"Gedichte gehen durch eine warme, stürmische Nacht/ und verlieren unsere Vergangenheit/ in bunten Scherben hinter sich."
Quevedo
"Am Meeresufer
hat die Zeit ihre eigene Gangart, ist blau.
Ich bin eine Frau, die morgens
zwischen Palmen wandert
und den Ozean zu ihren Füßen beschaut,
von heftigen Wellen besänftigt,
die den Bimsstein ihres Herzens polieren."
Gioconda Belli, geboren in Nicaragua, ist eine der vielschichtigsten (und dabei poetischsten) Dichterinnen der Moderne (übrigens erschien diese Sammlung im Original 2003, ist also quasi noch jung). Manche ihrer Gedichte lesen sich wie Oden, andere wie Spiele, andere wie Essays; doch in allen steckt die Leidenschaft, der Drang, in Bildern sprechen zu wollen, zu erkennen, was Körper und Geist im Ausdruck sein können.
"Lasst uns den Körper anbeten/ untrüglicher Altar des Wortes und des Seins."
"Hässlich sind deine Füße, aufregend. Wie die
Hufe des Einhorn, das in den Büschen stöbert mit seinem in
unendlicher Spirale gewundenen Horn."
Obwohl sie für ihre erotischen Liebesgedichte bekannt ist, ein Genre, das sie meisterhaft bereichert hat, sind Betrachtungen aus ihrem Land, Ansichten zu moderner Technologie, Gedichte für/über ihre Tochter, sowie philosophische und einige sehr persönliche Gedichte ebenfalls in diesen Band eingeflossen. Dadurch entsteht ein lyrisches Gesamtbild des Menschen Gioconda Belli, eines Menschen voller Zuneigung, Intelligenz und Reife, jedoch auch Schwäche und Angst; auch suchend und findend wie jeder andere Bewohner der Erde.
"Ich leide an einer Traurigkeit aus Blättern,
die der Wind gegen die geschlossene Tür weht.
Es ist Herbst und das Laub wirbelt auf.
Als würden alle leeren Tages des Lebens
sich im Garten anhäufen und ihre Vergeudung rascheln."
"Durch weit vernetzte Räume reisend
werde ich auf der Tastatur meine Nostalgie nach den Chimären
kundtun und unverzichtbar
das Festhalten an den wichtigsten Freuden nennen:
das dunkle Rosa der Körper. Ihre Nuklearfusion, die das
Universum schafft.
Die Ewigkeit der Schaukeln im Park.
Die Notwendigkeit, im Angesicht fremden Schmerzes zu weinen."
Große Lyriker sind meistens so groß wegen ihres Gefühls für Bilder und Stimmungen, für Metaphern und Ansätze des Denkens. Kommt dann, wie bei Gioconda Belli, noch eine selbstverständlich Ehrlichkeit, eine sanfte Offenheit dazu, kann man einen Lyriker nicht nur groß, sondern auch schön oder gut nennen. Ja, ich denke, das trifft es am besten, wenn ich sage: Gioconda Belli ist eine schöne, poetische Seele, die alles mit der gleichen, wandelbaren Sprachanatomie ausdrückt, sei es nun eine Stadt, die sie durchschreitet, ihre Liebe zu ihrem Geliebten oder das Glück ein Eis zu essen. Oder die Angst vor einer ungewissen Zukunft:
"Nicht verdrängen kann ich die Frage, ob der Blick seine Aufgabe
behalten wird, zu sehen, wie der Regen den Nachmittag an den
Wänden bleicht, ihn Rosa und Gelb verwäscht.
Mich erschreckt die Vorstellung eines Auges, dessen
einzige Landschaft das Lichtquadrat eines allgegenwärtigen
Bildschirms ist."
Ich empfehle diese Poetin und hoffe, sie wird gelesen werden. Denn vor jedem Dichter, der in unserem Jahrhundert noch schöne Gedichte schreiben kann, ziehe ich den Hut.
"Nächte wie diese
haben mich fortgetragen
zu Sonnenaufgängen, deren Farbe stark der Zärtlichkeit ähnelt.
Oder dem wohligen Wissen um die eigene Winzigkeit
wie ein Sandkorn an einem dunklen Strand zu liegen
in unermesslicher Begleitung."