Otfried Preußler hat als Kinder- und Jugendbuchautor mit ganz unterschiedlichen Werken eine Zeit von über 60 Jahren künstlerischen Schaffens hinter sich und lässt uns mit diesem gebundenen Buch kaleidoskopartig in sein Leben schauen. Die Erzählungen, Berichte, Anekdoten, Geschichten sind teils schon einmal veröffentlicht worden, teilweise auch erstmals abgedruckt und bieten eine äußerst abwechslungsreiche, kurzweilige Lektüre. Herausgegeben werden die Texte von den beiden Töchtern Susanne Preußler-Bitsch und Regine Stigloher, ohne dass hier eine vollständige Biographie zu lesen wäre. Vielmehr gewinnt man den Eindruck beim Lesen, als ob man Otfried Preußler immer wieder mal besuchen würde und er aus seinem Leben und seinem Schaffen erzählt. Und diese Begegnungen sind ausgesprochen authentisch und wirken weder belanglos noch verklärend. In Realitätsbezogenheit schafft es das Buch, die vielen Facetten aus dem Leben von Otfried Preußler aufzugreifen, wie beispielsweise seine böhmische Herkunft, die Kriegsjahre und die Gefangenschaft von fünf (!) Jahren, sein Familienleben, seine Zeit als Lehrer und Rektor sowie seinen Erfolg als Schriftsteller und Übersetzer. Beeindruckend sind hier die Kreativität, der Überlebenswille und das Improvisationsgeschick.
Die Gliederung des Buches orientiert sich an den biographischen Abschnitten und beginnt mit der "Kindheit in Reichenberg". Es folgen die Abschnitte "Krieg, Gefangenschaft, Neubeginn", das parallele Wirken als "Lehrer und Schriftsteller" und das Kapitel über die Wirkung von und Kitik an Otfried Preußler, vor allem in den 1960er und 70er Jahren im Rahmen der antiautoritären Bewegung. In diesem Kapitel offenbart der Erfinder von "Räuber Hotzenplotz" seine Ansichten über die Kindheit und lüftet das Geheimnis über sein dialogisches Schriftsteller-Prinzip, wie er im Kontakt zu seinem Dasein als kleiner Junge in Böhmen die Geschichten als Erwachsener aufschreibt. Einen noch intensiveren Einblick erhält man in dem "Werkstatt-Kapitel". Hier lässt er den Lesenden Einblick gewähren, wie fünf seiner Werke entstanden sind bzw. sich entwickelt haben.
Beim Abschnitt "Preußlers Figuren gehen auf Wanderschaft" wird man den trotz des Erfolges bescheidenen Autors Preußler kennenlernen, wie er über die Wirkung seiner Werke berichtet. In dem anrührenden Kapitel "Ein paar Worte zum Schluß" erfährt man eine sehr persönliche Art Quintessenz des Lebens und Schaffens von Otfried Preußler und seine Bezugnahme zu den Vorfahren.
Das ausführliche Werk-, Foto- und Quellenverzeichnis am Ende des Buches vervollständigt das so gut editierte Buch, das mit einer angemessenen Auswahl von Fotos und Illustrationen die über dreißig Textpassagen auflockert.
"Bücher sind Freunde, die stets für uns Zeit haben" wird Otfried Preußler in seiner Originalschrift im Vorsatzblatt zitiert: so kann man nur hoffen, dass Kinder und wohl auch Erwachsene noch lange Zeit sich die Muße nehmen, Räuber Hotzenplotz, die kleine Hexe, das kleine Gespenst, den Kater Mikesch und den kleinen Wassermann kennen und schätzen zu lernen.
So ist dieses Buch nicht nur eine angemessene Vorstellung von Otfried Preußler, sondern ein Plädoyer, das Geschichtenerzählen und -hören weiter fortzuführen, wenn auch manches Mal mit erweiterten medialen Möglichkeiten. So mag man Eltern und pädagogisch verantwortlichen Lehrern/-innen und Erziehern/-innen den Titel umschreiben: "Wir sind Geschichtenerzähler!"