbare (nicht-macho) Mann, sondern ein liebevoller, zärtlicher, einfühlsamer un-männlicher Partner, der nicht dem Samenerguss frönt, sondern ganz langsam allem feinstofflichen und liebevollem huldigt, was davor, darüber und darunter liegt. "Die Frauen sind daran interessiert, dass Männer sie nicht mehr einschränken können."
RL sagt selbst, dass der Begriff "Harem" ein medientechnischer, polarisierender ist. Was er im Kern möchte, ist dies: "Es gibt sehr viel mehr Frauen als Männer. Und es gibt dieses Bedürfnis und die Erfahrung, dass es besser ist, in einer Gruppe alt zu werden." Seine Sinnsuche beschreibt er so: "Das unterscheidet mich von den Berufsjugendlichen, wie es viele 68er sind. Ich möchte nicht jung bleiben, ich möchte jung werden...Und im Alter kann ich jetzt endlich jung sein. Nachdem ich in meiner Jugend alt sein musste."
Das Buch wurde von RL auf ein Tonband gesprochen und in vielen Teilen so authentisch wie möglich belassen, eine ganz eigene, direkte, unverblümte Sprache. Schöne Bilder in der Mitte und ein Anhang mit Tagebuchauszügen sowie Originalbriefen. Ich empfehle dieses Buch jüngeren ebenso wie älteren Menschen. Hätte sich doch RL damals mit seiner Kommune durchsetzen können! Vieles wäre liebevoller und menschlicher gewesen, dies ist gewiss!
Es steht im Buch nichts darüber, aber es deckt sich mit meinen Erfahrungen. RL sagte, dass sich die Community-Internetentwicklung im Grunde deckt mit den angestrebten Zielen der Kommune I: miteinander in Liebe, in Kooperation und Mitgefühl agieren. Die Instrumente sind da und es liegt an uns, sie zu nutzen.