Ob nun "Ich bin ein Wolf" wirklich ein Kinderbuch ist, werden letzten Endes wohl die Kinder entscheiden. Es ist auf jeden Fall genauso für Erwachsene geeignet und versteht es auf ungewöhnliche, mit dem Schrecken spaßende und manchmal lustige Art, mit gewohnten Rollenmustern zu brechen.
Wer immer nur in den gewohnten Denkkategorien sein Gegenüber betrachtet, wird diesem wohl nicht immer gerecht werden. Man nimmt ihm die Chance zur Veränderung und lässt alles beim Alten bleiben...
Kristina Andres hat in dem Buch dem Wolf mal eine ganz neue Rolle geschenkt: Er ist sozusagen der Überrascher. Nicht nur in der Wortwahl, sondern auch in den Zeichnungen wird das Unmögliche möglich. Der Wolf wird sympathisch, talentiert und vermag auch ganz menschliche Züge zu bekommen.
Soll man Kinder wirklich den Glauben nehmen, dass es Gut und Böse gibt; oder soll man sie vielmehr anhalten, differenzierter wahrzunehmen, unterschiedliche Rollen zu begreifen und immer auch das Menschliche zu sehen, wo scheinbar Unmenschliches überwiegt?
Ja, man darf dies den Kindern zutrauen und zumuten, wenn sie denn vorher Kontraste kennengelernt haben. Wer Tag und Nacht kennt, wird die Dämmerung anders wahrnehmen...
Gerade im Grundschulbereich halte ich das Buch für gut einsetzbar; aber noch mehr in höheren Klassen und in der Erwachsenenbildung, wenn es beispielsweise um bewußte Wahrnehmung, Rollenklischees und Konfliktbearbeitung geht.
Die Zeichnungen sind sehr frisch gehalten und wirken durch ihre Überraschungsmomente, den Farbkontrast und die häufig verwendeten Miniaturen.
Die variabel eingesetzten Schrifttypen, -formen und -größen im kurzen, klaren Text unterstreichen die Aussagen der Bilder. Damit wird die Lektüre ein gelungenes Wechselbad der Gefühle, dessen Ausgang man sich im Traum nicht vorgestellt hat...