Okay, der Umstand, dass Hape Kerkeling gleich auf den ersten Seiten einräumt, als Schüler ernsthaft überlegt zu haben, Religionswissenschaftler zu werden, gab einen kleinen Sympathiebonus. Aber der Erfolg des Buches steckt nur zum Teil in (überraschenden, witzigen) biografischen Notizen, eher schon in dem anregenden Thema der traditionsreichen Pilgerfahrt - aber vor allem im unverwechselbaren Beobachtungs- und Beschreibungsstil des Autors.
Er ist mutig genug, einerseits jene ironisch-kritische Distanz zu allem zu wahren, die die meisten von uns längst als Grundhaltung der Moderne verinnerlicht haben - sich aber andererseits auch immer wieder vertrauensvoll zu den Menschen, dem Pilgerweg und, ja, den Gottesfragen und der religiösen Erfahrung hin zu öffnen.
Das Buch scheint mir ein "Mitnehmer" zu sein, weil es sehr vielen Leuten erlaubt, an den verschiedensten Stellen lachend anzuknüpfen und ein Stück mitzugehen in Themen, die gerade in Deutschland eigentlich öffentlich tabuisiert sind. Dies wird besonders auffällig, wenn sich der Autor zu seiner Homosexualität bekennt - und dies auch ihm selbst leichter über die Lippen bzw. den Notizblock kommt als beispielsweise das Bekennen zu einem zusammengebastelten, aber ethisch verbindlichen Glauben, für das er Spott fürchtet. Richtig wütend wird er aber, wenn er das Gefühl hat, das eine werde gegen das andere ausgespielt. Er kann alte Kirchen so liebevoll schildern wie Menschen, die ihn berühren und beeindrucken. Denn in beiden Fällen weiß er sich jeweils angenommen, so wie er ist.
Das Buch ist oft chaotisch und hat Längen und Umschweife. Es schwankt immer wieder zwischen Komik und Ernst, Kerkeling schildert Lachanfälle und Tränen. Streckenweise ist es anstrengend, dann geht es wieder leicht dahin. Kerkeling hat nicht nur "über" einen Pilgerweg geschrieben, das Buch "ist" ein kleiner Pilgerweg. Wahrscheinlich findet jeder Leser etwas ganz Eigenes darin - und das dürfte einen Teil seines Erfolges ausmachen.
Ich war kein großer Kerkeling-Fan, bevor ich dieses Buch gelesen habe. Aber ich bin es jetzt. Denn ich war, einige wunderschöne Lesestunden lang innerhalb nur eines Tages, einfach mal weg.