"Meine Geschichte ist, dass ich noch nicht einmal dreißig bin, aber das Gefühl habe, als hätte ich schon vier verschiedene Leben gelebt. In meinem ersten Lebe wohnte ich zu Hause in Guthrie, Oklahoma, und gründete schließlich mit Brandi eine eigene Familie. Mein zweites Leben umfasst die achtzehn Monate im Ausbildungslager und im Irak. In meinem dritten Leben desertierte ich aus der U.S. Army versteckte mich vierzehn Monate lang in Philadelphia und schlich im Schutz der Dunkelheit von einer billigen Absteige zur nächsten. In meinem jetzigen Leben wohne ich mit meiner Frau und meinen Kindern in einem neuen Land und warte ab, ob die kanadischen Gerichte uns Asyl gewähren werden."
Aufgrund seiner Desertion und mangels einer Amnestie war Joshua Key gezwungen sein lange Zeit in Ehren gehaltenes Heimatland zu verlassen und ist nun amerikanischer Asylwerber in Kanada. Politisches Asyl wegen Gefahr auf Verfolgung in der eigenen Heimat verliehen zu bekommen, ist nun sein Ziel, denn soweit sind die USA schon. Gerade die Töchter und Söhne der Unterschichten müssen im Krieg, an Schauplätzen wie den Irak oder Afghanistan ihr Leben für undurchsichtige Ziele einsetzen, die sich seit 2003 bereits mehrmals geändert haben. Folterskandale erschütterten die Weltöffentlichkeit, doch das Image der USA war zu diesem Zeitpunkt bereits erheblich geschädigt, nachdem die Truppen der Koalition der Willigen sich als äußerst repressive Besatzer und kontraproduktiv, anstatt den Terrorismus zu bekämpfen, zum Verursacher von Aufständen wurden, die eine ganze neue Generation für den Dschihad gegen die amerikanischen Kreuzfahrer hervorbrachte.
Mit dem kanadischen Journalisten Lawrence Hill hat Joshua Key in Interviews seine Geschichte erzählt, die nun in diesem Buch zusammengefasst wurde. Alle darin enthaltenen Ereignisse hat Joshua Key selbst erlebt und sind daher aus erster Hand gesichert, Gerüchte, Geschichten usw. kommen bestenfalls am Rande vor, stattdessen erhält man einen eindrucksvollen Einblick in das Leben eines einfachen Besatzungssoldaten gewährt, dessen Gewissen ihm schlussendlich zum Verhängnis wurde.
"Nach Vertragsabschluss sah mir Staff Sergeant Van Houten in die Augen, von Mann zu Mann, schüttelte mir die Hand und sagte: "Soldat, Sie brauchen sich keine Sorgen machen. Sie werden in den USA Brücken bauen und jeden Abend zu ihrer Familie nach Hause gehen."
Zwei weitere Unteroffiziere sahen mir über die Schulter, blätterten im Vertrag, überflogen das Kleingedruckte und ließen mich an den mit einem Kreuz markierten Stellen unterschreiben. Ich unterschrieb und glaubte, was man mir sagte. Was war ich für ein Narr.
Am 3. April 2002 verpflichte ich mit bei der U.S. Army. Achtzehn Tage später schickte man mich zur Grundausbildung nach Fort Leonard Wood, Missouri.
"Ich nahm einen Linienflug von Oklahoma City nach St. Louis. Am Flughafen traf ich hundertfünfzig weitere neue Rekruten. Wir stiegen in Militärbusse. Die Fahrt nach Fort Leonard Wood war lang, doch zumindest ich jetzt auf der Lohnliste des Militärs. Brandi, die mit unseren Jungs nach Checotah, Oklahoma, zog, würde den Kindern Kleider kaufen können, und wir würden alle etwas Besseres zwischen die Zähne bekommen."
- Joshua Key über seine Verpflichtung, Seite 57
Wie er sich selbst beschreibt, wurde Joshua Key als bibeltreuer Südstaatler und typischer Bush-Wähler aus der Unterschicht geboren, der schon bald lernte mit Waffen umzugehen und in einem Wohnwagen aufwuchs. Damit gehörte er sozusagen zum White Trash der US-Gesellschaft, jenen die es nicht geschafft aufs College zu kommen und Karriere zu machen oder einen Beruf zu erlernen. So wurde Key zum idealen Ziel der Army-Rekruteure, die seine Mutter damals zwar noch verjagte, deren Worte aber eine unheilvolle Saat im jungen Mann hinterlassen hatten. Jahre später, als Familienvater und unter dem Existenzminimum lebender ging die Saat auf und sich bei der Army zu verpflichten wurde für ihn zu einer attraktiven Möglichkeit, seinem tristen Leben zu entfliehen. Mit dem Versprechen seines Rekruteurs nie in den Krieg ziehen zu müssen und einem Handschlag unter Männern schien es besiegelt, doch alles kam anders, als 2003 der Krieg ausbrach und sich der junge Soldat in einer Einheit wiederfand die mit Stolz verkündete in jedem größeren Konflikt der USA dabei gewesen zu sein.
Anfangs, so gesteht auch Joshua Key, war er überzeugt davon, das richtige zu tun, um Terroristen zu bekämpfen, den Tyrannen Saddam Hussein zu stürzen und die Welt von Massenvernichtungswaffen zu befreien. Doch der Alltag im Kriegsgebiet, die Häuserdurchsuchungen, die Gewalt gegen Zivilisten weckten sein Gewissen. Heute leidet er am posttraumatischen Stresssyndrom und muss zugeben, dass seine Fahnenflucht vielleicht der einzige Weg gewesen ist, der nicht unweigerlich zu einem Tod im Irak oder zum Selbstmord geführt hätte. Als Kind war die Flucht von der Truppe etwas für ihn unvorstellbares, das nur Feiglinge tun würden, doch heute denkt er anders. "Ich bin ein Deserteur" ist die Geschichte wie es dazu kam.
Fazit:
"Ich bin ein Deserteur" ist eine unbedingt lesenswerte Geschichte, schildert sie doch aus erster Hand das Verhalten amerikanischer Besatzungssoldaten im Irak und ist somit ein zeitgeschichtlicher Augenzeugenbericht von hohem Wert.