Bestimmt gibt es viele Menschen, die im Zeichen der Zeit beim Blick auf den Titel entscheiden, das Buch nicht zu lesen, nach dem Motto: "Nicht schon wieder so etwas Belastendes." Tatsächlich aber beginnt das Buch spannend und lustig, auf sehr klevere Weise ermuntert es somit automatisch, weiter zu lesen.
Es bleibt dann sehr spannend und informativ. Ich erlebte es beim Lesen als große Bereicherung, den oft in unserem Land geschürten Vorurteilen gegenüber Asylanten und ethnischen Minderheiten einen Gegenpol gesetzt zu bekommen und sich ganz natürlich in die oft auch rührend beschriebene Perspektive der kleinen Nourig hinein zu versetzen und mit ihr zu fühlen.
Im weiteren Verlauf des Buches wird die Geschichte erwartungsgemäß immer dramatischer. Der Buchtitel gibt es ja bereits vollständig vor (was dieses Buch vermutlich in den folgenden Auflagen nicht mehr nötig haben wird!). Der traurige "Höhepunkt" des sog. Ehrenmords an der eigenen Schwester wird dann nur überraschend kurz beschrieben. Diese Art der Darstellung ist dabei nur glaubwürdig. Denn es handelt sich ja um ein kurzes, in völliger Erstarrung wahrgenommenes Schockerlebnis. Doch die Geschichte der inzwischen volljährigen Nourig geht weiter und somit hat das Buch noch wesentlich mehr zu bieten.
Alleine schon die Aufdeckung der inhumanen Methoden eines offensichtlich skrupellosen, heuchlerischen, sensations- und karrieregeilen Presse- und v.a. Polizei-Machtapparates in der Gegenwart eines der - von seinem Ruf her - weltweit besten Rechtsstaatssysteme beschämt, ist mehr als skandalös und macht dieses Buch wundervoll mutig, ermutigend und so besonders wichtig!
Auch die ganz am Ende vorgenommene Auseinandersetzung mit der "Kopftuchproblematik" war für mich lehrreich, da dieses Problem für mich bislang keines war. Jedenfalls kein Problem von besonderer Priorität. Für mich stand bisher einfach nur der wichtigste soziale und humane Wert im Vordergrund, der sich bezeichnen lässt als: "Vorurteilsfreie Akzeptanz des Anders-Seins." Die Aggressivität, mit der manche deutschen Männer mit Unterstützung entsprechender Schlagzeilen in der BILD-Zeitung auf kopftuchtragende Frauen hetzen, hat mich stets instinktiv, innerlich schaudern lassen. Ist es doch dabei immer zu offensichtlich, dass solche Männer sich zugleich Null für andere soziale Leiden von offensichtlich noch dramatischerer Brisanz interessieren. Somit drängte sich mir hier oft der Verdacht auf, dass das Thema "Unterdrückung von muslimischen Frauen" von westlichen Männern als vermeintlich edles Alibi-Motiv hervor geholt wird. In Wirklichkeit, so schien mir oft, sind diese Männer mächtig darüber frustriert, dass ihnen die Macht genommen wird, sich nicht orientieren zu können, ob es sich lohnt, sich in ihren (oft unerfüllten) Phantasien am Anblick dieser orientalischen Frau zu erfreuen oder nicht ...
Kurz: Ich finde es einfach unendlich wichtig, Andere ihr Leben nach deren Vorstellungen leben zu lassen (sie werden schon ihre Gründe dafür haben und diese Gründe interessieren mich, zunächst einmal, überhaupt nicht). Es gilt, niemand anders gegenüber zu versuchen, die eigenen Werte und Gewohnheiten aufzudrücken. Denn diese basieren ja ebenfalls nur auf kulturell angelernten und ansozialisierten, meist in keiner Weise in ihrer Sinnhaftigkeit hinterfragten und oft gewissermaßen willkürlichen Konstruktionen ... Nourig Apfeld hat mich hier in ihrem Nachwort deutlich erweiterte Aspekte gelehrt, in ihrer Begründung der Ablehnung des Tragens von Kopftüchern, zumindest bzgl. des Tragens in Schulen und Universitäten, und ich akzeptiere diese Perspektivenerweiterung gerne.
Vor und während der Lektüre habe ich verschiedentlich hier und da gehört, dass sich dieses Buch insbesondere dadurch auszeichnen würde, dass es nicht anklagend sei.
Ich bin grundsätzlich skeptisch, wenn ich so etwas höre. Es sagt sich so leicht; solch verbale Bescheidenheit klingt manchmal schick und vermag oft ein für sich selbst werbendes Motiv nicht wirklich zu verbergen. Nicht erst seit, doch spätestens seit dem allerletzten Satz in diesem Buch, weiss ich, dass es wahr ist: Weniger anklagend hätte man es nicht formulieren können. Verständnisvoller, weitsichtiger und deutlicher von unerschütterlicher (Nächsten-) Liebe geprägt kann ein Mensch, mit diesem Erlebnis- und Erfahrungshintergrund einer solchen persönlichen Familiengeschichte, wie derjenigen, der Autorin, nicht mehr umgehen.
Vor einiger Zeit hat mich einmal beeindruckt und geprägt, dass ein großer Kunst- und Literaturkenner sagte:
"Ein Lied, ein Gedicht, ein Buch ist erst dann ein großes Werk, wenn es dich zum Weinen bringt."
Dieses Buch trieb mir an verschiedenen Stellen die Tränen in die Augen. Am heftigsten, unerwartetesten und als eine wunderbare, unglaublich intensive und reinigende Erfahrung, geschah dies aber genau in dem Moment, als ich das Buch fertig durchgelesen hatte und endgültig zuschlagen wollte. Jetzt brachte mich der allerletzte Satz zum unvermittelten, nicht aufhaltbaren (und nicht aufhalten-wollenden!) Weinen. Und das, während ich nur die erste Hälfte dieses letzten Satzes des Buches gelesen hatte. So habe ich es in meinem gesamten Leben noch mit keinem anderen Buch je erlebt. Und: "Vorsicht, langsam bitte!" sei denjenigen gesagt, die da jetzt munkeln mögen: "Was iss'n das für'n Weichei, der sowas schreibt; "Weinen müssen, als Mann!": Ein vielfacher Marathonläufer, Hubschrauberpilot, Alleingänger im Dschungel-Regenwald, regelmäßig kalt Duschender, Freund von Heavy Metal und Punkmusik, Zombie- und (niveauvollen) Horrorfilmen und jemand, der Wochen an Freiwilligenarbeit in der Gedenkstätte Ausschwitz geleistet hat, ist nicht notwendigerweise soft und nichts "Hartes" gewohnt ...
Was für eine mutige, kraftvolle und doch zugleich friedvolle Waffe stellt dieses Buch dar, sich durch die Veröffentlichung mit der (hier ja lediglich exemplarischen!) Geschichte, die so oder ähnlich tausendfach menschenrechtsverletzend erlebt werden muss, zur Wehr zu setzen! Zur Wehr zu setzen gegen barbarischen, menschenverachtenden Machismus, der in individuell übersteigertem Unrechtsverhalten allerdings auch Ruf & Frieden einer ganzen Kultur (und eines ganzen Geschlechts!) ruiniert, die ja zweifelsfrei ihre guten Seiten hat, und dies sehr konkret zur Folge hat, dass Millionen von guten Menschen diskriminiert werden, die an den Koran glauben UND Gewalt verabscheuen.
Selbst wenn jemand die gesamte biographische Darstellung von Nourigs Lebensgeschichte in diesem Buch allein noch nicht reichen würde, um es als sehr lesenswert und wertvoll zu betrachten: Allein das qualitativ so hochwertig und bedeutungsvoll, sehr informativ und angenehm verständlich formulierte Vorwort von Günter Wallraff sowie Nourig Apfelds Nachwort haben den Erwerb dieses wichtigen und wunderbaren Buches schon vielfach bezahlt gemacht.
Das Buch bietet viel und ich habe damit sehr interessante Erfahrungen gemacht und sehr viel davon gelernt.
Pflichtlektüre. Vorderer Ehrenplatz in der Büchersammlung. Danke!